Tagblatt Online, 22. November 2011 01:08:42
Bildung als simple Ware
Die Vordenker der Wirtschaft warten mit einem brisanten Vorschlag auf: Studierende sollen ihr Studium von A bis Z zurückzahlen. Und zwar tranchenweise, je nach späterem Einkommen. Dem Investmentbanker, der an der HSG Wirtschaft studiert hat, dürfte dies dank fetter Boni nicht allzu schwerfallen. Für die Germanistin aber, die Teilzeit für einen Verlag arbeitet, sieht alles ein bisschen anders aus. Ihr Schuldenberg wird sie ein Leben lang begleiten. Die Idee dahinter: Bildung ist eine Ware und jene, die sich an einer Uni oder Fachhochschule einschreiben, sind Konsumenten, welche für die konsumierten Leistungen bezahlen sollen. Der Staat könnte sich so des Grossteils der Kosten, die er heute für die tertiäre Bildung aufwendet, entledigen.
Tatsächlich ist es ökonomisch betrachtet fragwürdig, dass einige Studierende viel zu lange das «falsche Fach» studieren. Doch muss wegen ein paar schwarzer Schafe gleich das ganze System auf den Kopf gestellt werden? Die IHK macht einen Denkfehler. Bildung ist nicht privates Vergnügen wie beispielsweise Skifahren. Wer sich bildet, handelt nicht einfach egoistisch, sondern er nützt dank seiner erworbenen Kenntnisse auch der Allgemeinheit. Wir brauchen Ingenieure, Juristen und Investmentbanker, die viel Geld verdienen wollen. Die Gesellschaft braucht aber auch Philosophen, Künstler und Musiker, die manches anders sehen als Banker und Juristen. Wer Bildung als Ware und Studenten nur als Konsumenten sieht, blendet aus, dass der Mensch viel mehr ist als ein Wesen, das nur seinen ökonomischen Nutzen maximieren will.
Stefan Schmid
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