Zukunftsangst
Hat der Aarauer Detailhandel eine Chance? Ja, findet dieser Unternehmer

Die Detaillisten im Aarauer Stadtzentrum haben Zukunftsängste. Diskutiert wird inzwischen, wieweit die Exekutiven die Entwicklung in den Aargauer Altstädten steuern sollen. Einer, der solchen Eingriffen skeptisch gegenübersteht, ist Unternehmer Markus von Däniken. Er glaubt, dass gerade der Aarauer Detailhandel eine Chance hat.

Ueli Wild
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Markus von Däniken ist überzeugt: «Mit Angst vor der Zukunft erreicht man nichts.»

Markus von Däniken ist überzeugt: «Mit Angst vor der Zukunft erreicht man nichts.»

Herr von Däniken, die Aarauer Detaillisten malen gerne schwarz. Für den Detailhandel sei es «Schlag 12, nicht fünf vor zwölf», hört man. Auch an der GV von Zentrum Aarau diese Woche gab es Aussagen wie, wenn nichts passiere, sei es in drei, vier Jahren vorbei.

Markus von Däniken: Die strukturellen Veränderungen, schweiz- und weltweit, kann man nicht ausblenden, wenn man vom Detailhandel in Aarau spricht. Ich erinnere mich heute öfters an das, was schon mein Grossvater und mein Vater aus ihrem Geschäftsleben erzählten.

Veränderungen hat es im Laufe der Zeiten schon immer gegeben. Die Detaillistenvereinigung Zentrum Aarau wurde seinerzeit auch mit dem Ziel gegründet, auf die Einkaufszentren, die in den Siebzigerjahren aufkamen, reagieren zu können. Damals war die Angst verbreitet, es würden die Kunden in die nach amerikanischem Vorbild geschaffenen Shoppingcenter strömen und der Handel in den Innenstädten verliere Kunden.

Als Übeltäter wird heute oftmals der Online-Handel identifiziert.

Das übergreifende Wort ist «Distanzhandel». Es geht sowohl um den klassischen Versand-, als auch um Onlinehandel, ein Phänomen, das in den letzten fünf Jahren tatsächlich markanter spürbar geworden ist. Zu den externen Faktoren, die einen Einfluss auf den in Aarau ansässigen Detailhandel haben, gehört auch der Einkaufstourismus ins Ausland, einhergehend mit dem schwachen Euro.

Ich habe überhaupt keine Angst vor dem Onlinehandel. Diese Firmen haben andere Stärken als ich – zum Beispiel eine Sortimentsbreite, die ich nie bieten kann. Aber muss ich beispielsweise 100 Rasierapparate sehen, um einen auswählen zu können? Natürlich nimmt das Online-Geschäft Volumen weg.

Aber betrachten wir doch unser Geschäft: Wir sind sehr lange lokal verankert, wir stehen Tag für Tag als Unternehmer selber im Geschäft. Unser Sortiment unterscheidet sich grossmehrheitlich visuell und von der Qualität her. Und wir pflegen Nischenbereiche – so bieten wir beispielsweise Massanzüge und Masshemden an. Davon könnten wir nicht ausschliesslich leben, aber es gibt zusätzlichen Umsatz – und Kundenbindung.

Aarau ist ja auch in einer andern Situation als etwa Laufenburg.

Im Aargau haben wir zwei Städte, die punkto Detailhandel schon gut funktionieren: Aarau und Baden, zwei natürliche Marktplätze, die aufgrund ihrer Lage und Einzugsgebiet sowie der lokalen Funktion als Kantonshauptstadt und Zentrum des östlichen Kantonsteils eine gewisse Grundfrequenz generieren, die unabhängig vom Detailhandel ist. Da wirken beispielsweise Arztpraxen und Schulen mit, oder auch die Verwaltung.

Die andern Aargauer Städte sind nicht vergleichbar und haben meist grössere Probleme. Sie haben weit mehr als Aarau und Baden darunter gelitten, dass rund herum auf der grünen Wiese kleine lokale Einkaufszentren gebaut wurden. Im Vergleich zu andern Städten ist Aarau aber in einer Winner-Situation.

Können Sie konkrete Faktoren dafür nennen?

Wir haben gute Parkhäuser. Aarau ist gut erreichbar, wir haben einen attraktiven Bahnhof, Aarau ist eine Stadt mit nationaler Ausstrahlung und Aarau hat eine gute Position im Bilanz-Ranking erreicht. Auch bei der Gastronomie hat es eine positive Entwicklung gegeben. Hier läge jedoch noch mehr drin, etwa in Richtung Erlebnisgastronomie.

