Spendenaktion

Bisher einmalig: Wie Hardcore-Fans zum Hauptsponsor des FC Aarau werden

Auf der Suche nach einem Hauptsponsor erhält der FC Aarau überraschend Hilfe von seinen Fans. Die «Szene Aarau» wird für Zehntausende Franken temporärer Leibchen-Sponsor.

Nadja Rohner
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So kennt man sie: Die treuen Anhänger des FC Aarau unterstützen ihren Klub auch mitten im Winter auf dem Brügglifeld. ZVG

So kennt man sie: Die treuen Anhänger des FC Aarau unterstützen ihren Klub auch mitten im Winter auf dem Brügglifeld. ZVG

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Der FC Aarau tat sich schwer damit, einen neuen Hauptsponsor zu finden, nachdem die Gränicher Zehnder Group ihr langjähriges Engagement per Ende 2015 beendet hatte. Es liess sich einfach niemand finden, der pro Jahr 250 000 Franken und mehr für den FCA springen lassen wollte. Zwar wird der Challenge-League-Klub aller Voraussicht nach in den nächsten Wochen einen neuen Hauptsponsor präsentieren, der sich ab kommender Saison für drei Jahre verpflichtet.

Bis es so weit ist, muss sich der Klub mit kurzzeitigen Sponsoring-Paketen für vier bis sieben Partien durch die Saison hangeln. «Matchtag-Präsentatoren» werden diese temporären Hauptsponsoren genannt. Bisher allesamt Unternehmen aus dem Umfeld von FCA-Funktionären.

Fans springen ein

Crowdfunding: So helfen Fans anderen Klubs

Dass eine Fanorganisation als Hauptsponsor auftritt, ist neu. Finanzielle Unterstützung eines Klubs durch Crowdfunding aber nicht. So konnten die Anhänger des Eishockeyvereins Ambri-Piotta per SMS zwischen 1 und 100 Franken spenden. So kam ein siebenstelliger Betrag zusammen. Die Fans der Dresdner Eislöwen schmissen nach den Matches die Trinkbecher aufs Eis, damit der Klub in den Genuss der 2 Euro Depot kam. 2009 halfen die Fans des 1. FC Köln ihrem Verein dabei, Lukas Podolski von Bayern München zurückzukaufen, indem sie auf der Vereinswebsite einzelne Pixel eines «Poldi»-Bildes erwarben. Fans der Berner Young Boys verkauften Ziegelsteine, um das Stade de Suisse mitzufinanzieren. Anhänger der Zürcher Grasshoppers spendeten dank einer Facebook-Gruppe nahezu 300 000 Franken für ihren Klub und Anhänger des fast-bankrotten FC Thun überreichten dem Verein 250 000 Spenden-
franken.

Doch jetzt passiert etwas, das so im Schweizer Fussball noch nicht vorgekommen ist: Die Fan-Organisation «Szene Aarau» (Text unten) hat sich entschieden, für die Runden 28 bis 32 der aktuellen Saison Hauptsponsor des FCA zu werden. «Wir möchten mit dieser Aktion zeigen, dass Fussballfans viel mehr können als einfach nur johlen und Bier trinken», sagt Christoph Bürgi, ein Sprecher der Szene Aarau. «Viele Fans unterstützen den FC Aarau bei Heim- und Auswärtsspielen im Stadion seit Jahren und halten ihm auch in der jüngsten Vergangenheit stets die Treue – selbst wenn die sportlichen grossen Erfolge etwas auf sich warten lassen. Auch die langwierigen Diskussionen und Ungewissheiten rund um das Stadion tun dem keinen Abbruch.»

Wie viel das Sponsoring kostet, will Bürgi nicht verraten – man habe darüber mit dem Verein Stillschweigen vereinbart. Insider rechnen damit, dass das Sponsoring alleine rund 30 000 Franken kostet, hinzu kommen weitere Auslagen der Szene Aarau. Für ihr Engagement erhält diese Gegenleistungen: «Wir sind in der Matchzeitung, im Internet und im Stadion über Durchsagen sowie auf der Videoleinwand präsent», sagt Bürgi. «Und natürlich auf den Trikots – was für uns der grösste Anreiz war.» Diese Trikots dürften unter FCA-Fans begehrt sein. Denn die Aktion der Szene Aarau ist einmalig, die Shirts mit der entsprechenden Aufschrift also nur für kurze Zeit erhältlich.

