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Tagblatt Online, 21. Mai 2008 00:30:59

Der Region Gewicht verliehen

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Hans-Jürg Schmid in seinem Unternehmen in Eschlikon. (Bild: Bild: nas.)

Heute Abend findet die 12. Generalversammlung des Vereins «Wirtschaftsraum Hinterthurgau ganz vorn» statt. Zum letzten Mal wird sie vom Präsidenten Hans-Jürg Schmid geleitet. Zum Abschluss soll «sein Kind» auch noch neu getauft werden.

Heute Mittwochabend leiten Sie die letzte Versammlung «Ihres Kindes», des Vereins «Wirtschaftsraum Hinterthurgau ganz vorn». Wieso der Rücktritt zu diesem Zeitpunkt?

Hans-Jürg Schmid: Ich bin 65 Jahre alt. Irgendwann muss jeder von einem Amt zurücktreten und einer neuen Person Platz machen. Ich habe in den vergangenen Jahren sehr viel für den Verein getan. Die Belastung in meinem Unternehmen ist aber sehr hoch. Bis meine Nachfolge geregelt ist, werde ich sicher noch eins bis zwei Jahre den Betrieb leiten. Durch den Rücktritt als Präsident möchte ich mich darum auch ein bisschen entlasten.

Verspüren Sie keine Wehmut, das Ruder nach zwölf Jahren abzugeben?

Schmid: Nein, überhaupt nicht. Ich bin überzeugt, dass der Vorstand mit der neuen Präsidentin, der Sirnacherin Myrta Klarer, den Verein im gleichen Sinne weiterführen wird.

Der Vorstand ist ein eingespieltes Team und setzt sich sowohl aus langjährigen Mitgliedern als auch aus «frischem» Blut zusammen.

In welchen Bereichen werden Sie weiter aktiv sein?

Schmid: Ich bleibe selbstverständlich Mitglied im Verein. Weiter werde ich unter anderem in der Arbeitsgruppe Kompetenzzentrum für erneuerbare Energien Südthurgau (KEEST) arbeiten.

Eine Zielsetzung des Vereins lautet: «Förderung einer attraktiven Region»: Was hat der Verein in den elf Jahren seines Bestehens konkret erreicht?

Schmid: Wir haben immer kleine Schritte gemacht, aber viel damit erreicht. Als noch keine Gemeinde über einen Internetauftritt verfügte, waren wir die ersten, die eine eigene Homepage aufgeschaltet hatten. Da aber zu dieser Zeit noch wenige Leute mit dem Internet vertraut waren, haben wir dementsprechende Kurse organisiert, die von über 200 Teilnehmern besucht wurden. Dann haben wir auf unserer Homepage sowohl eine Jobbörse als auch ein Verzeichnis, in dem leerstehende Gewerberäume aufgeführt sind, eingerichtet. Zudem waren wir die direkte Kontaktstelle für das Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Thurgau im Bereich Ansiedlung von Firmen. Wir haben verschiedene Projekte wie beispielsweise «Chance Hinterthurgau» oder «Aufbruch Südthurgau» lanciert.

Nicht überall wurden die Zielsetzungen erreicht. Indem wir die zum Teil weit auseinandergehenden Gebühren in den einzelnen Gemeinden transparent gemacht haben, sorgten wir für einige Unruhe. Auf politischer Ebene habe ich unter anderem im Kantonsrat die «Hinterthurgauer Fraktion» über die Parteigrenzen hinweg initiiert.

Welches waren für Sie persönlich die Höhepunkte in der Vereinsgeschichte?

Schmid: Etwas ganz Spezielles war die Aktion «Wasserfontäne» auf dem Bundesplatz in Bern. Der Kanton Thurgau weigerte sich, die Fontäne zu finanzieren. Da ist der Wirtschaftsraum Hinterthurgau in die Bresche gesprungen und hat die 10 000 Franken finanziert. Dabei haben wir mit verhältnismässig wenig Geld für sehr viel Aufmerksamkeit gesorgt.

Das war eine gute PR-Aktion, die sich ausgezahlt hat. Der «heisse Stuhl», auf dem jedes Jahr ein Regierungsrat Platz nehmen und uns Hinterthurgauern Red und Antwort stehen muss, war für mich immer wieder ein besonderes Ereignis.

Gab es auch Momente, die weniger erfreulich für Sie waren?

Schmid: Die Geschichte mit den Autobahntafeln ist wohl nicht ganz glücklich verlaufen. Der Vorstand hat sicher Fehler gemacht. Das Positive daran war, dass wir dadurch im Gespräch bleiben. Es hat auch immer wieder kleinere Tiefschläge gegeben. Ein Punkt war sicher auch die Einsicht, dass die Region Hinterthurgau zu klein ist, um ohne Unterstützung Betriebe aus Süddeutschland anzusiedeln.

Nun steht mit der Schaffung eines Kompetenzzentrums für erneuerbare Energien Südthurgau (KEEST) ein grosser Brocken an. Wie weit ist dieses Projekt fortgeschritten?

