Aarau
«Mehr als eine Staumauer»: Neujahrsblätter fast ausschliesslich dem Telli-Quartier gewidmet

Die Aarauer Neujahrsblätter 2018 sind fast ausschliesslich dem Telli-Quartier gewidmet. Von den 16 Autorinnen und Autoren sowie Fotografen, die Beiträge zu den Neujahrsblättern 2018 beigesteuert haben, durfte sich einer an der Vernissage präsentieren: Rafael Schmid.

Ueli Wild
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Wer Telli sagt, denkt oftmals an die grossen Wohnzeilen; dass das Quartier viele andere Facetten hat, zeigen die Neujahrsblätter.

Wer Telli sagt, denkt oftmals an die grossen Wohnzeilen; dass das Quartier viele andere Facetten hat, zeigen die Neujahrsblätter.

Ueli Wild

Martin Tschannen, Redaktionskommissionspräsident der Aarauer Neujahrsblätter und seit 24 Jahren selber in der Telli wohnhaft, ist es leid, dass sein Quartier von Nichttellianern regelmässig auf die markanten Wohnzeilen reduziert wird. «Die Telli ist mehr als eine Staumauer», verkündete er am Donnerstagabend an der Vernissage der Neujahrsblätter 2018 im vollbesetzten Gemeinschaftszentrum Telli.

Tschannen bestritt, dass die Telli ein peripheres Quartier sei. Und Stadtpräsidentin Jolanda Urech leistete Support: «Die Telli ist ein Vorzeigequartier.» Hier, wo um die 3000 Menschen lebten, passiere so viel Wichtiges und Interessantes. Als vorbildlich und schön strich die Stadtpräsidentin den Quartiergeist der Tellianer heraus.

«Unten in der Telli», liess Martin Tschannen durchblicken, fühle man sich hin und wieder «von denen in der Stadt oben» diskriminiert. In der Telli gehe manches nicht so schnell vorwärts. Das Regenbecken habe zwei Anläufe gebraucht, der Steg, der das Quartier mit dem Scheibenschachen verbunden hätte, habe im Einwohnerrat keine Gnade gefunden. «Und bei der Tellistrasse diskutiere ich seit 15 Jahren mit.» Dass man in der Stadt oben auf die Telli hinunterschaue, entgegnete indessen Jolanda Urech, erlebe sie nicht mehr. Und die Rückstufung der Telli- strasse von einer Durchgangsstrasse zu einer Quartiersammelstrasse habe man aus finanziellen Gründen verschoben. (Der 7,5-Mio.-Franken-Kredit für die Realisierung ist im aktuellen Politikplan erst unter 2027 und folgende Jahre aufgeführt.)

«Mit Abstand spannendstes Quartier»

Von den 16 Autorinnen und Autoren sowie Fotografen, die Beiträge zu den Neujahrsblättern 2018 beigesteuert haben, durfte sich einer an der Vernissage präsentieren: Rafael Schmid. Der Sozialpädagoge und Kolumnist hat Porträts von Tellianern aufgezeichnet, die in Ich-Form vom Leben im Quartier erzählen. Im Inhaltsverzeichnis findet man die Porträts freilich nicht. (Übersichtlich gestaltet ist das Buch mit dem unruhigen Layout und dem Wechsel zwischen rot und schwarz als Textfarbe auch sonst nicht unbedingt.) Schmid, wohnhaft an der Aurorastrasse, zeigte sich vollends euphorisch: Die Telli sei «mit Abstand das spannendste Quartier» Aaraus. Sie sei in der Tat eine Stadt in der Stadt. «Und die Telli lebt», ergänzte Martin Tschannen. Das, so hoffe er, habe auch die Vernissage klargemacht.

Auch im Buch stehen vielfach die Menschen im Vordergrund – das Leben heute und gestern im Quartier, die Institutionen wie etwa das KiFF und der Fabrikpalast. Vieles erfährt man auch über das Entstehen und die anstehende Erneuerung der vor bald 50 Jahren auf dem Land der Färberei Jenny erbauten Wohnsiedlung – oftmals aus dem Mund damals Beteiligter. Alles ging seinerzeit relativ schnell. Fritz Wagner (82), der 1971 Stadtbaumeister war, wird von Heidi Hess unter anderem mit dem Satz zitiert: «Ein solches Vorgehen wäre heute undenkbar.»

Kirche bei der Aarefurt

Historische Beiträge stammen von Hermann Rauber («Der Mythos des Tellirings»), Gabriela Suter («Die Telli im Wandel: vom Industrie- zum Wohnquartier», Katja Schlegel («Der Aarauer Stausee») und Felix Kuhn («Die Furt durch die Aare und die Telli-Kirche»). Wer die Geschichte der Telli im Auge hat und den Blick zurück ins Mittelalter wagt, kommt nicht umhin, die geheimnisvolle Kirche anzusprechen, die (zwischen Johann-Rudolf-Meyer-Weg und Sengelbachweg) an der Aare stand. Heute geht man davon aus, dass der Bau, dessen Überreste 1936 entdeckt und 1959 im Rahmen einer Notgrabung untersucht wurden, ins 10. oder 11. Jahrhundert zu datieren ist. Felix Kuhn hat eine Erklärung für die Lage in der hochwassergefährdeten Auenlandschaft: Auf einem bisher unveröffentlichten Kartenblatt von 1784/85 ist hier eine «Aare Furth» vermerkt. Eine Brücke über die Aare gab es vor 1270, also 30 Jahre nach der Stadtgründung, noch nicht. Die Tellikirche wäre demnach eine Schutzkirche für die Menschen gewesen, die im Vertrauen auf den göttlichen Beistand die Furt benutzten. Kuhn nimmt zudem an, dass sie von der Bevölkerung der vorstädtischen Siedlung «Zen Husen» als Dorfkirche benutzt wurde.

Ganz auf die Telli beschränkt sich das Neujahrsblatt denn doch nicht: Stadtarchivar Raoul Richner hat einen Nachruf auf seinen Vorgänger Martin Pestalozzi (1948– 2016) verfasst. Seit 1990 gehörte Pestalozzi der Redaktionskommission der Aarauer Neujahrsblätter an. Als unerwarteter Exkurs kommt schliesslich ein Stadtrundgang daher, den die Brüder Robert und Hans Peter Hungerbühler, im Dialog in Erinnerungen kramend, unternehmen. Robert Hunger-Bühler ist europaweit als Regisseur und Schauspieler tätig und hat Hermann Burgers «Lokalbericht» zur Aufführung gebracht. Sein Bruder arbeitete 25 Jahre beim Kanton. Beide waren an der Vernissage anwesend.

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