Prozess in Aarau

Räuber wollte kiloweise Schmuck, doch er stolperte über Hund und Herrchen

Ein Italiener hatte sich den Überfall auf die Gloor Goldschmied AG einfach vorgestellt. Doch dann wurde er überrascht und der Überfall wurde für ihn zum Desaster. Nun hatte er sich vor dem Bezirksgericht Aarau dafür zu verantworten.

Pascal Meier
Drucken
Teilen
Der Dieb gelangte zwar ins Ladenlokal, aber nicht mehr hinaus.

Der Dieb gelangte zwar ins Ladenlokal, aber nicht mehr hinaus.

Sabine Kuster

Was ist das für ein Räuber, der während eines Überfalls den Bettel hinschmeisst, sich ein Sugus in den Mund steckt und auf einem Stuhl wartet, bis die Polizei vorfährt? Diese Frage beschäftigte das Bezirksgericht Aarau.

Mit beiger Jacke, polierten Lackschuhen und leicht ergrautem Haar sass Felice (Name geändert) im Gerichtssaal. Ein Polizist hatte ihn für die Verhandlung aus dem Gefängnis geholt, wo der 42-jährige Italiener seit dem 7. Juli 2014 einsitzt – jenem Tag, als Felice die Aarauer Bijouterie Gloor Goldschmied AG am Rain 8 ausrauben wollte.

Das hatte er sich aber einfach vorgestellt: Felice wollte die Angestellten mit einem Messer einschüchtern, mit Klebeband fesseln und mit fünf bis sechs Kilo Schmuck verschwinden. Für rund 100 000 Franken sollte sich der Schmuck in Zürich, Olten oder Luzern verkaufen lassen, dachte sich Felice. Vom Geld wollte er sich selbstständig machen und seinem in Rumänien lebenden Sohn die Zukunft sichern.

Es kam anders. Als Felice in die Bijouterie trat und Geschäftsführer Andreas Vögele mit gezücktem Messer «runter auf den Boden» ins Gesicht brüllte, passierte erst einmal gar nichts. Vögele verstand kein Italienisch. Dann stürzte er sich überraschend auf Felice und rief nach seinem Terrier «Rubus», der nebenan in der Werkstatt döste.

«Es gab zwei Möglichkeiten: Angriff oder Flucht», erklärte Andreas Vögele vor Gericht. «Alles ging sehr schnell und mir gingen viele Dinge durch den Kopf – zum Beispiel, dass ich mir mein Geschäft nicht wegnehmen lasse.»

Zudem habe er Angst um seine Angestellte gehabt. Diese drückte während des Kampfes den Alarmknopf. Terrier «Rubus» stand inzwischen in der Tür zur Werkstatt und knurrte den Räuber an.

Rubus eilte dem Herrchen zur Hilfe

Rubus eilte dem Herrchen zur Hilfe

Katja Schlegel

Als sich Andreas Vögele dann vor die Haupteingangstüre stellte, war auch dieser Fluchtweg versperrt. Felice sass in der Falle. «Ohne Rubus hätte mir der Mut gefehlt, so zu reagieren», sagte Vögele nach dem Überfall der az. «Er ist der eigentliche Held.»

Felice gab auf. Er setzte sich konsterniert auf einen Stuhl, griff in den Sack mit den Täfeli und schob sich ein Sugus in den Mund. Bevor die Polizei eintraf, entsorgte er das Papierli im Abfallkorb.

Wollte der Dieb ins Gefängnis?

Für die Staatsanwaltschaft hat sich Felice damit des versuchten qualifizierten Raubes mit besonderer Gefährlichkeit schuldig gemacht. Er sei skrupellos vorgegangen und habe versucht, beim Gerangel mit dem Geschäftsführer diesen zu verletzen. Zudem habe Felice die Bijouterie Stunden zuvor bei zwei Besuchen auskundschaftet und die Tat damit geplant.

Die Staatsanwaltschaft forderte 36 Monate Gefängnis, zur Hälfte teilbedingt bei einer Probezeit von 2 Jahren. Darin inbegriffen ist der Einbruch in ein Mehrfamilienhaus in Muhen, der im Prozess ebenfalls verhandelt wurde.

