Aarau
Samichlaus liest den Einwohnerräten die Leviten

Am Jahresend-Apéro des Einwohnerrats Aarau war auch der Samichlaus anwesend. Er tadelte die Vielschwätzer und Mehrfach-Antragsteller und schlug vor, Abstimmungen im Voraus per Doodle zu klären.

Sabine Kuster
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Ein Samichlaus mit auffallend kleiner Nase und ein Schmutzli mit feinen Händen lesen dem Einwohnerrat die Leviten.

Ein Samichlaus mit auffallend kleiner Nase und ein Schmutzli mit feinen Händen lesen dem Einwohnerrat die Leviten.

KUS

Dem Stadtrat die Leviten lesen – das können die Einwohnerräte gut. Auch gegenseitig sparen sie oft nicht mit Kritik. Wobei die Debatte über eine gemeinsame Kreisschule mit Buchs am Montag eher gesittet verlaufen war. Lag es daran, dass das Ja zum nötigen Kredit von Anfang an feststand? Oder war es schlicht der Jahresend-Apéro im Naturama, der die Einwohnerräte von einer ausufernden Debatte abhielt?

Dort eröffnete Einwohnerrat und Naturama-Direktor Peter Jann wohlweislich sofort die Futterkrippe, denn die Ratsmägen knurrten um halb 10 Uhr schon lauter als die Raubtiere, bevor diese in die Vitrinen kamen.

Aber Stadtrat Werner Schib musste noch vor dem Gang ans Buffet mit Alexander Umbricht (Grünliberale) eine wichtige Sache klären: «Meine Tochter hätte also schon ein Sprüchlein vorbereitet gehabt», sagte er zu Umbricht, der beim Stadtrat zu Hause als Samichlaus aufgetreten war. Sie sei mit ihren drei Jahren einfach noch zu scheu gewesen, erklärte Schib und sagte zum Beweis den Vers gleich selber auf.

Ein femininer Samichlaus

Einwohnerratspräsidentin Danièle Zatti und Vize-Präsidentin Lelia Hunziker waren beim Apéro nicht auszumachen. Dafür stiegen Samichlaus und Schmutzli mit auffallend hellen Stimmen aus dem Keller des Naturama herauf und öffneten das Sündenbuch des Einwohnerrates. Eine «goldene Brücke» habe sich Aarau geschenkt, kritisierte der Samichlaus, worauf prompt einer nach gewohnter Ratsmanier in den Raum rief: «Sachlich bleiben!» Auch der Schmutzli schien eher zur Pro-Pont-Neuf-Fraktion zu gehören.

Dafür waren sich die beiden kleinnasigen Typen einig, dass bei ihnen im Wald punkto Geschlechter noch alles in Ordnung sei, während die Stadt Aarau jetzt «so neumödisch» von Frauenhand regiert werde.

Zu kurz käme auf jeden Fall jeweils das gemeinsame Bier nach den zu langen Sitzungen, tadelte der Samichlaus. Dies, weil jeder Rat noch mal vorlesen wolle, was ohnehin im Protokoll stehen würde. Der Schmutzli fügte an: «Mühsam sind auch die vielen Anfragen mit den hundert Unterfragen.»

Ein direktes Telefon zur Verwaltung würde doch oft auch genügen, «aber dann kommt ihr Räte halt nicht in der Zeitung.» Sowieso: Dass die Aargauer Zeitung die Voten der «Vielschwätzer» auch noch abdrucke, schaffe im Rat ganz klar «falsche Anreize».

Der Präsidentin, klagte der Samichlaus weiter, hätten im letzten Jahr besonders die vielen Ordnungs- und Austritts-Anträge zu schaffen gemacht. Da müsse die Arme jeweils entscheiden, ob das rechtens sei, dabei könnten ihr «die vielen Juristen im Rat» auch nicht helfen.

Auch den Stimmenzählern im Einwohnerrat lasen die beiden die Leviten, weil die Rechnung im letzten Jahr nicht immer aufgegangen war. Sie hätten es als Hinterbänkler aber halt auch schwer und deshalb schlug der Samichlaus ab 2015 der besseren Übersicht halber eine Sitzordnung nicht nach Parteien, sondern der Grösse nach vor. Sowieso könnten die Abstimmungen doch schon vorab per Doodle geklärt werden – auch zugunsten des Feierabendbiers.

Lob gab es für den Ratsdienst und die Kanzlei, ein «Energiesparlämpli» im Papiersack für die Räte. Stadtpräsidentin Jolanda Urech konnte spontan fehlerfrei einen Vers aufsagen und so beschlossen die beiden Typen, die Rute wegzustecken, die sei ohnehin für «eine andere Stadt» reserviert – und dorthin, gen Osten, müssten sie jetzt.

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