Tagblatt Online, 09. Mai 2007 00:30:59
Mehr Burg als erhofft
Burgruine Rappenstein ist erstmals in ihrem ganzen Ausmass sichtbar
Die Anlage der Burg Rappenstein ist nun ersichtlich.
St. Gallen. Die letzten Mauerreste der Burgruine Rappenstein waren völlig überwachsen. Nach der Rodung des Burghügels kamen nun mehr Mauern zum Vorschein, als die Archäologen erhofften.
Philipp Landmark
Wer die realen Überreste der in St. Galler Sagen präsenten Burg Rappenstein sehen wollte, musste etwas Phantasie haben und gut suchen, um im Hügelchen unterhalb des Ausflugsrestaurants Schaugenbädli im Martinstobel den Burgstock zu entdecken. Heute erkennt man die Dimension der Anlage von weit her: Die Bäume und Büsche, die bis vor kurzem die Mauerreste überwucherten, sind verschwunden. Die Stadt St. Gallen hatte im März beschlossen, die Ruine zu erhalten und zu dokumentieren. Dafür wurde in einem ersten Schritt im Frühjahr unter Aufsicht eines Grabungstechnikers der Hügel gerodet. Zumindest bis auf wenige Wurzelstöcke, die sich in den Fugen festgekrallt haben.
Archäologen überrascht
Martin Schregenberger, Mitarbeiter des Denkmalpflege der Stadt St. Gallen, gefällt das Ergebnis der Rodung. Zwar äusserte er im März dieses Jahres die Vermutung, dass unter dem Buschwerk noch wichtige Grundmauern zum Vorschein kommen könnten, doch «sicher war dies nicht», sagt er heute. Nun, nach der Rodung lässt sich das Ausmass der etwa 800 bis 900 Jahre alten Anlage schon recht deutlich ablesen. «Alle Archäologen waren überrascht», sagt Schregenberger, und es besteht kein Zweifel, dass es eine angenehme Überraschung war. «Wir haben durch die Rodung mehr in Erfahrung gebracht, als wir angenommen hatten.»
Die Vegetation kann den Archäologen den Blick verstellen, sie kann aber auch Hinweise geben. Martin Schregenberger blickt von oben auf den Burghügel und weist auf Pflanzen, die für Trockenstandorte typisch sind. «Das Wasser läuft hier offenbar sofort ab.» Die südliche Flanke des Hügels dürfte früher steiler gewesen sein; im Erdreich vermutet Schregenberger Geröll – über 800 Jahre alten Bauschutt.
Mörtelklumpen in der Wiese
Gegen Osten hin thronen die Überreste der Burg auf einem steil zur Goldach abfallenden, stabilen Nagelfluh-Felsen. Schregenberger geht davon aus, dass hier wenig bis gar keine Mauerteile ins Flüsschen abstürzten.
Auf der Nordseite liegen dagegen viele Steine in der Wiese, die einst Bausteine der Burg gewesen sein dürften. Klares Indiz dafür sind Klumpen von Mörtel, die ebenfalls zu finden sind. Mörtel von guter Qualität, wie Martin Schregenberger anerkennend feststellt. «Wie wohl unser Beton in 800 Jahren aussehen wird?»
Was mit den losen Steinen geschieht, ist noch nicht klar. Vielleicht werden die Mauerreste an gewissen Stellen wieder mit solchen Originalsteinen ergänzt. Dies dürfte vor allem dort zur Diskussion stehen, wo Mauerreste einsturzgefährdet sind.
Um das weitere Vorgehen fest- zulegen, wird ein dreiköpfiges Team nach Pfingsten Sondiergrabungen in der Burgruine vornehmen. Dabei können die Archäologen unter anderem feststellen, welchen Teil der Mauern man heute eigentlich sieht: Die Fundamente, die oberen Abschlüsse oder etwas dazwischen?
Mauern weiter freilegen
Für Arbeiten bis und mit Sondiergrabungen hatte der Stadtrat 65 000 Franken bewilligt. Für weitergehende Arbeiten, die im Sommer 2008 stattfinden sollen, muss die Denkmalpflege einen neuen Antrag stellen. Dazu muss sie sich aber erst einmal im Klaren darüber werden, welche Arbeiten sinnvoll sind.
«In jedem Fall werden wir wohl einige Mauern weiter freilegen», sagt Martin Schregenberger. Die Archäologen wollen die Anlage schliesslich in einem Zustand hinterlassen, der einen guten Gesamteindruck macht.
Alter der Burg unklar
Bei ihren Grabungen hoffen die Archäologen auf Essensreste, Artefakte oder ursprüngliches Bauholz zu stossen. «Auch kleine Hinweise sind wertvoll», sagt Martin Schregenberger, «wir wissen noch wenig über diese Zeit.» Dass die Grabungstechniker auf den Goldschatz stossen, den Legenden in der Burg lokalisieren, glaubt Schregenberger nicht. Allfällige Holzfunde hingegen wären wertvoll und würden eine präzise Bestimmung des bisher unbekannten Alters der Burg zulassen. «Die Vergangenheit der Burg liegt im Dunkeln», sagt Schregenberger. Dies auch, weil es im 12. und 13. Jahrhundert für das Errichten einer Burg ausserhalb der Stadt keiner Rechtshändel bedurfte.
Die bisher erschlossenen Quellen sagen wenig über die Geschichte der Burg, die vor ihrer Zerstörung nie den Namen Rappenstein trug. Vadian etwa schreibt von der «Burg, die man Martinstobel nannt».
Das 800 bis 900 Jahre alte Gemäuer wurde wahrscheinlich in den Appenzellerkriegen nach 1400 zerstört. Erst danach erwarb die reiche Ravensburger Kaufmannsfamilie Mötteli die Ruine, taufte sie Rappenstein und nannte sich selbst seither «von Rappenstain». Der Besitz einer Burg war damals Bedingung, um geadelt werden zu können. (pla)
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