Altersdebatte

Hanspeter Thür ist 67 und will noch in den Aarauer Stadtrat – ist das nicht zu alt?

Die Stadt Aarau diskutiert: Macht es Sinn, dass das grüne Urgestein Hanspeter Thür im Alter, in dem andere ihre Rente geniessen, noch für die Exekutive kandidiert? Steht er nicht Jüngeren im Weg?

Jakob Weber
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Hat Lust und Energie für das Amt: Stadtratskandidat Hanspeter Thür (67).

Hat Lust und Energie für das Amt: Stadtratskandidat Hanspeter Thür (67).

Chris Iseli

Grossrat, Nationalrat, Partei-Präsident: Der Jurist Hanspeter Thür (67) hat in der Politik bereits extrem viel erreicht. Er begann seine Karriere bei der neomarxistischen Poch. Später gehörte er zu den Grünen der ersten Stunde. 1997 trat er aus der nationalen Partei aus – nach einem Streit über deren politische Ausrichtung. Am letzten Freitag gab Thür bekannt, dass er sich von den Grünen der Stadt Aarau für die Stadtratswahlen vom Herbst aufstellen lassen will. Die Nomination durch die Mitgliederversammlung soll im Mai erfolgen.

Hanspeter Thür ist 67 Jahre alt und Grossvater. Er ist geistig und körperlich noch sehr fit, wie jeder, der ihn in der Stadt antrifft, unschwer feststellen kann. Der az erklärte er am letzten Freitag, er habe «Lust und Energie für das Amt».

War schon je ein AHV-Rentner ein aussichtsreicher Stadtratskandidat? Nein, sagen Leute, die seit Jahrzehnten die städtische Politik verfolgen. Die Älteste im aktuellen Stadtrat ist Stadtpräsidentin Jolanda Urech (63). Die Zweitälteste ist Regina Jäggi, die am Montag ihren 60. Geburtstag feierte. Beide haben angekündigt, dass sie nicht für eine weitere Amtsperiode kandidieren, also Ende Jahr zurücktreten.

In den Diskussionen über das Alter von Stadtratskandidat Thür wird häufig darauf hingewiesen, dass die Rentner in den politischen Gremien nicht oder nur sehr schlecht vertreten seien. In der Tat: 19 Prozent der Aarauer Bevölkerung sind 65 Jahre und älter. Bisher gehörte kein Stadtrat ihrer Altersklasse an.

Hanspeter Thür bringt grosse politische Erfahrung mit. Sollte er gewählt werden, dürfte er innerhalb des Gremiums mehr als nur ein Kopfnicker sein – schliesslich kandidiert er nicht nur als Stadtrat, sondern auch noch als Vizeammann. Die Links-Grünen hoffen, dank seiner Kandidatur eine Mehrheit im Stadtrat erreichen zu können.

Mit 67 in den Stadtrat - ist das zu alt?

Mara Gerber 17 Kanti-Schülerin «Es gibt doch auch junge Politiker, die nicht meine Meinung vertreten. Solange die Politiker für die richtigen Dinge einstehen, ist es mir egal, wie alt sie sind. Von einem über 65-jährigen Stadtrat erwarte ich aber, dass er auch an meine Generation denkt.»
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Jamil Jomaa (16) OSA-Schüler «Die Alten verstehen doch nicht, wie wir Jugendlichen ticken. Über 65-Jährige sollten deswegen lieber nicht mehr regieren.»
Lilly Haueter (83) KV-Sekretärin «Ich mag Herrn Thür wirklich sehr gerne, aber ich begreife es nicht, warum einer, der so viel erreicht hat, noch einmal kandidiert. Sein Rat ist zwar sicherlich wertvoll, aber in den Stadtrat muss er nicht.»
Erika Lehmann (68) Instrumentenoptikerin «Mit 65 gehört man in Pension und nicht mehr in die Regierung.»
Damiano Bergomi (34) Koch «Aus meiner Arbeitserfahrung im Altersheim weiss ich, dass auch betagte Menschen durchaus noch hervorragende Leistungen erbringen können. Warum nicht auch in der Politik? Dennoch wäre es schön, wenn sich auch die Jungen vermehrt politisch engagieren würden.»
Jenni Schippert (39) Tanzpädagogin «Wir sollten eigentlich nicht allein wegen des Alters unser Urteil fällen. Das ist doch wie in der Liebe: Da gibt es ja auch viele, die sich in jemanden verlieben, der zehn Jahre oder mehr älter ist. Dennoch finde ich, dass es in der Politik zu viele Alte hat.»
Ursina Hutmacher (17) Kanti-Schülerin «Meine Oma kann sich zwar nicht in mich hineinversetzen, aber ich habe Vertrauen in die Politik. Wenn ein älterer Politiker auf die Jungen zugeht und ihre Anliegen vertritt, ist das o. k. Ich sehe lediglich Probleme, wenn die Alten zu sehr an veralteten Dingen festhalten und die Entwicklung blockieren.»
Michael Schyma (85) Maschinenbauingenieur «Die Jungen müssen doch erst noch Fehler machen und daraus lernen. Dafür brauchen sie Geduld. Ich habe erst mit 80 aufgehört zu arbeiten. Je älter ich wurde, desto besser wurde meine Arbeit.»
Servete Hasametaj (38) Lernende Kauffrau «Die Jungen entscheiden zwar schneller, aber in der Politik zählt die Erfahrung. Die ist unersetzlich.»
Philippe Guignard (60) Arzt «Eine Regierung muss ausgewogen sein. Ich finde, es sollten alle Altersklassen vertreten sein – auch die Rentner. Unser Stadtrat ist meiner Meinung nach nicht zu alt.»

Mara Gerber 17 Kanti-Schülerin «Es gibt doch auch junge Politiker, die nicht meine Meinung vertreten. Solange die Politiker für die richtigen Dinge einstehen, ist es mir egal, wie alt sie sind. Von einem über 65-jährigen Stadtrat erwarte ich aber, dass er auch an meine Generation denkt.»

Jakob Weber