Schmid: Die Arbeitsgruppe hat an ihrer ersten Sitzung die Leitplanken gesetzt. In einer weiteren Zusammenkunft sollen diese bereinigt und erste Projekte im Laufe des Herbstes in Angriff genommen werden.

Wie ist der Stand bei den weiteren Hauptprojekten wie «Synergien und Effizienzprogramme», «Vernetzung Tourismus/Freizeit/Wohnen»?

Schmid: Auch diese stehen vor dem Beginn. Die Richtung ist festgelegt, die Finanzen insofern geregelt, indem die Verträge mit Kanton und Bund unterzeichnet sind.

Die IRPG Wil hat vor kurzem ihre Vision «Region Wil» vorgestellt. Darin soll die Möglichkeit einer neuen Organisationsstruktur für den Wirtschafts- und Lebensraum mit Wil, Uzwil und Flawil geprüft werden. Darin eingebunden wäre auch der Hinterthurgau. Was halten Sie davon?

Schmid: Grundsätzlich stellt sich der Vorstand sicher nicht gegen eine solche Entwicklung. Man muss aber klar sehen, dass die Kantonsgrenze wohl nicht wirtschaftlich, aber politisch weiterhin eine Barriere darstellt.

Die Entscheidungen für den Hinterthurgau werden in Frauenfeld und nicht in St. Gallen getroffen. Bei der Neuorganisation der Wahlbezirke drängt sich im Bezirk Münchwilen der Anschluss der Politischen Gemeinde Aadorf auf. Diese ist aber stärker nach Frauenfeld orientiert als nach Wil.

Für ein solches Vorhaben müsste zudem die ganze Bevölkerung dahinterstehen.

Heute soll der Verein Wirtschaftsraum Hinterthurgau ganz vorn einen neuen Namen erhalten. Hinterthurgau soll durch Südthurgau ersetzt werden. Warum diese Namensänderung?

Schmid: Ich bin ganz persönlich der Meinung, dass ein Name nicht eine extreme Rolle spielt. Aber ich weiss, dass man bei dieser Thematik unterschiedlicher Meinung sein kann. Zugegebenermassen ist der Name Hinterthurgau aber negativ behaftet, darum haben wir auch den Zusatz «ganz vorn» angehängt. Traktandiert ist heute Abend der Name Südthurgau, aber ich bin mir fast sicher, dass ein weiterer Antrag für Thurgau Süd gestellt wird.

Die «Essigkapselfrau», die an der Autobahn für den Hinterthurgau wirbt, hat für viel Kritik und Aufsehen gesorgt. Verschwindet Sie nun endlich nach der neuen Namensgebung des Vereins?

Schmid: Ja, sie wird verschwinden. Bereits an der Generalversammlung 2007 wurde ein dahingehender Antrag gestellt. Im Hinblick auf die Namensänderung wollten wir aber mit diesem Schritt noch zuwarten. Im Sommer werden neue Tafeln auf den Hinterthurgau, oder eben den Südthurgau, hinweisen.

Interview: Nadja Stricker Sanchez


PERSON

Hans-Jürg Schmid

Zeit seines Lebens ist der 65jährige Hans-Jürg Schmid im über 70jährigen Familienunternehmen Schmid Holzfeuerungen AG in Eschlikon tätig. Zuerst absolvierte er eine Lehre als Schlosser und bildete sich dann im Bereich Betriebsleitung weiter. Im Alter von 30 Jahren musste er die Betriebsleitung kurzfristig übernehmen, da sein Vater erkrankte. Zehn Jahre später übernahm der Vater von drei Kindern den heute 180 Mitarbeiter zählenden Betrieb endgültig. Hans-Jürg Schmid war in der Ortsvorsteherschaft und zehn Jahre als Kantonsrat aktiv. Seit 1997 steht er dem Verein Wirtschaftsraum Hinterthurgau ganz vorn vor.

Zudem hat er weiter Einsitz in einigen Vorständen von diversen Verbänden und Organisationen. Zu seinen Hobbies zählt er Golf, Jassen und seine Enkelkinder. Für die Zukunft wünscht er sich, vermehrt Reisen zu können. (nas.)


Stichwort

Wirtschaftsraum

Der Verein Wirtschaftsraum Hinterthurgau ganz vorn ist eine staatlich unabhängige Gruppierung aus interessierten Gemeinden, Politikern und Vertretern der regionalen Arbeitgeber. Zielsetzung: Förderung einer attraktiven Region Hinterthurgau. Mit dem Verein Wirtschaftsraum, der 1997 gegründet wurde, wird eine Region von rund 36 000 Einwohnern abgedeckt. Entstanden ist der Verein aus einer Interessengemeinschaft. Darin hatten sich eine Handvoll Kantonsräte und Wirtschaftsvertreter zusammengefunden, mit dem Ziel, das Image des Hinterthurgaus zu verbessern und der Region wirtschaftlich und politisch mehr Gewicht zu verleihen.

Darum sollte die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Politik verbessert werden. Seit der Gründung ist der Eschliker Hans-Jürg Schmid Präsident des Vereins. (nas.)





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