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Tagblatt Online, 16. Februar 2006 00:30:59

Trendy, aber tabu

Viele St. Galler Schwule und Lesben suchen das Weite - andere wollen hier die Szene beleben

St. Gallen ist zwar nicht Köln, wo Bauarbeiter einander nachpfeifen. Aber auch hier tut sich etwas in der Homosexuellen-Szene.

Zwei Männer flanieren Hand in Hand durch die Multergasse und küssen sich. Unvorstellbar für die meisten St. Galler Schwulen. Zu gross ist die Angst vor abschätzigen Reaktionen. Für Lesben scheint dies einfacher, weil man Frauen eher einen zärtlichen Umgang zugesteht: «Manche Männer reagieren neugierig, weil sie gleich an einen Porno unter ihrem Bett denken», sagt eine Lesbe.

Obschon Homosexuelle in den Medien als hip dargestellt werden, spielt sich in der «konservativen Ostschweiz» das meiste hinter verschlossenen Gardinen ab. «Es gibt Typen, die den ganzen Abend in der Grabenhalle abhängen und sich nicht einmal trauen, einen Mann anzuflirten», sagt Daniel. Über Ängste und Selbstzweifel kann er im Jugendtreff «Expect» reden, der von Gays gegründet wurde. Der Treff sei kein Kupplerverein, betonen die Jugendlichen.

Wo sich die Szene trifft

Barfrau Katharina Marx organisiert im «Kugl» jeden Montag einen schwul-lesbischen Abend, das «Leschwu». Nicht aber jedes Mal steppt der Bär. «Die nahe Schwulenmetropole Zürich verhindert in der Ostschweiz eine schwule Szene», sagt ein Partygast. «Wir haben es uns selbst zuzuschreiben, wenn wir es nicht schaffen, hier eine schwule Party-szene zu etablieren», ergänzt sein Begleiter selbstkritisch.

An einem Donnerstagabend trinken ein paar Männer im «Church» ihr Feierabend-Bier. Man kennt sich. So lange die Akzeptanz gegenüber Schwulen noch nicht überall da sei, brauche es Gaybars, findet Barmann Stefan Allenspach. Dies, obwohl die meisten Kontakte je länger, je mehr über das Internet zustande kommen. Im «Church» sind Heteros willkommen, jedoch ist das Lokal klar auf Schwule ausgerichtet, die gern zu 1970er- und 80er-Musik abfeiern.

Lesbische Initiative

Die meisten Lesben treffen sich privat, etwa zum Barbecue im Garten einer Frau. Oft ist Elena die einzige Frau in Klubs und Bars mit homosexuellem Zielpublikum. Im «Church» und «Jumbolino» werden meist nur Männer gesichtet. «Ehrlich gesagt, würde ich lieber Frauen kennen lernen», sagt sie. Statt den Kopf hängen zu lassen, ist die junge Frau selber aktiv: Am Freitag, 7. April, organisiert sie mit Freundinnen im «Limette» einen Frauenabend mit lesbischer She-DJ. Zudem sei ein Anlass mit Miss und Mister Gay geplant. «Auch Schwule und Heteros dürfen kommen», betont Elena. Die Neugier bei den Szenegängerinnen sei geweckt, freut sie sich – und rechnet mit einem lesbischen Publikum aus der ganzen Ostschweiz. «Wir hoffen auf neue Gesichter.» (erp/mem)

Die Namen auf dieser Seite sind teilweise geändert.





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