Felice stellte den Überfall vor dem Bezirksgericht völlig anders dar. Er habe die Bijouterie gar nicht ausrauben wollen, übersetzte die Dolmetscherin. «Es ging mir aus familiären Gründen schlecht und ich irrte durch Aarau.»

Als er zum dritten Mal an jenem Tag vor der Bijouterie stand, habe er sich spontan entschieden, sein Leben zu ändern. «Ich wollte ins Gefängnis», erzählte Felice regungslos. «Ich wollte, dass man mich verhaftet, damit ich im Gefängnis arbeiten und meinem Sohn Geld schicken kann.»

Zur Frage des Gerichts, warum er Messer und Klebeband im Rucksack hatte, antwortete er: «Als Sizilianer trage ich immer ein Messer bei mir. Und das Klebeband brauchte ich für meine Arbeit als Gipser.»

Dieb nannte seinen Namen

Felice erzählte dem Gericht damit eine völlig andere Version, als er nach der Festnahme zu Protokoll gegeben hatte. Damals sagte er, dass er dringend Geld gebraucht habe und schilderte im Detail seinen Plan für den Überfall.

«Das waren alles Lügen», sagte Felice nun vor Gericht. Es sei ihm gesundheitlich schlecht gegangen und er habe bei der Einvernahme nicht realisiert, was um ihn herum geschehe.

Felices Verteidiger forderte deshalb, dass das Gericht seinen Mandanten für den Zeitpunkt der Festnahme als «nicht vernehmungsfähig» betrachtet. Zudem habe Felice die Tat weder geplant, noch sei er skrupellos vorgegangen. «Es war eine dilettantisch ausgeführte Kurzschlusshandlung, um ins Gefängnis zu kommen.»

Sein Mandant hätte nach dem Kampf mit dem Geschäftsführer nämlich flüchten können. «Nicht alle Fluchtwege waren versperrt. Und Angst vor Hunden hat mein Mandant schon gar nicht.» Zudem habe Felice bei einem der beiden vorherigen Besuche in der Bijouterie seine Personalien für die Reservation eines Schmuckstückes angegeben.

«Stellen sie sich mal einen Räuber vor, der einen Überfall plant und kurz zuvor seinen Vor- und Nachnamen auf ein Blatt schreibt.» Der Verteidiger plädierte deshalb nur auf versuchten einfachen Raub mit einer bedingten Freiheitsstrafe von 10 Monaten, inklusive Einbruch ins Müheler Mehrfamilienhaus.

«Es wird nie mehr wie zuvor»

Das Gericht folgte weitgehend der Staatsanwaltschaft. Felices Aussagen bei der ersten Einvernahme seien glaubwürdig und er sei bei vollem Bewusstsein gewesen. Die neue Version mit dem freiwilligen Gefängnis-Aufenthalt sei unglaubwürdig.

Jedoch kam das Gericht – anders als die Staatsanwaltschaft – zum Schluss, dass Felice den Raub nicht skrupellos ausgeführt hatte. Er wurde deshalb zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt, dies bedingt mit einer Probezeit von zwei Jahren.

Die bereits abgesessenen neun Monate Haft werden angerechnet. Zudem muss Felice Andreas Vögele 2500 Franken Genugtuung und Parteikosten zahlen. Hinzu kommen die Verfahrenskosten sowie die Kosten für die amtliche Verteidigung – Letztere, sobald Felice wieder zu Geld kommen sollte.

Ob ihm bewusst sei, dass er Vögele und dessen Angestellte in Angst versetzt habe, fragte die Gerichtspräsidentin Felice noch. Dieser erwiderte nur, dass er aus einer schwierigen Situation heraus gehandelt habe.

Weil er trotz vieler Gelegenheitsjobs in der Schweiz kaum Deutsch spricht, verstand er nicht, als Andreas Vögele erzählte: «In den ersten Monaten ging es mir schlecht. Jedes Mal, wenn sich die Ladentüre öffnete, kam die Angst zurück.» Nun gehe es ihm und der Angestellten besser. «Wir sind aber vorsichtiger geworden. Und es wird nie mehr so sein wie zuvor.»