Oberentfelden

Oma und Opa helfen im Klassenzimmer aus – und alle profitieren davon

Pensionierte helfen in der Schule als Betreuer gratis aus – als Unterstützung für die Lehrpersonen. Doch die Chefin ist und bleibt dabei die Lehrerin.

Deborah Onnis
Drucken
Teilen
Peter Zuberbühler betreut Kinder der Kleinklasse im Schulhaus Isegüetli in Oberentfelden. Deborah Onnis

Peter Zuberbühler betreut Kinder der Kleinklasse im Schulhaus Isegüetli in Oberentfelden. Deborah Onnis

Deborah Onnis

«9 mal 6 – wie viel macht das?» Die Schülerin der 4. Kleinklasse des Schulhaus Isegüetli in Oberentfelden zögert. «Wenn du nicht sicher bist, nimmst du den letzten Betrag und addierst 6 dazu», sagt Peter Zuberbühler fast flüsternd, in einem sanften Ton. Wie ein Grossvater, der einem Enkelkind ein Geheimnis verrät. Seit fünf Jahren verbringt der 72-Jährige aus Suhr einmal in der Woche einen halben Tag in der Klasse. Als Unterstützung für die Lehrerin.

«Generationen im Klassenzimmer» heisst das Projekt von Pro Senectute, das seit dem Jahr 2003 den Rahmen dafür bietet. Im Kanton Aargau besuchen rund 650 Seniorinnen und Senioren regelmässig Schulklassen, mittlerweile an über 80 Schulen. Tendenz steigend.

Geduld und Verständnis nötig

«56» ist das richtige Resultat von 9 mal 6, ist ein Schüler überzeugt. «Mmh, bist du da ganz sicher? Versuch mal nachzurechnen», rät der Senior in der Runde. Denkpause. Geduld, ja, die braucht man bei der Arbeit mit Kindern. Ein höheres Alter aber ist kein Garant für diese Fähigkeit.

Glücklicherweise kann man Geduld trainieren. «Herr Zuberbühler musste vor allem am Anfang Geduld und Verständnis für gewisse Situationen entwickeln. Zum Beispiel, dass man einzelnen Kindern das Gleiche mehrfach erklären muss», erinnert sich die Klassenlehrerin, Dorina Baumann, die den aussergewöhnlichen Helfer im Klassenzimmer nicht mehr missen möchte.

«54!», korrigiert sich der Schüler. – «Jaaa, genau!» Der Senior freut sich mit. Zuberbühler ist im Klassenzimmer jeweils für kleinere Arbeiten zuständig. Er korrigiert Aufgaben einzelner Kinder, übt mit anderen das 1 mal 1 oder liest mit einem Schüler. «Er ist wirklich eine wertvolle Stütze», sagt Baumann.

Nicht nur im Unterricht, sondern auch an speziellen Anlässen wie Exkursionen, Projektwochen oder Lager. «Ich bin froh um jede Hilfe, da meine Kleinklasse mit 14 Schüler schon sehr gross ist.» Wenn Zuberbühler in der Klasse ist, sei das Arbeitsklima oftmals ruhiger, da die Klasse für gewisse Arbeiten in Kleinstgruppen aufgeteilt werden kann. So müssen die Schüler nicht so lange anstehen und kommen schneller zu einer Ansprechperson.

Senior fühlt sich noch nicht alt

Das Reihenspiel in der Klasse geht weiter. 6 mal 7? Denkpause. Als Zuberbühler in der Zeitung das erste Mal vom Projekt las, zögerte er: «Als Junggebliebener konnte ich mich nicht mit Pro Senectute identifizieren. Ich fühle mich ja nicht alt», sagt der rüstige 72-jährige Vater eines 21-jährigen Sohnes. Als er sich aber genauer informierte, konnte der pensionierte Leiter Regressdienst IV Aarau seine Vorurteile ablegen. Und meldete sich für das Projekt an.

Es folgte ein vertieftes Vorstellungsgespräch, schliesslich kam die Zusage. «Ich denke, ich habe wohl mit meiner Junioren-Trainer-Erfahrung gepunktet.» Früher war Zuberbühler Fussball- und Eishockeytrainer bei Aarauer Vereinen. Als das Pensionsalter kam, dachte er noch lange nicht an den Ruhestand.

Beim Regressdienst arbeitet er weitere zwei Jahre, um seinen Nachfolger einzuarbeiten. «Ich dachte schon immer, wenn ich mal pensioniert bin, dann möchte ich mein Wissen gratis weitergeben», sagt Zuberbühler, der gerne Schlittschuh läuft und im Wald joggt.

Fast wie ein richtiger Grossvater

«42» – ruft eine Schülerin rein, die nicht an der Reihe gewesen wäre. Zuberbühler zeigt sich unbeeindruckt vom Reingeplapper. Er sei als Unterstützer da, die Chefin bleibe die Lehrerin. «Weisch, wenn die anderen dran sind, dann kannst du dir schon überlegen, was das nächste Resultat ist», flüstert er einer anderen Schülerin ermunternd zu. Sie nickt ihm aufmerksam zu, froh um den Exklusiv-Tipp. «Herr Zuberbühler ist gut im Helfen», sagt sie im Anschluss, als die Reporterin sie nach den Stärken von Zuberbühler fragt.

Manchmal, zwischen den Übungen, vertraut sich der eine oder andere Schüler dem Klassen-Opa an. «Dann erfahre ich Dinge, die dann nur bei mir bleiben», sagt Zuberbühler, der in der Klasse in solchen Momenten wie ein richtiger Grossvater für die Schüler ist. Für seinen Einsatz in der Klasse erhält der Senior keinen Lohn, dafür aber ein unbezahlbares Geschenk: das Leuchten in den Augen der dankbaren Kinder.