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Tagblatt Online, 29. August 2005 00:30:59

«Esperanto»: mit einer Sprache spielen

Magdenauer Schülerinnen und Schüler entdecken eine Plan- oder Kunstsprache

Stefan Hauser

Magdenau. In der Mehrklassenschule Magdenau hatten die Mittelstufenschüler in der vergangenen Woche einmal während zweier Lektionen die Gelegenheit, die Sprache «Esperanto» ein bisschen kennen zu lernen.

Für die Schülerinnen und Schüler des Schulhauses Magdenau begann der Schulunterricht am Donnerstagnachmittag nicht alltäglich: Die Lehrerin Anna-Katharina Popp hatte die Mitglieder der fünfköpfigen Familie Fischer aus dem Dorf quasi als «Gastreferenten» eingeladen. In zwei Lektionen konnten sie die Sprache «Esperanto» (siehe Kasten) präsentieren, die Vater, Mutter und Kinder vor gut einem halben Jahr gelernt und in einer Ferienwoche im «Esperantoland» geübt hatten.

Die leichteste Sprache

Zunächst erfuhren die Schülerinnen und Schüler, dass «Esperanto» keine gewöhnliche Sprache ist, sondern eine, die vor mehr als hundert Jahren erfunden worden war. «Esperanto», so die Überzeugung der damaligen Erfinder und der heutigen Anwender, lasse sich leichter erlernen als jede andere heute gebräuchliche Sprache: Wenn man eine der wenigen bestehenden Regeln lernt, kann man sie immer anwenden, in jedem Satz, für jedes Wort. Und man muss keine Angst haben, dabei einen Fehler zu machen.So lernten die Schülerinnen und Schüler in kleinen Gruppen beispielsweise, dass ein «Esperanto»-Nomen - früher auch Hauptwort genannt - in der Einzahl immer auf «o» endet. Aus dem Singular lässt sich dabei leicht der Plural ableiten: Die Regel für die Mehrzahl lautet nämlich einfach, ein «j» hinzu zu fügen. So wird aus dem Wort «floro» (Blume) ganz einfach «floroj» (Blumen), und aus «bildo» (Bild) entstehen durch einen einzigen zusätzlichen Buchstaben Bilder, eben «bildoj». Diese Regel wurde von den beteiligten Viert- bis Sechstklässlern im Nu verstanden und konnte gleich auf alle bereits gelernten Wörter angewandt werden. Das ist denn auch der Vorteil von «Esperanto»: Es gibt keine mühsam zu lernenden Ausnahmen von solch einfach gehaltenen grammatikalischen Regeln.

Selber Wörter erfinden

Richtig in Fahrt kamen dann die Mitglieder der einen Gruppe, als sie merkten, dass man neue Wörter ja gar nicht unbedingt mühsam auswendig lernen muss, sondern dass man sie auch einfach aus einem grundwortschatz heraus konstruieren kann. Als durch die Mitglieder der Familie Fischer erklärt wurde, dass die Endung «isto» für den Beruf oder das Hobby stehe und dass beispielsweise «floristo» daher «der Blumenhändler» bedeute, rief ein Schüler: «Ich weiss ein neues Wort: ‹bildisto›!» Ob er das denn auch übersetzen könne, fragte ihn der Lehrer. Und freudestrahlend wurde denn prompt auch die richtige Antwort gegeben: «Das Wort ‹bildisto›, das heisst doch einfach ‹Zeichner›.»

Verständigung der Völker

Zum Schluss der beiden Lektionen wollte ein Schüler wissen, was es denn bringe, wenn man «Esperanto» lerne. «Es ist die Freude am Lernen einer Sprache», erhielt er zur Antwort. Aber mit der Kunstsprache «Esperanto» könne auch ein Zeichen zur Verständigung zwischen den Völkern gesetzt werden. Englisch werde zwar heute von sehr vielen Menschen gebraucht. Aber in islamischen Gegenden gäbe es auch viele Leute, die Englisch verachteten, weil sie etwas gegen Amerika hätten. Da «Esperanto» eine politisch und kulturell neutrale Sprache sei, könnte sie zu mehr Verständnis und damit zum Frieden beitragen. «Ausserdem gibt es auf der ganzen Welt Esperanto-Sprecher, bei denen man gratis übernachten kann», wurde schmunzelnd ergänzt.

Die Entstehung einer so genannten Plansprache

Den Grundstein für den Siegeszug der Sprache «Esperanto» um die Welt legte Ludwik Lejzer Zamenhof. Mit jiddischer Muttersprache wuchs er in der Stadt Bialystok auf, die heute zu Polen gehört, um 1880 herum aber noch zum Russischen Zarenreich gehörte.

Neutrale Sprache

In jenen Jahren waren die Spannungen zwischen den verschiedenen in Bialystok lebenden ethnischen Gruppen nicht zu übersehen. Nicht nur ihrer Herkunft und ihrer Traditionen nach unterschieden sich diese Gruppen, sondern auch durch ihre Sprache. In dieser Verschiedenheit der Sprachen sah Zamenhof einen möglichen Grund für die herrschenden Konflikte. Unter anderem, um diese Spannungen nachhaltig zu lösen, wünschte sich der nachmalige Sprachbegründer eine neue Sprache. Sie sollte ethnisch, politisch und konfessionell neutral, leicht zu erlernen und damit als Zweitsprache für möglichst breite Schichten - nicht nur in seiner Heimatstadt - akzeptabel sein. Nach Gedankenspielereien und Tüfteleien «in der stillen Kammer» veröffentlichte Zamenhof 1887 eine erste kleine Schrift über sein doch ehrgeiziges Sprachprojekt. Als Namen setzte Zamenhof den Begriff «Lingvo internacia», ein, was soviel wie «internationale Sprache» bedeuten sollte. Die wachsende Anhängerschar, die seine Sprache wider Erwarten bald fand, hielt sich nicht an die Namensgebung Zamenhofs. Nach seinem eigenen Pseudonym «Doktoro Esperanto», zu Deutsch etwa «ein hoffender Doktor», setzte sich nach und nach der Begriff «Esperanto» als gebräuchliche Bezeichnung durch.

Tausende oder Millionen?

Mit der Zeit fanden sich auch ausserhalb des Ursprungslandes mehr und mehr Leute, die Interesse an dieser neuen Sprache zeigten. Im Jahr 1903 beispielsweise wurde der «Schweizerische Esperanto-Landesverband» gegründet. Heute zählt der offizielle «Esperanto»-Weltbund UEA über fünfzig Landesverbände und Mitglieder in über hundert Ländern.Wie viele Menschen auf der Welt mittlerweile «Esperanto» sprechen, lässt sich kaum quantifizieren. Die Zahlen, die dazu im Umlauf sind, unterscheiden sich erheblich: Der Sprachwissenschaftler Detlev Blanke etwa spricht von einer halben Million Menschen. Andere nennen Zahlen von bis zu mehreren Millionen - wobei die unterste Grenze der Schätzungen bei gerade einmal 4000 Menschen liegt, die Esperanto flüssig sprechen.

Stetige Entwicklung

Trotz dieser Zahlen wird «Esperanto» von Fachleuten nicht zu denjenigen Sprachen gezählt, die akut vom Aussterben bedroht sind: Scheinbar ist die Gemeinschaft der «Esperantisten», also der «Esperanto»-Sprechenden, weltweit genug gross, um die Sprache in vielen Funktionen in einer jahrzehntelangen Kontinuität anzuwenden. Dabei steht die Sprachevolution keineswegs still: «Esperanto» wird stetig weiterentwickelt. (sh.)





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