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8. Türchen: Er ist 180 Jahre alt und trägt einen Frack – und war für den Bundesrat

Im Naturama in Aarau steht ein äusserst seltener und uralter Vogel.

Katja Schlegel
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Naturama-Direktor Peter Jann mit dem rund 180 Jahre alten Riesenalk.Alex Spichale

Naturama-Direktor Peter Jann mit dem rund 180 Jahre alten Riesenalk.Alex Spichale

Alex Spichale

Der kleine Kerl im Frack ist einsam. Nur gerade 80 Kollegen gibt es noch. Weltweit. Allesamt mit Stroh, Watte oder Holzwolle ausgestopft, die Äuglein durch Glasperlen ersetzt, zu Füssen ein ausgeblasenes Ei oder eines aus Gips, schwarz gemasert. Seit 172 Jahren ist der Riesenalk, so heisst dieses zoologische Kuriosum, ausgerottet.

Der Pinguin des Nordens, Pinguinus impennis, der einzige flugunfähige Vogel der Nordhalbkugel, der die Seefahrer nicht nur zu den Fischschwärmen lockte, sondern ihnen auch als Nahrung gedient hat. Eines dieser 80 Präparate steht im Naturama Aarau, das macht ihn schon wertvoll genug. Die Krönung ist die Geschichte, wie er ins Museum kam: Davor stand er jahrelang in der Stube des allerersten Aargauer Bundesrates.

Ein Buch über die Verbliebenen

Exemplare des Riesenalken sind so selten, dass es eigens ein Buch zu sämtlichen verbleibenden Präparaten gibt – mitsamt ihrer Geschichte: Wann wurden die Vögel von wem und wo erlegt, wer hat sie ausgestopft und wem für wie viel verkauft? Über den Aarauer Alken steht da, dass er auf Island getötet wurde und wohl um 1840 von einem gewissen Karl Michahelles zum Kauf angeboten wurde.

Gekauft hat ihn der Aarauer Friedrich Frey-Herosé, damals noch Regierungsrat, Unternehmer und begeisterter Vogelkundler, für 80 Gulden. Frey war seit Jugendtagen Mitglied der 1815 gegründeten Gesellschaft für vaterländische Kultur (heute Aargauische Naturforschende Gesellschaft) und verfügte über eine grosse Sammlung ausgestopfter Vögel. 1865 vermachte Frey, seit 1848 erster Aargauer Bundesrat, seine Sammlung dem Natur- und Heimatmuseum Aargau (heute Naturama).

Als bekannt wurde, dass in Aarau ein Exemplar des Alken existiert, wurden dem Museum bis zu 1500 Franken für das Präparat geboten. Doch der Vogel ist unverkäuflich. Auf ewig. Der Riesenalk ist ein Schatz. Er ist einer der Lieblinge von Naturama-Direktor Peter Jann: «Er ist eines der faszinierendsten Objekte.»

Nicht nur seiner Seltenheit wegen, sondern auch wegen seines Alters; er ist mit seinen bald 180 Jahren eines der ältesten Präparate überhaupt. «Und natürlich wegen seiner Geschichte», sagt Jann. Er steht für eine Zeit, in der der Umgang mit der Natur eine ganz andere war: Ausgerechnet das Wissen darum, dass der Bestand gefährlich dezimiert war, besiegelte das Todesurteil der letzten Überlebenden.

Einst waren Riesenalken alles andere als seltene Vögel: Wie Rainer F. Foelix, ehemaliger Leiter des Naturmuseums Aargau, in den Neujahrsblättern 1996 schreibt, brüteten die Riesenalken zu Hunderttausenden an den Küsten im ganzen Nordatlantik. Doch dann merkten die Seefahrer im 16. Jahrhundert, dass sich die eintönige Speisekarte mit Riesenalken aufpeppen liesse.

Die zwischen 70 bis 85 Zentimeter grossen Tiere waren leichte Beute: Mit ihren kurzen Beinen und den Stummelflügeln waren sie an Land völlig hilflos. Die Tiere wurden geschlachtet, gleich gegessen oder in Fässern gepökelt, oder als Lebendfutter an Bord gebracht. Solange die Vögel nur als Nahrung dienten, konnten die Populationen diese Jagden verkraften und die Bestände ausgleichen.

Fürs Jagen ausgepeitscht

Das änderte sich im 18. Jahrhundert schlagartig: Der Riesenalk wurde nun nicht mehr seines Fleisches wegen gejagt, sondern wegen seines Fettes, den Federn und des Öls. Wie Seefahrer in ihren Logbüchern berichten, wurden die Tiere zu tausenden abgeschlachtet oder bei lebendigem Leibe in Kessel mit kochendem Wasser geschmissen. Mit den Federn wurden Kissen und Matratzen gestopft, aus dem Öl wurde Lampenbrennstoff und die fettigen Körper wurden als Brennmaterial verwendet.

Vor 1800 war der Bestand der Riesenalken so klein, dass das Jagen verboten wurde – unter Androhung von öffentlicher Auspeitschung. «Damit war die Ausrottung besiegelt», sagt Jann. Denn nun zogen die Wilderer los, um sich noch eines der letzten Exemplare zu sichern und für viel Geld an Sammler zu verkaufen. Am 3. Juni 1844 wurde das letzte Riesenalkenpaar von zwei Fischern auf einer Insel vor Island erschlagen.

Eine traurige Geschichte. Aber eine typische: «Das Verhältnis zur Natur war früher ein ganz anderes. Es zählte nicht der Schutz der Tiere, sondern die Abenteuerlust, der Ehrgeiz, Exotisches oder Seltenes zu sammeln und zu präsentieren», sagt Jann. Dafür zogen die Jäger los und schossen Tiere aus aller Herren Ländern, die dann daheim dem staunenden Publikum gezeigt wurden. «Soll man diesen Leuten einen Vorwurf machen? Ich weiss es nicht», sagt Jann. «Aber zum Glück sind wir heute zumindest in dieser Sache gescheiter – wenigstens etwas.»

Naturama Aargau Das Naturama an der Feerstrasse 17 in Aarau ist täglich (ausser Montag) von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

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