Alt Regierungsrat Peter C. Beyeler, der Präsident der IG Aargauer Altstädte, schlägt vor, dass die städtischen Exekutiven zumindest die Entwicklung der Altstädte stärker steuern können sollen.

Wir sollten nicht glauben, mit staatlichen Eingriffen könne man die erwähnten externen Faktoren ausblenden. Es fragt sich, ob man mit massiven Eingriffen, wie sie Peter C. Beyeler vorschlägt, die Kundenströme tatsächlich in grossem Ausmass lenken kann. Auch Super-Einkaufscenter wie das Glattzentrum verzeichnen ein Umsatzminus. Obschon sie eine oberste Centerführung haben, die Mieter kennen und die Ladenöffnungszeiten einheitlich steuern können, müssen sie umstrukturieren.

Zur Person

Markus von Däniken (60) führt, zusammen mit seiner Frau Béatrice, seit 1991 das Damen- und Herrenmodegeschäft von Däniken Fashion, das sich seit 2002 an der Vorderen Vorstadt 26 in Aarau befindet. Das Geschäft weist eine Verkaufsfläche von 320 Quadratmetern auf, verteilt auf zwei Etagen. Markus von Däniken vertritt die vierte Generation des von seinem Urgrossvater, dem Schneider Josef von Däniken, 1887 in Niedererlinsbach SO gegründeten Unternehmens.

Markus von Däniken ist Mitglied der Aarauer Detaillistenvereinigung Zentrum Aarau und gehörte vor einigen Jahren auch schon einmal deren Vorstand an. Seit 1997 ist er Präsident des nationalen Verbandes textilschweiz, des unabhängigen Fachhandels der Schweiz im Textilbereich. Eine der Hauptaufgaben von textilschweiz ist die Organisation und Durchführung der überbetrieblichen Kurse im Textildetailhandel, der zweitgrössten Ausbildungsbranche im schweizerischen Detailhandel.

Peter C. Beyeler kann sich vorstellen, dass die Stadt eingreift, wenn verlotternde Häuser die Attraktivität einer Gasse beeinträchtigen.

In einem Strassenzug mit einer Immobilie in schlechtem Zustand mittendrin, die man sanieren sollte, mag ein Eingriff optisch richtig sein. Aber letztlich entscheidet der Markt, was mit dem Haus passiert. Wenn der Staat in den Markt eingreift und beispielsweise Liegenschaften aufkauft, stellt sich die Frage: Wer entscheidet, wer nachher diese Immobilie, diesen Laden nutzen kann? Welche Branche? Welches Unternehmen? Der Staat kann zum Preistreiber im Markt werden.

Sie möchten die öffentliche Hand am liebsten aus dem Spiel lassen?

Primär müssen Detaillisten immer selber handeln. Von der Stadt dürfen wir zwar eine gewissen Unterstützung erwarten, aber nicht in dem extremen Ausmass wie die Vorschläge von alt Regierungsrat Beyeler.

Worin könnte der Support bestehen?

In Aarau haben wir schon ein sehr gutes Stadtmarketing. Gefragt sind gute Rahmenbedingungen. Dazu zählen zum Beispiel ein gutes Verkehrskonzept und Begegnungszonen, in denen sich der Konsument wohlfühlt. Etwas, worauf wir an der Vorderen Vorstadt seit Jahren warten.

Die Stadt könnte auch für eine Anschubfinanzierung sorgen, wenn ein Hauseigentümer die Sanierungskosten nicht alleine stemmen kann. Die öffentliche Hand erhält das Geld in der Regel vorteilhafter als ein Privater und könnte zeitlich limitiert eine Teilfinanzierung unter Absicherung auf die Liegenschaft verbürgen.

Der Laden-Mix im Zentrum ist eine häufig diskutierte Frage in Aarau.

Was wurde nicht alles im Zusammenhang mit dem Strebel-Haus oder der ehemaligen Postfiliale Kaufhaus gesagt und geschrieben? Ideen wie, H & M oder Zara wären als Frequenzbringer gut. – Das sind alles zwar erfolgreiche, aber langfristig doch auch langweilige Konzepte, weil man dann überall das gleiche findet. Der Konsument wird müde, überall das gleiche Sortiment zu sehen. Die Spannung fehlt und verblasst. Sie können in Berlin, in München oder in die Telli zu H & M gehen – Sie finden eine Monotonie des Angebots.

