Aarau
«Alte Apotheke»-Neubau: Architektin will 6 Stöcke – Stadtbaumeister winkt ab

Architektin Sibylle Wälty wundert sich über das Projekt an der Bahnhofstrasse – das Verdichtungspotenzial werde nicht ausgenutzt, die Bauzone erlaube sechs Geschosse. Der Stadtbaumeister bestätigt und erklärt, warum vier Geschosse trotzdem reichen.

Nadja Rohner
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Bahnhofstrasse 53: Sibylle Wälty hat das Modell des zuständigen Aarauer Architekturbüros bearbeitet (links).

Bahnhofstrasse 53: Sibylle Wälty hat das Modell des zuständigen Aarauer Architekturbüros bearbeitet (links).

AZ

Die alte Apotheke an der Bahnhofstrasse 53 wird definitiv abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Dass dieser moderner daherkommt als die Gebäude links und rechts, stösst bei den Leserkommentatoren auf az online auf wenig Begeisterung. «Der Neubau passt überhaupt nicht zu den anderen beiden angebauten Gebäuden», schreibt ein Leser. Ein anderer hält die geplante Dämmbeton-Fassade für einen «schlechten Scherz». Das Dachgeschoss «erreicht nicht die Wohlproportioniertheit der alten Häuser», heisst es weiter.

Nicht per Leserkommentar, aber per Mail meldete sich eine Badener Architektin zu Wort: Sibylle Wälty, in Aarau aufgewachsen und spezialisiert auf ganzheitlich nachhaltige Siedlungsgestaltung, hat sich sogar auf ihrem Blog mit dem geplanten Neubau befasst. Sie habe sich «über das Projekt gewundert», sagt Wälty: «Wenn es schon ein Neubau sein muss, warum ersetzt man den Altbau mit einem vierstöckigen Gebäude plus Attika und nicht mit einem sechsstöckigen plus Attika – so, wie man es vor zehn Jahren beim az Medienhaus gemacht hat?» So könnte man das Verdichtungspotenzial viel besser ausnutzen, so die Architektin, die sich schon bei der Planung des «Gastro Social»-Hochhauses für eine noch höhere Baute ausgesprochen hatte. Zur Illustration hat Wälty das Neubau-Modell des Architekturbüros Gautschi Lenzin Schenker bearbeitet, sodass man sich gut vorstellen kann, wie der Neubau mit sechs Geschossen aussehen würde.

Grundsätzlich wäre es zonenkonform gewesen, zwei Stockwerke mehr einzuplanen – möglich ist eine Gebäudehöhe bis 19 Meter. Das bestätigt Stadtbaumeister Jan Hlavica. «Diese Möglichkeit wurde selbstverständlich auch in der Stadtbildkommission diskutiert», sagt er. «Gerade bei einer so exponierten Lage prüft man die verschiedenen Varianten intensiv.»

Sowohl Stadtbildkommission als auch Denkmalpflege hätten sich gegen einen sechsgeschossigen Bau ausgesprochen – und damit auch gegen eine optimale Nutzung. Man wolle das Erscheinungsbild der Bahnhofstrasse nicht zerstückeln, erklärt der Stadtbaumeister. «Der Neubau bleibt ein Teil eines Ganzen und lehnt sich auch in der Architektursprache stark an die Nachbargebäude an», sagt Hlavica.

Das alte Haus ist an zwei weitere Gebäude angebaut, in denen sich das Brillengeschäft Trotter, das Penny-Farthing-Pub und das Restaurant Kormasutra befinden. Die Häuser stehen unter Ensembleschutz, wurden etwa zur selben Zeit im selben Stil gebaut und bilden eine optische Einheit. Deshalb soll auch der Neubau ähnlich aussehen wie die beiden anderen Häuser, die nicht abgerissen werden. Man wolle «kein Sammelsurium verschiedener Gebäude, die nichts miteinander zu tun haben», so Hlavica. Ein sechs- statt viergeschossiger Neubau würde wie ein Turm wirken und als Fremdkörper wahrgenommen werden.

Zwar habe man, wie Architektin Sibylle Wälty richtig bemerkt hatte, beim Neubau des az-Mediencenters auch ein vier- durch ein sechsgeschossiges Gebäude ersetzt. «Die Situation ist bei diesem Gebäude jedoch anders: Es ist freistehend und zu den niedrigeren Nachbarbauten etwas zurückversetzt», erklärt Hlavica.

Würde die Bauherrschaft die Nutzungsplanungs-Revision abwarten, wäre eine maximale Fassadenhöhe von 20 Metern bei einer Gesamthöhe von 24 Metern (inkl. Attika und Aufbauten) möglich. Das wäre etwas mehr als heute. Zudem würde das Gebäude dann nicht mehr in einer Ensembleschutzzone liegen. Allerdings ist es laut Jan Hlavica «in der neuen Bau- und Nutzungsordnung als ‹Besondere Baute› bezeichnet, bei denen umfassende Interessenabwägungen im Rahmen vom Baugesuchsverfahren gelten». Die neue BNO wird allerdings frühestens 2018 rechtskräftig. Dann dürfte der Neubau der Bahnhofstrasse 53 längst stehen. Viergeschossig.

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