Aarau/Brugg
Das Zimmermannhaus zeigt die vergänglichen Werke einer 82-Jährigen: «Für die Ewigkeit ist nichts geschaffen»

Seit 34 Jahren stellt Rosmarie Vogt ihre Kunstwerke in ihrem Atelier im Kiff in Aarau her. «Ich möchte nichts Neues mehr produzieren, sondern das aufbrauchen, was noch vorhanden ist», sagt sie. Im April werden ihre Werke in Brugg ausgestellt.

Katja Gribi
Merken
Drucken
Teilen
Rosmarie Vogt (82) thematisiert in ihrer Kunst die Vergänglichkeit unserer Welt.

Rosmarie Vogt (82) thematisiert in ihrer Kunst die Vergänglichkeit unserer Welt.

Bild: Britta Gut

Im Zimmermannhaus in Brugg ruhen derzeit verschiedene Kunstobjekte in den menschenleeren Räumen. Die Ausstellung mit dem Titel «Spazett» der beiden Künstlerinnen Rosmarie Vogt-Rippmann und Olivia Wiederkehr hätte eigentlich bereits Mitte Januar eröffnet werden sollen – die Coronakrise machte ihnen jedoch einen Strich durch die Rechnung. Die Werke von Rosmarie Vogt-Rippmann stehen nun verlassen in den Ausstellungsräumen. «Man könnte es fast schon als Geisterausstellung bezeichnen», meint Rosmarie Vogt mit Humor.

Von Schaffhausen über Basel nach Aarau und Scherz

Ursprünglich wollte die gebürtige Schaffhauserin in ihren jungen Jahren immer einen gestalterischen Beruf erlernen. Mangels passender Ausbildung entschied sie sich stattdessen, Innenarchitektin zu werden. Rosmarie Vogt sagt:

«Wenn, abgesehen von der Bildhauerei, eine Ausbildung mit räumlicher Kunst da gewesen wäre, hätte ich vermutlich etwas in diese Richtung gelernt.»

Das Innenausbau-Studium sei diesem Wunsch durch die Arbeit mit dreidimensionalen Modellen am nächsten gekommen, erzählt sie.

Später hat Rosmarie Vogt selbst als Dozentin an der Architekturschule in Basel im Bereich Gestaltung gearbeitet. Die Nähe zu ihrem Kunsthandwerk sei daher immer erhalten geblieben. Während dieser Zeit mussten eigene Projekte ein wenig zurückstehen, erzählt die mittlerweile 82-jährige Künstlerin. Dazu kamen private Verpflichtungen: «Lange Zeit war auch die Familie im Mittelpunkt. Ich habe drei Söhne, da wurde ich zu Hause gebraucht. Das ganze Kunsthandwerk hat als Hobby begonnen. Mittlerweile hat sich das Gewicht verlagert hin zu dieser Leidenschaft.»

Aus alten Kunstobjekten macht Rosmarie Vogt Neues

Das künstlerische Vorgehen der in Scherz wohnhaften Künstlerin zeichnet sich dadurch aus, dass aus Altem Neues geschaffen wird, wie sie selbst sagt:

«Meine Überlegungen kreisen um die Vergänglichkeit und Labilität unserer Welt. Ich konzipiere aus alten Kunstwerken neue dreidimensionale Bilder. So verändert sich ihre Form ständig und sie befinden sich in einem steten Wandel.»

Viele der Kunstwerke seien Installationen in der freien Natur, da würden sie mit der Zeit vom Wetter mitgeformt und zerstören sich schlussendlich selbst. Der Ursprung einer neuen Arbeit könne dabei irgendwas sein, sagt sie. «Mit einer vorgegebenen Ordnung zu konstruieren, bringt immer auch einen Zwang mit sich. Ich schaue daher, was sich ergibt, ohne ein spezifisch geplantes Objekt vor Augen.» Rosmarie Vogt hält fest:

«Diese Freiheit kann eine grosse Leere geben, da muss man einen Zwischenweg finden.»

Zum Ausgleich beschäftige sie sich im jetzigen Stillstand gerne mit ihrer Familie, den Enkelkindern und Freunden, sagt sie. Zudem verarbeitet sie seit zirka 23 Jahren Zeitungsbilder und macht daraus Alben. «Die Bilder wähle ich danach aus, welche mich spontan am meisten ansprechen. Mittlerweile sind es schon um die 25 Hefte. Sie dienen sozusagen als subjektive Wegbegleiter, die zugleich ebenfalls vergänglich sind.»

Die Zeiten des Wetteiferns sind für sie vorbei

Nach vielen Jahrzehnten als Künstlerin sieht Rosmarie Vogt die Dinge nüchtern. «Früher ging es immer darum, etwas Aufsehenerregendes zu schaffen und andere zu übertrumpfen. Es ging auch darum, Förderbeiträge zu erhalten und sich im Stipendienwesen zu behaupten. Heute möchte ich nichts Neues mehr produzieren, sondern das aufbrauchen, was noch vorhanden ist. Diese stetige Steigerung, immer mehr zu bieten, das will ich nicht mehr.»

Die Antwort auf die Frage, ob sie ein Lieblingskunstwerk habe, fällt kurz und knapp aus: «Immer das, was gerade aktuell ist», meint sie schmunzelnd. «Ich bleibe nicht lange bei einem Objekt. Es geht mir um den Aufbau einer Sache, für die Ewigkeit ist nichts geschaffen.»

Die Materialien und Inspirationen nimmt Vogt aus dem, was vorhanden ist. In ihrem Atelier im «Kiff» in Aarau liegen kleine Holzmodelle neben grossen Gebilden aus Metall, Holz, Textilien und Papier. «Es geht nicht um die grossen ästhetischen Fragen, diese philosophische Heiligkeit liegt mir fern. Ich möchte mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, eine Vorstellung kommunizieren und so Kontakt zur Aussenwelt aufbauen. Es geht darum, den Alltag zu bebildern», beschreibt sie ihr Bestreben. Sie sagt:

«Man sieht meiner Arbeit an, dass ich keinen Anspruch mehr erhebe auf das grösste und neuartigste Kunstwerk. Ich sehe das, was ich habe, als Möglichkeit zum Transportieren von Gedanken und Vorstellungen.»

Wie sich das in der neuen Ausstellung genau äussert, möchte sie nicht verraten. Nur so viel: Eines der Objekte brachte sie von einer italienischen Bäuerin mit – ein Bambusgerüst zur Bohnenaufzucht. Wie es in seiner jetzigen Form daherkommt, kann dann hoffentlich im April begutachtet werden. Dann soll nach derzeitigem Stand endlich die Vernissage von «Spazett» im Zimmermannhaus gefeiert werden.