Spendable Unterstützer

Um wenigstens einen Teil der Sponsoring-Kosten wieder reinzuholen, hat die Szene Aarau auf der Crowdfunding-Plattform «Wemakeit.com» eine Sammelaktion initiiert – mit unglaublichem Erfolg: Innert nur 48 Stunden war das angepeilte Finanzierungsziel von 17 000 Franken erreicht. Gestern Abend zeigte der Zähler über 23 000 Franken von rund 160 Unterstützern.

So sehen die Trikots aus.

So sehen die Trikots aus.

Zur Verfügung gestellt

Die Fans können Beträge von 15 bis 6000 Franken spenden und erhalten dafür Belohnungen: Für 15 Franken gibt’s ein Mini-Trikot, für 280 ein limitiertes «Szene Aarau»-Heimtrikot mit Unterschriften der Spieler, für 1000 Franken darf der Spender eine Trainingseinheit mit der 1. Mannschaft absolvieren.

Dass das Crowdfunding schon in den ersten Tagen derart erfolgreich ist, überrascht auch die Verantwortlichen bei der Szene Aarau. «Es freut uns extrem, dass wir bereits nach so kurzer Zeit so viel Unterstützer finden konnten», sagt Bürgi.

Vom Verein und von den Spielern, ja, selbst von der Crowdfunding-Plattform seien sehr positive Rückmeldungen eingegangen. Nun hofft Bürgi, dass der Spendefluss nicht abreisst. Immerhin läuft die Sammlung noch 42 Tage. «Ich würde mir für uns und auch den FC Aarau wünschen, dass auch die exklusiven Belohnungen noch einen Käufer finden: Eine Trainingseinheit mit der ersten Mannschaft oder das Ausführen des Anspiels im Brügglifeld sind Dinge, die man sonst nicht einfach so haben kann.»

Die «Szene Aarau» besteht nicht nur aus Ultras

Oft wird die Szene Aarau als «Dachorganisation der Aarauer Ultras» beschrieben. Also derjenigen Fans, die man gerne mal etwas skeptisch beäugt, weil sich ihr Verhalten nicht immer innerhalb der Grenzen des Legalen bewegt. Ist die Sponsoring-Aktion ein Versuch, sich ein gutes Image zu erkaufen? Nein, betont Christoph Bürgi, dafür stecke zu viel Geld und Aufwand in diesem Projekt. Primär gehe es der Szene Aarau darum, den FCA zu unterstützen.

«Es ist klar, dass negative Vorfälle in der Öffentlichkeit auch auf eine Dachorganisation wie die Szene Aarau übertragen werden und Meinungen in der Öffentlichkeit gerade im Fussball rasch gemacht sind», sagt er. «Ich möchte aber festhalten, dass die Szene Aarau im Umfeld des Vereins – also bei den Zuschauern, den Spielern und der Vereinsführung – durchweg positiv wahrgenommen und die Zusammenarbeit geschätzt wird.»

Ausserdem zählen laut Bürgi zur Szene Aarau nicht nur Ultras, sondern alle aktiven FC-Aarau-Fans, die die Dienste der Organisation in Anspruch nehmen. «Dazu gehört beispielsweise die Teilnahme an von uns organisierten Auswärtsfahrten. Bei diesen reisen jeweils auch viele Familien sowohl im Zug als auch in den Cars mit uns an die Auswärtsspiele.» Die Szene Aarau, unter diesem Namen seit 2008 bekannt, sei aber weder Verein noch sonst eine rechtliche Körperschaft, deshalb habe sie auch keinen fixen Mitgliederbestand und führe keine regelmässigen Treffen durch.
Infos: www.szene-aarau.ch. (NRO)