Aarau
Zum Nichtstun verdammt: Restaurant Lockentopf kämpft weiter um den eritreischen Hilfskoch Osman

Mit allen möglichen Mitteln hatten seine Chefs zu verhindern versucht, dass Flüchtling Osman Mohammed seine Arbeitsbewilligung verliert – am Schluss vergebens. Nun sammeln sie Geld, um die Anwaltskosten zu decken und Mohammeds Lebensunterhalt zu gewährleisten, bis er im April 2022 ein Härtefallgesuch stellen kann.

Daniel Vizentini
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Osman Mohammed, Hilfskoch im «Lockentopf» (Mitte), mit dem Wirtepaar Désirée Sibold und Tobias Krummenacher. Sein Asylgesuch wurde definitiv abgelehnt, seine Arbeitsbewilligung nach mehreren Verlängerungen nun entzogen.

Osman Mohammed, Hilfskoch im «Lockentopf» (Mitte), mit dem Wirtepaar Désirée Sibold und Tobias Krummenacher. Sein Asylgesuch wurde definitiv abgelehnt, seine Arbeitsbewilligung nach mehreren Verlängerungen nun entzogen.

Severin Bigler (11.6.2020)

«Osman muss bleiben!» – das ist dem Wirtepaar des Aarauer Restaurants Lockentopf Tobias Krummenacher und Désirée Sibold klar. Seit 2019 kämpfen sie für den Verbleib ihres Angestellten, der ihnen in den letzten Jahren sehr ans Herz gewachsen und zu einem Freund geworden ist.

Ende 2015 aus Eritrea geflüchtet, kam Osman Mohammed über Libyen und Italien in die Schweiz. Zuvor war seine Mutter an einer Krankheit gestorben. Seinen Vater, der jahrzehntelangen Militärdienst leistet, hat Osman Mohammed seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen.

Sein Chef Tobias Krummenacher sagte bereits im April 2020:

«Es wäre ein grosser Fehler, einen so wunderbaren Menschen kampflos gehen zu lassen.»

Damals war Mohammeds Asylantrag frisch verneint worden. Leichte Abweichungen zwischen zwei Befragungen schätzte der Bund als unglaubwürdig ein. Osman Mohammed – laut Dokumenten des Bundes jetzt 25-jährig – hätte Ende Juli 2020 die Schweiz verlassen müssen. Seit Oktober 2019 beim «Lockentopf» angestellt, hat er sich dort schnell integriert und sehr beliebt gemacht: Im Aarauer Lokal gilt er als zuverlässige Frohnatur, der seinen Job laut seinem Chef «ausserordentlich gut» macht, ja gar «der beste Hilfskoch der Welt» sei.

Seine Arbeitsbewilligung wurde mit Hilfe eines Anwalts wegen der Coronapandemie mehrmals verlängert. Nun kam vom Bund die Nachricht, dass es zu keiner weiteren Verlängerung kommen wird. «Für uns ist das niederschmetternd», sagt Tobias Krummenacher. Da Eritrea aber keine ihrer Flüchtlinge wieder aufnimmt, wird Osman Mohammed nicht ausreisen müssen. Er wird in der Schweiz bleiben können, aber: Er wird zum Nichtstun verdammt. Tobias Krummenacher:

«Für Osman bedeutet dies den Umzug in eine Abschiebungsunterkunft, die nicht dafür bekannt ist, es den Flüchtlingen besonders angenehm zu machen und eher eine freiwillige Ausreise provoziert.»

Der Kampf gegen den verneinten Asylentscheid ist verloren, gegen die Ablehnung der Fristverlängerung wird noch Beschwerde eingereicht. Der «Lockentopf» kämpft nun dafür, dass Osman Mohammed immerhin in besseren Verhältnissen wohnen kann.

«In all seinen bisherigen Unterkünften war er stets der Einzige mit einer festen Arbeit. Mit unserem Lohn könnte er problemlos auf eigenen Beinen stehen und wäre nicht vom Staat abhängig.»

«Wir wollen seine Integration weiter vorantreiben», fügt Tobias Krummenacher hinzu. «Einer unserer Angestellten kann ihm in seinem Haus günstig ein Zimmer zur Verfügung stellen und wir organisieren und bezahlen ihm einen Deutsch-Intensivkurs, damit er bei einer definitiven Aufenthaltsbewilligung direkt bei uns mit einer Kochlehre beginnen kann.»

Der Plan: Ein Jahr abwarten, dann ein Härtefallgesuch stellen

Dafür sammelt der «Lockentopf» jetzt Geld: In einer Spendenkampagne im Internet kamen in den ersten Tagen 2775 Franken zusammen, gespendet von 30 Personen. 15'000 Franken sind das Ziel.

Damit sollen die Lebenshaltungskosten von Osman Mohammed gedeckt werden, bis er im April 2022 fünf Jahre in der Schweiz ist und so ein Härtefallgesuch für eine Aufenthaltsbewilligung stellen kann. Dazu wollen die «Lockentopf»-Wirte immerhin einen Teil der Anwalts- und Verfahrenskosten decken können. «Wir sind bis anhin für sämtliche anfallenden Kosten gerne aufgekommen und würden dies auch weiterhin tun», sagt Tobias Krummenacher.

«Die anhaltende Pandemie fordert die Gastronomie und unser junges Unternehmen finanziell enorm und solche zusätzlichen Aufwände können unter den aktuellen Umständen leider nicht getragen werden.»

Aktuell werden von Montag bis Samstag nur Take-away-Menus angeboten. Dies laufe den Umständen entsprechend gut, sei aber «wie bei allen Gastronomen kaum rentabel».

Lockdown und erstes Kind als weitere Herausforderungen

Nebst dem Fall Osman Mohammed hat der «Lockentopf» also auch ganz andere Sorgen. Dazu ist Ende Oktober das erste Kind des Wirtepaars auf die Welt gekommen. «Eine schöne Ergänzung zum Team», sagt Tobias Krummenacher.

Noch ist Osman Mohammed in seiner bisherigen Unterkunft in Brugg untergebracht. Das «Lockentopf»-Team steht mit ihm in engem Kontakt. «Wir schauen, dass er mindestens zweimal die Woche mit uns in Aarau zu Mittag isst.» Nächste Woche beginnt er einen Intensiv-Deutschkurs. Sprechen tut Osman Mohammed bereits praktisch einwandfrei, auch Dialekt. Nun soll er seine Zeit produktiv nutzen und seine schriftlichen Kenntnisse verbessern.