Aarau
Aarauer Vereine entwerfen die Zukunft der Stadt

Theater Tuchlaube und «Goldproduktionen» bringen Vereinsmitglieder an einen Tisch, um die Stadt von morgen zu denken.

Sabine Kuster
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Der Eisenbahn-Modellbau-Club Aarau an einem Tisch mir dem Spitex-Verein in einem provisorischen Vereinslokal in der Tuchlaube. kus

Der Eisenbahn-Modellbau-Club Aarau an einem Tisch mir dem Spitex-Verein in einem provisorischen Vereinslokal in der Tuchlaube. kus

Sabine Kuster

Eingeladen sind zwölf Aarauer Vereine, vom FC Aarau, über den Kammerchor und dem Forum der Älteren bis zum Elternverein. Sie sind die Hauptdarsteller im «Vereinslokal Utopia» und die Lieferanten von Zukunftsideen für Aarau. Das Ergebnis wird im Mai zwei Wochen lang als begehbare Installation in der Alten Reithalle stehen.

Eine Produktion, in dem Vereine die Hauptdarsteller sind, ist eine ziemlich clevere Idee der Theatergruppe Goldproduktionen, die von der Tuchlaube mit diesem Projekt eingeladen wurde. Denn so werden alle Mitglieder dieser Vereine ins Theater gelockt – und es wird ein neues Publikum erschlossen.

Ein spezieller Vereinsabend

Dazu haben Christin Glauser und Seraina Dür von «Goldproduktionen» zwölf Aarauer Vereine in die Tuchlaube eingeladen – immer zwei Vereine mit je vier Vertretern aufs Mal. Sie betraten dort ein Vereinslokal als Bühnenbild. Es ist gemütlich, die Möbel altmodisch.

Da trafen aufeinander: der FC Aarau auf den Verein Netzwerk Asyl. Und der Vogelschutzverein Bird Life auf den Elternverein, zum Beispiel. Mal wird über Zukunft und Macht diskutiert, mal über Zukunft und Ressourcen – auf jeden Fall über die Zukunft.

Christin Glauser und Seraina Dür haben ein Faible für die Entwicklung der Städte. Unter anderem haben sie ein interaktives Theaterstück mit dem Titel «Wer baut Zürich» 2011 für das Zürcher Schulamt entwickelt. Das «Vereinslokal Utopia» haben sie 2014 im Theater in Schaan und im Kunstmuseum Liechtenstein schon getestet.

Vereine sind Hoffnungsträger

Warum fragen sie ausgerechnet die Vereine, wie Aarau in hundert Jahren aussieht? «Weil diese sich ohne kommerzielles Interesse für ihre Anliegen einsetzen», finden die beiden. Weil es existierende Gemeinschaften seien und «Hoffnungsträger». Sie wollen nicht, dass Zukunftsforschung ein Privileg der Mächtigen bleibt.

Übrigens auch ein Anliegen des Leiters der Tuchlaube: «Wir wollen zeigen, dass die Zukunft allen Unkenrufen zum Trotz kein Schicksal ist, das einfach hingenommen werden muss; dass Zukunft vielmehr als etwas erfahren werden kann, das gestaltbar ist», sagt Peter-Jakob Kelting.

Lieber «back to the roots»

Dass sie die Zukunft noch in den Händen haben, davon war der Eisenbahn-Modellbau-Club Aarau an ihrem Abend in der Tuchlaube zusammen mit dem Verein Spitex noch nicht recht überzeugt. «Aarau in 100 Jahren – mir macht das Angst auf eine Art», sagte einer der Männer, «es ändert sich alles so schnell.» Die Entwicklung der Eisenbahn teilen die leidenschaftlichen Modell-Wärter in sechs gut überschaubare Epochen ein, von 1847 bis heute. Aber was kommt jetzt? Die Ungewissheit macht vorsichtig.

«Als der Computer kam», sagt eine Frau von der Spitex, «hiess es, wir hätten nun mehr Zeit, die Pflege werde einfacher. Aber es stimmt nicht, die Arbeit am Computer kam einfach zusätzlich hinzu.»

Zurück zu den Wurzeln, das wünschten sich an diesem Vereinsabend mehrere. Nur die Leiterin der Spitex sagte: «Roboter in der Pflege sind vielleicht gar nicht schlecht. Sie haben beim Essen eingeben unendliche Geduld, wir hingegen werden manchmal ungehalten.» Was tun wir Menschen dann noch, fragte eine Kollegin. «Batterien wechseln», sagte ein Eisenbähnler.

«Ihr könnt mit Nostalgie-Zügen durch die Schweiz fahren und die Hektik verlangsamen», sagte die Spitex-Leiterin. «Das machen die Patienten mit uns auch. Sie brauchen zum Ankleiden so lange, wie sie halt brauchen.»

Gelingt die Inspiration?

Zukunft und Zeit war das Thema an diesem Abend, der ein herrliches Essen von Umweltpreisträgerin Rebecca Moser beinhaltete: schnelle Fischsuppe, lange gegartes Ragout und geduldig gekochte Polenta. Ein Tonbandgerät nahm die Gespräche auf. Teile davon werden in der Installation in der Reithalle zu hören zu sein. Ausserdem werden Modelle aus Bauklötzen gezeigt, die Aarau in 100 Jahren zeigen – als Utopie, als Wunschvorstellung.

Wird es den beiden Künstlerinnen und den total 48 Vereinsmitgliedern gelingen, echte, inspirierende Visionen zu zeigen? «Ich bin überzeugt, dass das gelingt, wenn so viele unterschiedliche Stimmen daran mitwirken», sagt Theaterleiter Kelting.

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