Geschichte
Der Reutlinger Ökonom Friedrich List bekam damals in Aarau kein Asyl

Seine Massnahmen zur Bekämpfung der Bürokratie kamen im damaligen Deutschland so schlecht an, dass Friedrich List sich gezwungen sah, in der Schweiz um Asyl zu bitten. Dieses wollte ihm die Stadt Aarau aber nicht geben.

Drucken
Teilen
Der Ökonom Friedrich List. zvg

Der Ökonom Friedrich List. zvg

Nur damit es nicht zur selben Verwechslung kommt wie schon 1843: Wir reden hier vom deutschen Ökonomen Friedrich List, nicht vom ungarischen Pianisten Franz Liszt. Als der liberale Vordenker List damals nämlich mit seiner Familie in Augsburg wohnte, bekam er eines Tages eine Menge Fanpost mit Stickereien, Blumensträussen und Einladungen – der bei den Frauen weitaus populärere Liszt weilte im benachbarten Gasthof.

Friedrich List hingegen kennen all jene gut, die gerne über Wirtschaftsmodelle diskutieren. Seine Theorien gehören wie jene von Karl Marx oder dem Kapitalisten Adam Smith zum Standardwissen. List vertrat den temporären Protektionismus und die soziale Marktwirtschaft. Zurzeit ist der Deutsche in China populär, weil seine Ideen zu den Wurzeln des postkommunistischen chinesischen Wirtschaftsmodells gehören. Kein Wunder werden die Bücher über ihn auf Chinesisch übersetzt.

15 (!) dieser Werke hat Professor Eugen Wendler aus Reutlingen geschrieben. Von dort stammt List. Im Rahmen der Städtepartnerschaft Reutlingen-Aarau referierte Wendler am Montag in der Stadtbibliothek Aarau über sein neustes Buch: «Friedrich List, ein Ökonom mit Weitblick und sozialer Verantwortung».

Immerhin wohnte List 1824 während eines Jahres in der Schweiz. Er beantragte in Aarau Asyl, da der Kanton bekannt war für die damals grosszügige Aufnahmepraxis von Flüchtlingen aller Art. Er hatte aus Deutschland flüchten müssen, weil er mit seinen Ideen zur Bekämpfung der Bürokratie und Stärkung der Selbstverwaltung im württembergischen Landtag und bei König Wilhelm I. in Ungnade gefallen war. Doch schliesslich erhielt er auch in Aarau kein Asyl. Er stellte sich zu Hause und wurde eingekerkert, bis er sich nach knapp einem Jahr dazu bereit erklärte, in die USA auszuwandern.

In Aarau zurück blieb unter anderem eine Quittung von 15 Franken im Verlag Sauerländer. Für diesen Betrag hatte List Bücher gekauft, diese jedoch erst kurz vor der Abreise bezahlt. Dennoch gewährte Sauerländer ihm damals einen Barzahlungsrabatt von 1 Franken.

Diese und andere Anekdoten wusste Professor Wendler von seiner breiten Recherche über List zu berichten. Sein würdigster Zuhörer in der ersten Reihe war wohl der in Aarau geborene Historiker Werner Ort, der letztes Jahr eine umfassende Biografie von Heinrich Zschokke veröffentlichte und darüber seinerseits in Reutlingen referierte. Zschokke und List lebten zur gleichen Zeit in Aarau, eine Begegnung der beiden Vordenker ist allerdings nicht überliefert. (kus)

Aktuelle Nachrichten