Im Übrigen reden wir in Aarau – und auch beim Zentrum Aarau – oftmals ausschliesslich von der Altstadt. Der Aarauer Markt spielt sich grossräumiger zwischen Bahnhof, Kasinostrasse, Igelweid, Aargauerplatz, Vorstadt, Rain und Ziegelrain, Kernaltstadt bis zur Kettenbrücke ab. Das ist das Zentrum.

Sie sind der Meinung, der Aarauer Detailhandel habe durchaus eine Chance?

Im Zentrum, denke ich, hat ein KMU-Geschäft seine Chance, wenn es die Strategie «to be different» fährt, eine Differenzierungsstrategie zum Mainstream. «To be different» bedeutet, sich eine Einzigartigkeit als Anbieter aufzubauen. Zur Illustration: Da stehen drei Restaurants nebeneinander. Und alle bieten das Gleiche an. Das ist langweilig. Es ist doch interessanter, wenn wir einen Asiaten, einen Mexikaner und einen gutbürgerlichen Schweizer nebeneinander finden. Die können sich gegenseitig befruchten. Wenn etwas gut läuft, zieht es anderes an – das ist ein altes Gesetz.

Auf Aarau bezogen, denke ich, dass das eine wichtige Voraussetzung ist, egal wen es betrifft: Anders sein als der Mainstream – und ein anderes Sortiment anbieten. Mindestens mehrheitlich sollte sich das Sortiment von jenem anderer Anbieter unterscheiden.

Aber das ist wohl noch nicht das ganze Erfolgsrezept?

Nein, als Unternehmer muss man auch präsent sein im Laden. Das ist unsere Stärke. Und über eine hohe Zufriedenheit müssen wir den Kunden zum Wiederkäufer machen. Das schaffen wir nur mit Sortimentskompetenz und insbesondere mit hoher Fachkompetenz: Was wir den Kunden erzählen, muss stimmen.

Das wiederum schaffen wir nur, wenn wir über gutes Verkaufspersonal verfügen – mit hoher Sozial- und Fachkompetenz. Diese Leute finden Sie nicht auf der Strasse. Man muss sie ausbilden. Viele Unternehmer haben diesem Thema jahrelang zu wenig oder nur standardisiert Aufmerksamkeit geschenkt. Erfolg ist immer von den Menschen abhängig mit oder ohne Onlinehandel und Einkaufstourismus.

Trotzdem ist beim Fachhandel viel Pessimismus herauszuspüren.

Es fragt sich auch, welche Vorstellung man von «leben können» hat. Man muss einfach sehen: Wir bewegen uns nicht mehr in einer Zeit des Marktzuwachses. Der Detailhandel verzeichnet Umsatzrückgänge. Jeder muss zufrieden sein, wenn es ihm gelingt, die Stellung zu halten. Im Prinzip ist das ein Rückschritt, aber es lässt sich aktuell nicht ändern.

Einen Faktor wie den Eurokurs kann man nicht beeinflussen, da muss ich durch – aber ich mache, was ich kann. Tatsache ist, dass meine Branche bei den Umsatzrückgängen den Plafond bereits erreicht hat. Der Detailhandel hinkt der Konjunkturerholung aber weiter hintennach. Das dürfte auch in Aarau so sein.

Wo sehen Sie allenfalls spezifische Probleme der Aarauer Kernaltstadt?

Wir finden wenig grössere Läden mit einer gewissen Angebotsbreite, keine starken Magnete, weil sich das Konsumentenverhalten verändert hat. Der Kernaltstadt täten ein wenig grössere Ladenflächen gut. Solche könnten helfen, neue Konzepte anzuziehen. Das könnten auch Konzepte von aussen sein, aber die Nachfrage dafür müsste da sein. Es braucht wohl eine gute Durchmischung mit international gefragten Brands, die für Frequenz sorgen – auch bei andern Geschäften.

Weshalb möchten Sie grössere Ladengeschäfte?

Die Mieten in Aarau sind überdurchschnittlich hoch. Viele Altstadtläden sind Zweitexistenzen. Von 50 Quadratmetern kann man in der Regel nicht leben, ausser man verkauft ein ganz teures oder ein hochmargiges Produkt. Aber es gibt Vorschriften, die verhindern, dass man die Mauern durchbrechen und Läden miteinander verbinden kann. Ich finde den Heimatschutz eine gute Sache, aber er kann zu einer grossen Barriere werden.

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