Aarau
«Der Entscheid tut weh»: Naturama muss den Herbstmarkt streichen

Naturama-Direktor Peter Jann muss sparen – unter anderem beim Herbstmarkt.

Katja Schlegel
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«Die Zeiten haben sich geändert», sagt Peter Jann.

«Die Zeiten haben sich geändert», sagt Peter Jann.

Emanuel Freudiger

Herr Jann, bisher war die Rede von 200 000 Franken, die das Naturama dieses Jahr einsparen muss. Jetzt ist es fast doppelt so viel.

Peter Jann: Im Moment kommt gerade sehr viel zusammen. Zu den Einsparungen seitens Kanton kommen Kürzungen bei Bundesgeldern sowie neu Mehrwertsteuer-Abgaben auf gewisse Subventionen. Unter dem Strich fehlen uns 390 000 Franken.

Wie schmerzhaft sind diese Kürzungen?

Wir haben ein Budget von rund 3 Millionen Franken, die Kürzungen machen über zehn Prozent aus. Das ist einschneidend. Wir mussten Mitarbeitende entlassen und konnten Vakanzen nicht mehr besetzen. Gleichzeitig sind viele mit ihren Stellenprozenten am Anschlag, leisten zahlreiche Überstunden.

Erachten Sie die Kürzungen als fehlende Wertschätzung?

Nein. Und ich will auch ausdrücklich festhalten: Wir werden vom Kanton finanziell noch immer substanziell unterstützt, aber auch ideell. Natürlich ist es unangenehm, wenn man gezwungen ist, Einsparungen in dieser Grössenordnung vorzunehmen. Aber es ist ja nicht so, dass unsere Leistungsbesteller diese Mittelkürzungen aufgrund ungenügender Leistungen vornehmen. Auch sie stehen unter hohem Spardruck.

Die Familienexkursionen wurden bereits letztes Jahr gestrichen, die Naturfilmtage wurden im letzten Moment gerettet. Wie steht es um den Herbstmarkt?

Der Herbstmarkt wird leider auch gestrichen.

Warum?

Wir haben eine neue Trägerschaft gesucht, die den Herbstmarkt – so wie die Naturfilmtage – übernehmen könnte. Leider war keiner unserer bisherigen Partner dazu in der Lage.

Wie schwer fällt es, einen so beliebten Anlass zu beerdigen?

Der Entscheid tut weh. Gerade, wenn man den letzten Herbstmarkt im Kopf hat mit vielen Leuten, den Kindern und wunderbarem Wetter.

Wie gross war der Aufwand für den Herbstmarkt?

Bisher beteiligten sich zahlreiche Mitarbeitende aus dem Naturschutz, der Haustechnik sowie diverse Zivildienstleistende an den Arbeiten. Einen Grossteil dieser Stellenprozente haben wir wegen der Sparrunde nicht mehr.

Erst die Exkursionen, jetzt der Herbstmarkt – warum streicht man die Publikumsmagneten?

Wir streichen sie, weil wir die Stellenprozente für die Organisation nicht mehr haben. So ist das beim Herbstmarkt, so war das bei den Naturfilmtagen. Bei den Filmtagen hatten wir das Glück, dass ein Partner die Trägerschaft übernommen hat. Wir haben Technikarbeiten und die Räumlichkeiten unentgeltlich zur Verfügung gestellt und auch der Vorstand des Naturama Gönnervereins hat sich aktiv beteiligt. Wir sind willens, Wege zu finden, um solche attraktive Angebote am Leben zu erhalten.

Verstehen Sie, dass sich die Leute über die Streichung aufregen?

Ich verstehe die Kritik, natürlich. Viele Leute verbinden das Naturama mit Ausstellungen, Familienangeboten und Exkursionen. Das sind die Veranstaltungen, die Emotionen wecken. Dass das Naturama aber auch Umweltbildung für Schulen, Naturschutz und die Fachstelle Nachhaltigkeit betreibt, ist vielen nicht bewusst.

Ärgern Sie sich vielleicht auch, dass die Besucher Ihnen den schwarzen Peter zuschieben?

Letztendlich entscheidet das Volk, was es will, also auch, wo gespart werden soll. Das Volk muss wissen: Schulhäuser kosten Geld, eine Kunsteisbahn kostet Geld, ein Fussballstadion, ein Museum. Wenn man diese Angebote will, muss man auch bereit sein, Steuern zu zahlen. Steuern sind ja nichts Schlechtes, wir bekommen viel dafür.

Warum spart man denn ein Angebot komplett weg und streicht nicht überall ein bisschen?

Das haben wir uns natürlich überlegt. Aber vom Organisationsaufwand her rentiert auch das nicht. Wobei: Die Realität sieht schon wieder anders aus. Zwei Familienexkursionen werden auch 2017 durchgeführt.

Ein Trostpflästerli?

Das ist so. Familien sind ein wichtiges Publikum, das uns am Herzen liegt.
Weniger Geld, dazu grosse Ansprüche, die befriedigt werden müssen, das ist ein Spagat.
Das ist es, auch intern. Es ist ja nicht so, dass wir weniger Geld haben, weil wir die Arbeit nicht gut gemacht haben. Das ist schwierig. Und als Naturama ungewohnt.

Wie meinen Sie das?

Die Zeiten haben sich geändert. Als das in der Schweiz einigartige Konzept des Naturama Ende der Neunzigerjahre entstanden ist, stand mehr Geld zur Verfügung. Man hatte die Vorstellung eines Mehrspartenhauses, frischte das alte Museum auf, integrierte Naturschutz, Umweltbildung, Museum und Nachhaltigkeit unter einem Dach. Die damaligen Gründungsväter aus Politik, Verwaltung und Regierung hatten noch einen starken persönlichen Bezug zum Haus. Diese starke emotionale Verbundenheit ist etwas verloren gegangen. Jetzt ist es das erste Mal, dass wir den Gürtel so viel enger schnallen müssen.

Wie geht es mit dem Naturama weiter?

Vieles können wir beibehalten. Im Naturschutz haben wir beschlossen, uns auf den ursprünglichen Kernauftrag zu konzentrieren: Die Vermittlungsarbeit für Fachpublikum, das in Gemeinden oder in der Landwirtschaft die Naturförderung praktisch umsetzen kann. Und wir müssen die Einnahmen optimieren, ohne die Leute abzuschrecken.

Wo kann man neue Einnahmequellen eröffnen?

Wir werden mehr Auftragsprojekte bearbeiten, in der Bildung, im Naturschutz. Bisher waren diese Projekte eine Ergänzung, jetzt werden sie zur wichtigen Einnahmequelle.

Wie verändert das die Arbeit?

Bisher hatten wir im Rahmen der Leistungsvereinbarungen einen grossen Gestaltungsfreiraum bei den Angeboten. Bei Aufträgen ist man enger gefasst, da spielt Effizienz eine viel grössere Rolle.

Aber es gibt auch heilige Kühe: Der Osteranlass bleibt bestehen, oder?

Genau, der Osteranlass bleibt. Es ist einer der wichtigsten Anlässe für das Naturama, weil er auch ein Publikum anspricht, das normalerweise nicht ins Naturama kommt. Aber auch beim Osteranlass müssen wir künftig einen Zuschlag verlangen, um die Auslagen decken zu können.

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