Bezirksgericht Aarau
«Es braucht keine Fahne, die abwinkt» – zwei Männer landen vor Gericht, weil sie ein Rennen fuhren

Zwei junge Männer waren im Sommer 2019 zwischen Suhr und Hunzenschwil mit 145 und 156 km/h geblitzt worden; nun erhielten sie die Quittung.

Peter Weingartner
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Beide Autos fuhren viel zu schnell, als sie geblitzt wurden. (Symbolbild)

Beide Autos fuhren viel zu schnell, als sie geblitzt wurden. (Symbolbild)

Baona / iStockphoto

Wars ein Rennen? Oder ein dummes gegenseitiges Provozieren, Gockelgebaren mit vielen PS unter dem Hintern? Im Sommer 2019 jedenfalls spielten Achmed, damals 23, und Ivan (beide Name geändert), damals 21, ein gefährliches Spiel. Oder im juristischen Jargon: Sie machten sich der qualifizierten groben Verletzungen elementarer Verkehrsregeln schuldig. Und das durch Missachtung der Höchstgeschwindigkeit, waghalsiges Überholen und das, was man Rennen nennen kann. Sagt das Bezirksgericht Aarau unter Gerichtspräsident Reto Leiser.

Dabei kannten sich die beiden jungen Männer gar nicht in jener Nacht, als Achmed ab Unterkulm mit seinem geleasten BWM (450 PS) dem Ivan im Audi seines Bruders (210 PS) aufsass. Und das Spiel konnte beginnen. Gas geben, bremsen, Gas geben, bremsen. Und das über zehn Kilometer bis nach Suhr, wo Ivan ausserorts ein Drittauto mit Beifahrer und Kind auf dem Rücksitz überholte. Und was macht Achmed? Er setzt nach! Der Zufall will es, dass alle drei geblitzt werden. Das überholte Auto ist das einzige, das die Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h einigermassen einhält. Ivan fährt nach Abzug der Toleranz 59 km/h zu schnell, Achmed gar 69. Und der sieht beim Überholmanöver nicht einmal, ob etwas entgegenkommt. Die Polizei wartet und fängt die beiden ab, verhaftet sie.

Diesen Vorfall können Achmed und Ivan nicht abstreiten, und auch ein früheres Vergehen, Rechtsüberholen auf der Autobahn und Fahren ohne Fahrausweis, kann Ivan nicht leugnen: Es gibt ein Video des Manövers.

Ein spontan geborenes Rennen

Staatsanwältin Nicole Burger fordert 21 Monate Freiheitsstrafe für Achmed und 16 Monate für Ivan. Da beide nicht vorbestraft sind, soll die Strafe bedingt ausgesprochen werden, bei vier, beziehungsweise drei Jahren Probezeit. Dazu sollen sie mit 7200 (Achmed) und 4000 Franken (Ivan) gebüsst werden. Ivans Aussage, Achmed habe ihm mit seinem Aufhocken Angst gemacht, nennt sie eine Schutzbehauptung. Auch Achmeds wohl wahre Behauptung, er hätte Ivan locker überholen können, lässt sie als Argument gegen den Vorwurf des Rennens nicht gelten. Vielmehr sieht sie im Verhalten der beiden einen Wettkampf: Wer hat das sportlichere, das schnellere Auto? Auch das lautere? Man habe sich wohl gegenseitig hochgeschaukelt, provoziert, sich provozieren lassen. Tröstlich für Ahmed: Das Damoklesschwert der Landesverweisung für Achmed (Türke) versorgt die Staatsanwältin.

Fundamentalkritik am Rechtssystem

Achmeds Verteidiger plädiert auf Freisprüche für seinen Klienten. Sein Hauptargument stellt die Rechtmässigkeit des Schweizerischen Systems in Frage: Es sei nicht statthaft, jemanden für das Gleiche zweimal zu bestrafen. Führerausweisentzug auf unbestimmte Zeit durch das Strassenverkehrsamt und Verurteilung durch das Strafgericht. Das Strassenverkehrsamt habe die Beurteilung durch das Strafgericht vorweggenommen.

Ivans Verteidiger moniert einen Verstoss gegen das Beschleunigungsgebot im Verfahren: Zu lange habe es geruht. Ausserdem bestreitet er die qualifizierte grobe Verletzung elementarer Verkehrsregeln, da sein Klient die dafür notwendige Geschwindigkeitsüberschreitung, im Gegensatz zu Achmed, um einen km/h nicht erreicht habe.

Zudem habe es sich nicht um ein Rennen gehandelt, und waghalsig sei das Überholen nicht gewesen: trockene Strasse, gute Sicht, kein Gegenverkehr, bekannte Strecke. «Waghalsig? Nicht schlau, aber nicht skrupellos», beschreibt er das Verhalten seines Klienten. Grobe Verletzung der Regel ja, aber nicht qualifiziert, das heisst, nicht Schwerverletzte oder Todesopfer in Kauf nehmend.

Gericht folgt mehrheitlich der Staatsanwaltschaft

Rennen? Kein Rennen? «Es braucht keine Fahne, die abwinkt», sagt Reto Leiser. Ein Wettstreit ist für das Gericht erwiesen. Ivans Behauptung, er habe Angst gehabt, verfängt nicht: Er hätte anhalten können statt mitzumachen. Wie sie das gemacht haben, nachdem sie geblitzt worden waren. Zur Kritik am System, wie sie Achmeds Verteidiger vorgebracht hatte (Doppelbestrafung), meint Leiser, das entspreche der langjährigen Rechtsprechung des Bundesgerichts und werde auch vom Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Strassburg anerkannt. «In erster Instanz daran zu rütteln, wäre nicht mutig, sondern doof», sagt Leiser. Das Gericht folgt im Wesentlichen der Staatsanwaltschaft: 21 Monate bedingt für Achmed, 16 Monate für Ivan.

Es verkürzt die Probezeit angesichts einer guten Prognose, gestützt durch verkehrspsychologische Gutachten, aber auf zwei Jahre. Achmed fährt in einer Fahrgemeinschaft zur Arbeit; Ivan war nach dem Vorfall fristlos entlassen worden, macht eine Schulung und hat eine Stelle als LKW-Fahrer in Aussicht. Beide haben ihren Führerschein wieder.

Die Busse beträgt je 1000 Franken; bei Ivan kommen 270 Franken für die früheren Delikte – Rechtsüberholen auf der Autobahn und Nichtmitführen des Führerausweises – dazu. Weh tun den beiden die Verfahrenskosten und, sobald sie dazu imstande sind, die Kosten der amtlichen Verteidigung. Das Urteil kann an die nächste Instanz weitergezogen werden. Die Staatanwältin schwingt sich einigermassen zufrieden – «die Busse hätte etwas höher ausfallen können» - aufs Velo, während die Verteidiger und ihre Klienten das Urteil mal sacken lassen.

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