Glockenläuten
Glocken-«Sanatorium» in Aarau

Die Aarauer Glockengiesserei ist zu einem nationalen Kompetenzzentrum für Geläutesanierungen geworden. Davon profitieren auch die Glocken des Berner Münsters.

Hermann Rauber
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Aargauer Zeitung

«Glocken sind eindrückliche Kulturgüter und gleichzeitig wertvolle Musikinstrumente», betont René Spielmann, Geschäftsleiter der Firma H. Rüetschi AG in Aarau. Der Glockenguss hat in der Kantonshauptstadt eine bald 700-jährige Tradition, in jüngster Zeit aber an Bedeutung verloren. Stattdessen hat sich der Aarauer Betrieb auf die Sanierung ganzer Kirchtürme spezialisiert, mit grossem Erfolg. Das neue Know-how konnten Spielmann und sein Team bereits bei den Kathedralen von Lausanne und Freiburg oder auf der Spitze der Liebfrauen-Kirche in Zürich anwenden. Im Moment beschäftigen sich die Aarauer Fachleute mit dem Teilersatz der Glockenklöppel des Berner Münsters.

Zählte noch vor ein paar Jahren im Umgang mit Glocken ausschliesslich die Erfahrung, so gehört heute auch der Computer zu den Werkzeugen dieses historischen Handwerks. Die Software liefert das EU-Forschungsprogramm Probell mit dem Zentrum an der Universität Kempten im Allgäu, an dem die Schweiz dank den bilateralen Verträgen beteiligt ist. «Die technischen Zusammenhänge beim Läuten einer Glocke sind weitaus komplexer als bisher angenommen», sagt René Spielmann. Für die Grundlagenforschung sind Messungen vor Ort oder im Labor notwendig. Einen Teil dieser Daten liefert auch die Glockengiesserei H. Rüetschi AG. Als KMU ist man laut Spielmann aber auf die europäische Datenbank angewiesen.

Neue Klöppel für Glocken

Die Resultate solcher Belastungsanalysen haben am Fall des Berner Münsters zur Einsicht geführt, dass nur eine bestimmte Anzahl der Glocken mit neuen Klöppeln ausgerüstet werden muss. So liegen im Moment sowohl neu geschmiedete als auch lediglich restaurierte Exemplare in der Werkstatt der H. Rüetschi AG. Das gilt vor allem für den 180 Jahre alten Klöppel des grössten Schweizer Exemplars, der laut Spielmann «die Glocke mit wenig schädigender Energie trifft» und somit im Einsatz belassen werden kann.

Einzig die Aufhängung, welche nach alter Väter Sitte aus einem gewickelten Lederriemen besteht, wird gegenwärtig in der Aarauer Glocken- und Kunstgiesserei neu gefertigt. «Das Beispiel des Berner Münsters zeigt, dass es nicht möglich ist, von blossem Auge zu erkennen, ob ein Klöppel ersetzt werden muss oder nicht», betont der Spezialist. Das gilt natürlich auch für die Glocke selbst, die sich mit der Zeit abnützt und Gefahr läuft, an klanglicher Qualität einzubüssen oder im schlimmsten Fall einen Riss zu erleiden.

«Richtige Prävention spart künftige Kosten», erklärt René Spielmann. Dank der Arbeit im Forschungsprogramm Probell ist es möglich, solche Sanierungen auch bei kleineren Geläuten finanzierbar zu machen. Der Glockenklöppel habe beim Zusammenspiel «die vergleichbare Funktion eines Geigenbogens», er bringe «die Energie in den Schwingkörper, der so zu tönen beginnt», erklärt der Spezialist. Ganz verloren gegangen ist die Tradition trotz Computereinsatz nicht. «Das Spannende an diesen von Aarau gelieferten Klöppeln ist die Annäherung an Theorien, welche einzelne Glockengiessereien bereits im 16. Jahrhundert intuitiv einsetzten», betont René Spielmann. Er freut sich darauf, die Klöppel im Laufe der nächsten Woche auf dem Berner Münster wieder montieren zu können, damit es spätestens an Weihnachten wieder schön tönt.

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