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Tagblatt Online, 05. März 2004 00:30:59

«Esperanto ist nicht nur eine Sprache»

Der Esperanto-Club Wil feiert dieses Jahr sein 40-jähriges Bestehen

Andrea Brülisauer

Vor 40 Jahren gründete Hans Kästli den Esperanto-Club Wil. 1989 hat Stanislaw Pochanke das Zepter übernommen. Esperanto ist für ihn und seine Frau Barbara viel mehr als nur ein Hobby.

Esperanto begleitet Barbara und Stanislaw Pochanke schon fast ihr ganzes Leben lang. In ihrer Freizeit lesen sie Bücher oder Zeitschriften in Esperanto, in den Ferien reisen sie an internationale Esperanto-Kongresse in Japan, Frankreich oder Kuba, und auch ihr Freundes- und Bekanntenkreis besteht vorwiegend aus Esperantisten. Kein Wunder also, dass sich die Kontakte der beiden über die ganze Welt erstrecken.

Dank Esperanto kennen gelernt

Das Ehepaar hat dieser aus-sergewöhnlichen Sprache einiges zu verdanken. Zum einen war das Interesse an Esperanto der Grund dafür, dass sie sich in Polen kennen gelernt haben, hat doch Barbara Pochanke die ersten Esperanto-Kurse bei ihrem heutigen Ehemann belegt. Zum anderen hat Barbara Pochanke dank Esperanto den Weg in die Schweiz gefunden. Die ausgebildete Krankenschwester entdeckte 1972 in einer Esperanto-Zeitschrift ein Stellenangebot der Psychiatrischen Klinik Wil und wurde prompt angestellt. Zwischen 1972 und 1987 pendelte sie zwischen der Schweiz und Polen, arbeitete insgesamt sechs Malfür jeweils drei Monate in der Schweiz, bis sie eine feste An-stellung erhielt und ihre Familie nachziehen konnte. «Letztlich habe ich es wiederum Esperanto zu verdanken, dass ich auch in der Schweiz schnell Kontaktegefunden und Unterstützungerhalten habe», erzählt Barbara Pochanke.

Vorträge und Ausflüge

Als Präsident des Esperanto- Clubs Wil hat Stanislaw Po-chanke im Jahr 1989 die Fäden in die Hand genommen. Damals existierte der durch den Wiler Hans Kästli gegründete Club bereits 25 Jahre. Die Mitglieder treffen sich jeweils am ersten Mittwoch des Monats im Restaurant Blumenegg mit dem Ziel, Esperanto zu lernen und zu sprechen. Zum Jahresprogramm des Clubs gehören Vorträge, Halb- und Ganztagesausflüge oder Treffen mit anderen Esperantisten aus dem In- und Ausland. Dieses Jahr kann der Wiler Esperanto-Club das 40-jährige Bestehen feiern. Im Juni werden die Mitglieder deshalb einen speziellen Anlass organisieren. Das Ehepaar Pochanke bekommt regelmässig Anrufe von Schülern oder Studenten, die sich für die Sprache interessieren, Arbeiten oder Referate darüber verfassen wollen. Trotzdem: Barbara und Stanislaw Pochanke stellen fest, dass das Interesse an Esperanto stagniert, in Europa ist die Sprache am stärksten noch im Osten verbreitet.

Eine neutrale Sprache

Bei einer Umfrage, bei dersie sich für «Esperanto Schweiz» beteiligten, musste das Ehepaar feststellen, dass einige - vor allem jüngere - Leute gar nicht wussten, was Esperanto ist. Die Rolle, die diese Sprache eigentlich hätte übernehmen sollen, hat heute wohl die englische Sprache eingenommen. Aber: «Esperanto ist neutral, es wird niemand bevorzugt, und es ist leicht zu lernen», sagt Stanislaw Pochanke. Weshalb aber hat sich denn die Sprache nicht wie gewünscht ausgebreitet? «Dieje-nigen, die an der Macht sind, haben kein Interesse daran», sagt Barbara Pochanke. Gefallen lassen möchten sich dies die Esperantisten allerdings nicht. Am9. Mai treffen sie sich zu einer Manifestation in Strassburg und wollen sich bei den EU-Abge-ordneten Aufmerksamkeit erhaschen. Auf die Zukunft von Esperanto angesprochen, erklärt Stanislaw Pochanke, es gebe zwei Gruppierungen innerhalb der Esperantisten. Die einen glauben, dass Esperanto gewinnen und in Zukunft niemand mehr daran vorbeikommen wird. Die anderen sehen Esperanto als ein Hobby, als eine gleichwertige Kultur und Sprache, wie alle anderen in der Welt existierenden. Für Barbara und Stanislaw Pochanke aber ist Esperanto mehr als eine Sprache. «Esperanto ist für uns eine Familie.»

An Esperanto interessierte Personen melden sich bei Stanislaw Pochanke unter Tel. 071 911 68 30.

Gleichberechtigte Verständigung

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte Ludo-viko Lazaro Zamenhof in der damals russischen und heute polnischen Stadt Bialystok.Als kleiner Junge erlebte erden Hass der verschiedenenVolksgruppen hautnah und beschloss, etwas dagegen zu tun. Erst aber nach seinem Medizinstudium publizierte er mit Unterstützung seiner Frau Klara Silbernik 1887 unter dem Pseudonym «Dr-o Esperanto» das erste Lehrbuch der Lingvo Internacia. Sein Ziel war, eine Sprache zu schaffen, mit der sich alle Menschen, unabhängig ihrer Herkunft, gleichberechtigt miteinander verständigen konnten.

Der Wortschatz von Esperanto basiert vorwiegend auf internationalen Wortstämmen, meist aus indoeuropäischen Sprachen. Esperanto-Kulturzentren und -vereinigungen bieten Kurse und Tagungen an. Der Esperanto-Weltbund mit Sitz in Rotterdam organisiert jährlich einen Weltkongress, bei dem Esperantisten aus der ganzen Welt zusammenkommen.





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