Küttigen

Ein Rüebli ist wie ein Dorfbewohner: Knorzig und bodenständig

Am 6. November wird der Aargau seinem Image als Rüeblikanton gerecht: Dann steht in Aarau der Rüeblimärt an – bei dem auch die Küttiger Rüebli nicht fehlen dürfen. Ein Tag auf dem Küttiger Acker.

Katja Schlegel
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Die «heiligen» Rüebli von Küttigen
8 Bilder
Vorne stechen die Männer die Rüebli aus, hinten putzen und sortieren die Frauen
Mit krummen Rücken stechen die Männer die Rüebli aus
Die Stimmung auf dem Rüebli-Acker ist bestens
Die sortierten Rüebli landen auf dem Wagen
Die Rüebli werden sortiert
Die Frauen putzen die Rüebli und schneiden das Kraut ab
Die ausgestochenen Rüebli liegen parat

Die «heiligen» Rüebli von Küttigen

Annika Bütschi

Die Männer stechen mit runden Rücken die Rüebli aus dem Boden, werfen sie hinter sich, Kraut oben, in eine schöne Reihe.

Hinten werken die Frauen, schaben den gröbsten Dreck ab und sortieren die Rüebli; was zu viele Beine oder rote Flecken von den Möhrenfliegen hat, landet mit Gerumpel im Futterkübel.

Es ist Erntetag auf dem Blätz am Goldackerweg unterhalb der Rebhänge, die Küttiger ziehen ihre Rüebli aus dem Boden.

Für dieses grobe, weisse Gemüse mit dem erdigen, leicht bitteren Geschmack, einst als Pferdefutter angebaut und bis nach Zürich verkauft, kommen heute Liebhaber von ebenda her, um sie am Aarauer Rüeblimärt zu kaufen.

Noch sind es noch ein paar Tage hin bis zum Rüeblimärt (siehe Box). Aber die Küttiger Rüebli müssen jetzt raus aus dem Boden.

Es ist der letzte sonnige Tag, schön angenehm, auch wenn es windet, dass es einem die Frisur verhudelt.

Aarau, die Rüebli-Metropole

Am Mittwoch, 6. November, wird der Aargau seinem Übernamen «Rüebliland» wieder gerecht: In Aarau findet von 7.30 bis 18 Uhr der 32. Rüeblimärt mit über 200 Ausstellern statt. Das Organisationskomitee achtet darauf, dass das Rüebli die Leaderposition behält. Angeboten werden aber längst nicht nur mehr Rüebli in allen Grössen und Farben, sondern auch anderes Gemüse, Blumen und Dekorationsartikel, Backwaren, Tee und Kunsthandwerk. Weil der Schlossplatz wegen einer Baustelle nicht genutzt werden kann, werden die Stände nebst dem Graben auch im Kasinopark und in der Altstadt aufgestellt. Erwartet werden 40 000 Besucher. (ksc)

Die nächsten Tage will er wüst, sagt Trix Wernli, regnerisch und kühl. Darum hat sie ihre Helfer kurzfristig auf den Acker bestellt, eigentlich wäre die Ernte auf Ende Woche angesetzt gewesen.

Schadet das schlechte Wetter den Rüebli etwa? Trix Wernli lacht und schüttelt den Kopf. «Nein, den Rüebli passiert nichts. Aber meine Helfer frieren beim Ernten an die Finger.»

Knorzig wie die Küttiger

Über den Ladentisch ging das Küttiger Rüebli schon an den Aarauer Warenmärkten im 19. Jahrhundert, sagt man, damals auch bekannt unter dem Namen «Gerstenrüebli».

Dann geriet es fast in Vergessenheit, bis es Beatrice Wernli mit den Landfrauen 1978 wieder im grossen Stil anzupflanzen begann.

Seit damals kümmern sie sich um den Blätz. Und auch genauso lange ist es als Küttiger Rüebli schweizweit bekannt und wird auch weitherum angebaut.

«Aber wir haben ihm am besten Sorge getragen, deshalb ist es auch das Küttiger Rüebli», sagt eine der Frauen und streicht energisch die klebrige Erde ab.

Vreni Wernli – auf dem Küttiger Acker trifft man viele Wernlis – meint, die Rüebli seien wie die Dorfbewohner: Etwas knorzig vielleicht, bodenständig: «Chli bsunderi Lüüt halt.»

Die Frauen lachen und nicken. Die einen Dörfer haben ihren Wein, ihre Wurst oder ihren Käse, die Küttiger haben ihr Rüebli.

Fragt man die Rüeblifrauen, was man mit den Rüebli in der Küche anstellen soll, bricht eine ganze Flut an Tipps und Rezepten über einem zusammen: Zum Backen seien sie weniger geeignet, sagen die Frauen.

Es fehlen der Saft und die Süsse. Wobei, das könne man mit einem Sprutz Orangensaft beheben, sagt eine. «Und heuer sind sie schön süss», meint eine andere, «wie die Trauben auch.» Das mache die Sonne.

Zurück zu den Rezepten: Klassisch werden die Küttiger Rüebli mit grünem Speck und Kümmel serviert, weiss Vreni Wernli. Wichtig sei aber, das Rüebli nicht wie ein Würstli zu rädelen, sondern mit dem Messer wie ein Bleistift anzuspitzen. «Schnifele» nennt Vreni Wernli das.

Kartoffeln dazu könne man machen, müsse man aber nicht. «Und nie mit Öl anbraten, immer mit Butter. Für den Geschmack», sagt Vreni Wernli.

Mit Zwiebeln und Knoblauch schön anziehen lassen, gut würzen und mit Weisswein ablöschen. «So werden sie am besten.»

Beinchen und Möhrenfliegen

Heuer rumpelt es öfters als sonst in den Futterkübeln. Fast die Hälfte der Rüebli hat Beinchen oder Möhrenfliegen. Normal sei es ein Drittel, der für die Pferde aussortiert werde, sagt Trix Wernli und zuckt mit den Schultern.

So schlimm sei das nicht. «Das sind halt Bio-Rüebli, wir düngen und spritzen nicht.» Dann zeigt sie in einen grossen Korb, leer bis auf zwei kleine, herzige Rüebli.

Fast liebevoll nimmt Trix Wernli eines in die Hand. «Das sind Samenrüben, die schönsten Rüebli überhaupt, nicht zu gross und ohne ‹Näggi›».

Diese Samenrüben wird sie zu Hause im Garten in einer Holzkiste in trockenes Nusslaub betten, und dort bis Ende März ruhen lassen.

Dann werden sie ausschlagen und mit ihren Samen dafür sorgen, dass die Rüeblifrauen auch nächsten Herbst mit vollen Kesseln über den Acker stiefeln können.