Industriemuseum Oberentfelden

Fast wäre der Schatz im Keller gelandet

Christian Heilmann vom Industriemuseum Oberentfelden erzählt vom überraschenden Fund.

Katja Schlegel
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Industriemuseum Oberentfelden
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Adventsserie 2016 Unter dem Dach dieses unscheinbaren Gebäudekomplexes befindet sich das Industriemuseum Oberentfelden.
Adventsserie 2016 Die Bürstenfabrik Walther hat nicht nur Bürsten im herkömmlichen Sinn hergestellt, sondern auch in Maschinen verarbeitet.
Adventsserie 2016 Impressionen aus der einstigen Bürstenfabrik Walther.
Adventsserie 2016 Mit viel Liebe fürs Detail haben Christian Heilmann und seine Helfer das Museum eingerichtet.
Adventsserie 2016 Auf dem gefundenen Bürstengurt sind Pferdeköpfe eingestickt, umrankt von Eichenblättern.

Industriemuseum Oberentfelden

Mit dieser Kiste ist etwas anders. Das ist Christian Heilmann sofort klar. So viele ausgeräumte Holzkisten hat er in den letzten Wochen schon in den Keller geschleppt, dass es ihm gleich auffällt. Diese Kiste ist zu schwer.

Es war irgendwann im Winter 2013: Heilmann und vier Helfer sind seit Wochen daran, das Chaos im ungeheizten Estrich von Trakt B1 der einstigen Bürstenfabrik Walther in Oberentfelden zu lichten. Hier hatte man über Jahrzehnte hinweg alles hochgeschafft, was aus dem Weg musste: Stellwände voller Bürsten, Anschauungsmaterial für Händler, Werbung, Kartonschachteln und Holzkisten gefüllt mit Restbeständen, mehrere tausend Bürsten, vieles liegt einfach auf dem Boden verstreut. Stück für Stück räumen Heilmann und sein Team die Kisten aus, sortieren und fotografieren, was da ist, versorgen sie in über 330 Plastikkisten.

Die versteckte Kiste in der Kiste

Und jetzt ist da diese Holzkiste. Leer und doch zu schwer. Heilmann schaut noch einmal genauer hin. Die Kiste ist nicht leer. Jemand hat eine zweite, nur wenige Zentimeter hohe Kiste darin versenkt. Keine offene Lagerkiste, sondern eine mit Deckel. Wie ein doppelter Boden. Heilmann öffnet die geheimnisvolle Kiste und findet zwei Gurten aus weisser Baumwolle, bestickt mit Pferdeköpfen und Eichenblattranken, blauer Faden. Und an den Gurten hängen Bürsten: Pfannenreiber, Schüttsteinbesen, Möbelpinsel, Bürsteli für Reagenzgläser, Staubwedel, Flaschenputzer, Velobürsten und Kammputzer, Schuhputzbürsten. Über zwanzig Stück. Manche sind ganz einfache Bürsten, eckig aus dem Holz geschnitten und ungeschliffen, die Fäden, mit denen die Schweineborsten festgezurrt wurden, noch sichtbar. Andere sind wunderbar verarbeitet, hochwertig.

Heilmann schlägt das Herz höher ob dieses Fundes. «Das war eine schöne Überraschung», erinnert er sich. Und das, obwohl er keine Ahnung hat, was er hier genau gefunden hat. Woher stammen diese Bürstengurten? Wer hat sie gebraucht? Und vor allem: Wozu?

Heilmann hat jahrelang in der Zentralbibliothek in Zürich als Bibliothekar gearbeitet, ist Archivar der Gemeinde Oberentfelden. Er kennt sich aus mit alten Dingen und mit Suchen erst recht. Und er sucht, es kitzelt ihn. Nach Dokumenten, in denen die Gurten vielleicht erwähnt werden. Nach Aufnahmen, nach Bildern, Abbildungen. Nach ehemaligen Mitarbeitern, die vielleicht etwas über die Gurten wissen.

«Stutzig gemacht hat mich, dass die Bürsten offensichtlich aus ganz verschiedenen Zeiten stammen», sagt Heilmann. Da sind diese klobigen, einfachen Bürsten, die vermutlich noch vor 1900 gefertigt wurden. Eine Zeit, in der Bürstenverkäufer von Tür zu Tür gingen, um sie den Hausfrauen zu verkaufen. Aber dann sind da auch die formschönen, vollendeten Stücke, die in den Katalogen aus dem Jahr 1930 abgebildet sind. «In den Dreissigerjahren hat Walther aber nicht an den Haustüren verkauft, sondern lediglich an Grosskunden», sagt Heilmann. «Irgendwie hat alles keinen Sinn gemacht.»

Walther Bürsten bürsten gut

Das Jahr 1868 gilt als Gründungsjahr der «Bürstenfabrik Walther»: Samuel Thut-Walther kauft die Bürstenbinderei der Familie Basler in Holziken und verlegt die Firma nach Oberentfelden. Die Firma eröffnet in Muri eine Filiale (1920) und eine Zweigstelle in Mülligen (1945). Zu diesem Zeitpunkt beschäftigt die «Walther» rund 320 Mitarbeiter und ist die grösste Bürstenfabrik der Schweiz. Den Werbeslogan «Walther Bürsten bürsten gut, Walther Bürsten bürsten besser» kennt jedes Kind. 1988 wird die Firma aufgeteilt: Die Produktion von Konsumbürsten wird an die Tochterfirma Ebnat-Kappel AG (heute Trisa) ausgelagert, die Industriebürstenabteilung übernimmt 1993 die Nachfolgefirma Wasag. Von 1995 bis 2011 verwaltet die Gemeinde das Areal. 2012 wird die Genossenschaft «Alte Bürsti» gegründet, die das Areal für 30 Jahre pachtet und so vor dem Abriss bewahrt. (ksc)

Selbst die Unterstützung einer Historikerin vom Museum für Volkskunde im Appenzell kann Heilmann nicht weiterhelfen. Immerhin finden die beiden Abbildungen von Bürstenverkäufern aus dem Schwarzwald, die die Bürsten an genau solchen Gurten vor dem Bauch tragen. Auch im Nachlass der Firma Walther finden sich solche Abbildungen; als gerahmte Kundengeschenke zu Weihnachten. Leider sind die Widmungen undatiert.

Das Geheimnis um die Bürstengurten ist also nach wie vor ungelöst. Als Ausstellungsstück im Industriemuseum machen sie sich aber wunderbar. Und wer weiss: Vielleicht kommt irgendwann ein Besucher daher und kennt die Geschichte dieser schwer behängten Gurten.

Industriemuseum Oberentfelden Köllikerstrasse 32, Trakt B1. Öffnungszeiten: 11. Dezember, 15. Januar, 12. Februar, 12. März, 14 bis 16 Uhr. Ab 14. April jeden Samstag von 14 bis 16 Uhr, mit Führung.

www.oberentfeldenmuseum.ch