NT-Stadt St.Gallen, Archiv: 14. August 2006, 00:30
Heimspiel

«Keine Ahnung von Fussball»

«Muesch du zerscht es Bier trinke, bevor mer afanged?» So beginnt auf der Frequenz von Radio Toxic.fm die Liveübertragung des Spiels FC St. Gallen gegen den FC Zürich. Die beiden Kommentatoren des Lokalradios, Lukas Bollhalder und Jaan Schaller, beginnen ihre Liveschaltung aus dem Espenmoos nicht mit Infos über die Mannschaftsaufstellungen. Lieber begrüssen sie die Zuhörer mit lockerem Palaver.

Von Fans für Fans

Er sei schon als Kind ein begeisterter Fussballfan gewesen und habe die Spiele des FC SG im Stadion mitverfolgt, erklärt Lukas Bollhalder. Als er vor drei Jahren bei Toxic.fm eine Ausbildung zum Redaktor absolvierte, erhielt er die Möglichkeit, die Heimspiele fürs Radiopublikum zu kommentieren. Er ergriff die Chance, wenn auch nicht unbedingt aus journalistischer Motivation: «Eigentlich wollte ich in erster Linie gratis an die Spiele. Da wir später auch über Auswärtsspiele berichten durften, lohnte es sich für mich doppelt.»

Die Art und Weise der toxischen Spielkommentierung ist ungewöhnlich. Bollhalders erster Co-Kommentator warf dann auch gleich das Handtuch. «Er fand nach wenigen Spielen, dass meine Berichterstattung für seine weitere Karriere als Sportreporter nicht förderlich sei.» Danach fand Bollhalder in Andreas Düring einen Kollegen, der seine Auffassung von einer guten Kommentierung teilte. Dieser entschied sich letzten Frühling nach zwei Saisons, die Rolle als Sportreporter aufzugeben. Nun hat Jaan Schaller seinen Platz eingenommen. Der Goldacher blickt auf eine 17-jährige Vereins-Fussballkarriere zurück und arbeitet auch unter der Woche als Moderator bei Toxic.fm.

«Unsere Berichterstattung läuft unter dem Motto: Von Fans für Fans», sagt Bollhalder. Das hat unter anderem auch zur Folge, dass die Kommentare in keiner Weise objektiv sind. Dafür erfahren die Zuhörer viel zum Geschehen rund um den sportlichen Wettkampf. So hat Marcos Gelaberts Tränenausbruch nach dessen Platzverweis oder ein Kurzinterview mit der Bierverkäuferin «Vreni» genauso viel Gewicht wie das Spielgeschehen selbst. Mit ihren Kommentaren machen sich die beiden Reporter nicht nur Freunde. Es gebe Berufskollegen, die sich vor den Kopf gestossen fühlten. «Diejenigen, die unsere Art, ein Spiel zu kommentieren, nicht mögen, nehmen ihren Beruf zu ernst», findet Schaller.

Applaus und Sabotage

In den drei Saisons, die er bisher für Toxic.fm bestritten habe, seien ihm schon die merkwürdigsten Dinge passiert, sagt Lukas Bollhalder: «Das Übelste war, als uns beim Spiel FC St. Gallen gegen Thun ein Thuner Fan das Über-tragungskabel aussteckte und sagte, jetzt sei Schluss mit dem dummen Geschwätz.» Dafür bekamen sie einmal in Schaffhausen Applaus von St. Galler Fans, als sie vor dem Stadion vorfuhren. Am meisten freue sie das Gerücht, dass es Fans gebe, die einen Radioempfänger ins Stadion nähmen, um ihre Kommentare zu hören. Über ihre Berichterstattung sagen sie: «Wer Freude am Fussball hat und darüber lachen kann, der ist bei uns richtig. Wer dieses Spiel zu ernst nimmt, sicher nicht. Ich wiederhole ja immer wieder: Wir haben keine Ahnung von Fussball.» Florian Niedermann



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