Der Handel mit Zeit scheint vor allem bei älteren Semestern anzukommen. Das Durchschnittsalter beim Zeitbörsetreff im Waaghaus-Saal liegt weit über 40, die Haarfarbe Grau dominiert. Trotzdem erinnert die Szenerie an die Schulzeit: Die rund 50 Zeitbörsemitglieder sitzen in kleinen Grüppchen um die Tische, hören aufmerksam zu, stellen Fragen. Vorne steht Zeitbörsenleiter Peter Künzle. «Wer hat im letzten Monat Stunden getauscht?» fragt er am Anfang des Treffs. Fünf Teilnehmer strecken auf.
Die St. Galler Zeitbörse kommt erst langsam in Schwung. Sie besteht seit Anfang Jahr. «Es melden sich jeden Tag neue Mitglieder an», sagt Künzle. Er ist Geschäftsführer der Vermittlungsstelle für Freiwilligenarbeit Benevol, welche das Projekt leitet. Insgesamt seien bisher immerhin 40 Stunden getauscht worden. Rund 100 Mitglieder hat die Tauschbörse unterdessen, knapp 80 Angebote und Nachfragen stehen in der Marktzeitung. Bei den monatlichen Tauschtreffs seien jedesmal mehr Leute dabei, sagt Künzle. Kommende Woche wird die Zeitbörse zudem mit einem Stand an der Offa präsent sein. «Da erhoffen wir uns weitere Mitglieder.»
Am Donnerstagabend haben sich die Zeittauscher zum drittenmal getroffen. Viele nehmen die Möglichkeit wahr, anderen Mitgliedern die eigenen Angebote zu präsentieren. «Ich schreibe für Sie Bewerbungsschreiben», sagt eine Frau. «Ich organisiere Kindergeburtstage», eine andere. Kurse werden angeboten, handwerkliche Arbeiten oder Kochkünste.
Unter den Zeitbörsemitglieder ist auch Albert Nufer, ehemaliger Stadtparlamentarier. «Ich biete Spielabende an», informiert er die anderen Mitglieder. Er besuche Interessierte mit einer Auswahl von Gesellschaftsspielen und erkläre diese.
Hin und wieder schreitet Künzle ein und erklärt Tauschregeln. «Wir handeln mit Zeit und nicht mit Gegenständen», erklärt er einem Mann, der Pflanzen anbieten und dafür eine Stunde Arbeit berechnen will.
Geld darf nur in Ausnahmefällen verlangt werden: Dann nämlich, wenn Materialkosten beglichen werden müssten. «Wenn mir jemand Socken strickt, bezahle ich die Wolle mit Geld. Die aufgewendete Zeit aber wird vom eigenen Zeitsaldo abgezogen», macht Künzle ein Beispiel.
Damit das Benevol-Projekt nicht zur Konkurrenz für die Marktwirtschaft wird, darf ein Mitglied im Rahmen der Zeitbörse nicht mehr als sechs Stunden Arbeit pro Woche erbringen. Der Zeitsaldo sollte 20 Stunden nicht überschreiten – ob plus oder minus. Benevol führt die Statistik und aktualisiert auch die Marktzeitung.
Wer an der Tauschbörse mitmachen will, müsse nicht an den Treffs teilnehmen, sagt Künzle. Mitglieder können auf dem Internet alle Dienstleistungen anschauen und selber Angebote machen. «Der Treff ist vor allem dazu da, die Leute hinter den Angeboten kennenzulernen.» Ziel sei es, weitere Treffs in Herisau oder Rorschach zu organisieren.
An den Treffs ist auch Elisabeth Cavegn mit dabei. Sie ist die Mutter der St. Galler Zeitbörse. «Ich habe die Tauschidee in Chur aufgeschnappt und zusammen mit Benevol in St. Gallen lanciert», sagt sie. Sie sei von Anfang an fasziniert gewesen vom Gedanken, dass sich Leute gegenseitig helfen, ohne Geld dafür zu verlangen. «Die Zeitbörse ist eine Art moderne Nachbarschaftshilfe», sagt sie.
Zeitbörsen liegen nicht nur in der Ostschweiz im Trend. In Zürich oder Luzern existieren ähnliche Systeme. «Jede Zeitbörse hat eine andere Geschichte, ist anders aufgebaut», sagt Elisabeth Cavegn. So würden Zeitbörsen in anderen Gegenden oft von Ausgesteuerten benutzt. In St. Gallen hingegen sei die Idee auch bei Berufstätigen beliebt.
Zeitbörsenmitglied kann in St. Gallen jeder werden. Damit die Projektleitung neue Mitglieder persönlich kennenlernt, führt sie eine Art Eintrittsgespräch.
Auch in Zukunft wird Benevol jeden Monat ein Treffen organisieren. Ab Mai wird dieses im Hotel Dom an der Webergasse stattfinden. «Dort ist die Atmosphäre angenehmer», sagt Elisabeth Cavegn. Das Treffen soll zudem interessanter gestaltet werden, sagt sie. Geplant seien Kurzdarbietungen. «Wir wollen die Mitglieder unterhalten.»
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