Aarau
"Ein Ort der gelebt hat und sichtbar bleiben soll": Bröckelnder Putz gibt Stadtgeschichte frei

Die Ungeduld trieb die Betreiber des einspracheblockierten Bar-Projekts in der Pelzgasse um – zum Glück, denn sie stiessen auf einen historisch bedeutenden Fund aus der Stadtgründungszeit.

Katja Schlegel
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Die Crew vor der über 700 Jahre alten Wand: Raphael Fischer, Tobias Niklaus, Patrik Dober, Peter Osterwalder und Andi Dober (v.l.). Es fehlt Flavio Brockmann.Chris Iseli

Die Crew vor der über 700 Jahre alten Wand: Raphael Fischer, Tobias Niklaus, Patrik Dober, Peter Osterwalder und Andi Dober (v.l.). Es fehlt Flavio Brockmann.Chris Iseli

Chris Iseli

Wäre alles glattgelaufen, Aaraus Stadtgeschichte bliebe die alte. Doch jetzt muss sie ergänzt werden – wegen der Einsprache gegen das Projekt der Brüder Andi und Patrik Dober, die mit vier Kollegen in der Messerschmiede ihres Grossvaters eine Bar einrichten wollen. Nicht, dass die sechs auf die Einsprache nicht gut hätten verzichten können. «Aber hätten wir die Baubewilligung ohne Probleme erhalten, wäre dieses Geheimnis unentdeckt geblieben», sagt Patrik Dober.

Doch der Reihe nach: Im Januar 2015 lag das Baugesuch für den Umbau der Messerschmiede Dober zu einer Bar auf. Dagegen ging eine Einsprache ein, Nachbarn fürchteten zusätzlichen Lärm. Das Projekt war blockiert. Zwar durften die Schleifwerkstatt und das Ladenlokal geräumt werden. Alle Arbeiten, die mit der Bar zu tun gehabt hätten, mussten aber warten. Die Zeit verstrich. Der Plan, die Bar im Oktober zu eröffnen, platzte.

Doch die sechs Kollegen wollten nicht tatenlos auf die Baubewilligung warten. Die Ungeduld trieb sie. Und so rissen sie eines Tages im Sommer eine der Vitrine von der Wand – und staunten. Mitsamt der Vitrine hatte sich Putz von der Wand gelöst. Und was da an Mauerwerk ans Licht kam, schien alt. Sehr alt.

«Meilenstein für Gesamteindruck»

Der Zufall wollte, dass sich in der Nachbarliegenschaft, die aktuell zu einem Bed & Breakfast umgebaut wird, Mitarbeiter der Kantonsarchäologie unter anderem mit dem Fund einer Silbermünze aus dem Jahr 1727 sowie Balken aus dem 14. Jahrhundert beschäftigten. Die Archäologen wurden auf den Fund der Dobers aufmerksam und nahmen die Wand unter die Lupe.

Im Bericht der Kantonsarchäologie steht, dass die beiden Mauern «zu einem spätmittelalterlichen Kernbau aus der Stadtgründungszeit gehören». Bislang war man mangels Schriftquellen und archäologischen Untersuchungen zum Aussehen Aaraus zur Gründungszeit davon ausgegangen, dass die Stadt mit Ausnahme des Turms Rore, dem Schlössli und der Stadtmauer aus Holzbauten bestanden hatte. «Der Fund ist keine Sensation, aber ein Meilenstein für den Gesamteindruck. Er gibt uns Aufschluss über die Entwicklung der Stadt», sagt Peter Frey, Bereichsleiter Bauuntersuchungen und Mittelalterarchäologie bei der Kantonsarchäologie.

Mit Zahnbürsten und Spachteln haben die Dobers und ihre Kollegen den jahrhundertealten, bröseligen Mörtel zwischen den alten Steinen herausgeputzt und neuen Mörtel hineingespritzt – «mit einem riesigen Spritzsack, wie Konditoren», sagt Andi Dober und lacht. Wobei, ums Lachen war den sechs Hobbyhandwerkern nicht immer. «Die Arbeit war extrem staubig und nervenaufreibend», sagt Patrik Dober. Rund 1000 Arbeitsstunden sind allein für die Aufbereitung der beiden alten Mauern draufgegangen.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Wer genau hinschaut, erkennt eine Ofenwölbung, eine Lichtnische sowie die Aussparungen, in denen früher die Deckenbalken gelegen hatten. Entsprechend stolz sind die sechs Freunde auch auf ihre Mauern. «Es gibt kein anderes Haus in Aarau, in dem so alte Mauern so grossflächig vorhanden sind», sagt Patrik Dober. Deshalb sollen sie auch nicht wieder hinter Putz verschwinden, wie ursprünglich vorgesehen. «Eigentlich wollten wir die Mauern nur frisch verputzen und streichen», sagt Patrik Dober. Jetzt, da sie um die historische Bedeutung wissen, lassen sie das sein. «Das ist ein Ort, der gelebt hat. Das soll sichtbar bleiben.»

Der Fund hat sich auch auf die Ausbauideen ausgewirkt. War angedacht, den Messerschmiede-Charakter durchschimmern zu lassen und die alten Maschinen und Werkstattmöbel in die Einrichtung zu integrieren, ist nun alles etwas anders. Die Maschinen stehen im Keller, wo Grossvater Theo Dober und Onkel Urs Dober weiterhin eine kleine Schleifwerkstatt betreiben (nur auf Voranmeldung). Nun sollen die Mauern die optische Attraktion sein, der Rest wird schlicht gehalten.

Der Bar-Name ist eine Hommage

Schon sehr bald startet nun der Innenausbau. Mit den Nachbarn hat man sich geeinigt und das Baubewilligungsverfahren steht kurz vor Abschluss. Mit dem historischen Fund hat die enorme Verzögerung nichts zu tun, vielmehr mit der zuständigen Behörde und «einer Verkettung unglücklicher Umstände», wie es die Dober-Brüder nennen. Jetzt wollen die sechs Gesellschafter vorwärtsmachen. In zehn Wochen sollte der Ausbau abgeschlossen sein, doch eröffnet wird nicht sofort.

«Es gibt noch so unglaublich viel zu tun», sagen die beiden Dobers: Nicht nur, dass sie den Ausbau hauptsächlich selber stemmen. Da müssen noch Kaffee, Bier und Wein degustiert und ausgesucht werden, die Karten geschrieben, ein Logo entworfen, das Lokal eingerichtet. Und dann müssen die sechs Gastro-Neulinge sich an das Business herantasten, denn hinter der Bar wollen sie selbst stehen. «Vermutlich werden wir im Juni als Wochenendbetrieb starten. Sobald wir wissen, dass es funktioniert, werden die Öffnungszeiten erweitert», sagt Patrik Dober.

Eines, das haben die sechs Gesellschafter nun aber nach ewigen Diskussionen gefunden: den Namen der Bar. «Theo» soll sie heissen, wie der Grossvater, der das Haus an der Pelzgasse vor 60 Jahren gekauft und hier seine Messerschmiede eingerichtet hat. Eine Hommage auch an den letzten Messerschmied der einstigen Messerschmiedestadt Aarau. Geschichte verpflichtet.

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