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Tagblatt Online, 04. November 2006 00:30:59

Von Knall zu Knall

Mammutjäger feiern mit «urgeknallt» eine viel versprechende Premiere

st. gallen. Auch in ihrem vierten Programm «urgeknallt» loten die Mammutjäger genüsslich die Eigentümlichkeiten der Evolution aus. Ihre temporeich-sportliche, musikalische Theater-Revue führt sie von der Zeitlosigkeit in die Unendlichkeit.

michael hasler

Nein, auf den ersten Blick sucht man Herrn Felix, der drei Programme lang geduldig-ausdauernd die jeweiligen Evolutions-Forschungsstätten der Mammutjäger erprobte, vergeblich. Jene, die sein Verschwinden im gewaltigen Rührwerk der Zivilisation im letzten Programm mitbekamen, wissen, dass sich der Protagonist in eine voratomare Stufe des Daseins – das Nichts – aufgelöst hat. Was ihn, zwar nicht sichtbar, paradoxerweise zum erneuten Hauptakteur des jüngsten Mammutjäger-Evolutionsabrisses im Naturmuseum macht.

Vom Nichts zum Alles

Denn dass am Anfang das Nichts war, sind sich auch die Mammutjäger einig, die noch vor ihrem eigentlichen Auftritt im Foyer unbeweglich eingefroren ihr Publikum beäugen. Auf Knopfdruck sprudeln Sätze oder auch nur phonetisches Irgendwas aus den beiden Schauspielern heraus. Erste Irritationen bei den Gekommenen, die sich auch während des eigentlichen Spiels immer wieder einstellen. Auch auf der Bühne selbst herrscht unerbittlich das Nichts. Nur Dunkelheit, kein Licht, kein Ton, keine Worte. Dann erst gehen die grellen Scheinwerfer an, beleuchten die beiden in Anzüge gezwängten Mammutjäger mit ihren auffallend grünen Hemden. Doch das Eigentliche spielt sich im Mikroduktus von Erich Furrer und Erich Hufschmid ab. Winzig klein jonglieren sie ein nanomillimeter kleines Körnchen in ihren Fingern, das sich urplötzlich und urwuchtig alles umfassend ausdehnt. Auch die Gesichter der Schauspieler werden vom Evolutionskunstwerk des Urknalls verzerrt. Die Schauspieler mimen um ihr Leben. In einem fünfminütigen Hochgeschwindigkeits-Zeitraffer durchlaufen sie die Evolutionsgeschichte: werden vom Atom zum Atomverbund, vom Planeten zum Wasser, von dort zum Einzeller und später schliesslich zum Homo sapiens. Die grünen Hemden sind nass geschwitzt, die Haare feucht, die Kondition der Akteure fürs Erste ausgereizt.

Erst jetzt wird auf der Bühne gesprochen, breiten die Mammutjäger ihre assoziativen Sketches aus. Lieder werden genüsslich intoniert, über die «schampar» vielen eigenen Haare gelästert oder sich an den «Tierli-Walter-Zoo» erinnert. Es ist der Mikrokosmos des Allzumenschlichen, mit dem die beiden Wortakrobaten den Makrokosmos des Universums konterkarieren. Auch die menschliche Evolution wird in der Folge im Zeitraffer durchlebt. Handys werden bemüht, Wände erklettert, mit Fallschirmen aus Flugzeugen gesprungen und auf Computern gemeisselt. Das Tempo ist dabei so hoch, dass die Bühne zittert und der Boden des Naturmuseums genüsslich mitschwingt. Das Programm kippt gekonnt zwischen lustvollem Geblödel und geistreichem Geschichtsunterricht hin und her. Aber auch poetisch-philosophische Momente finden im mammutschen Kosmos ihren Platz. Dann etwa, wenn Erich Hufschmid innehält, das Tempo drosselt und langsam seine Idee der Entstehung des Universums ausbreitet: «Woraus ist die Welt geboren? Ganz am Anfang war nichts, keine Zeit, nicht mal eine Idee. Aus irgendeinem Grund, grundlos, wollte sich etwas von etwas unterscheiden.»

Klug, witzig, brillant

Seinen Höhepunkt erreicht das kongeniale Schauspielerduo in einem Schnelldurchlauf der Sprachentwicklung. Aus den ersten Primaten-Lauten entwickeln die beiden Akteure brillant die ersten menschlichen Sprachen, durchreisen später den arabischen Raum, Asien, Spanien, Frankreich, Skandinavien, um schliesslich im aktuellen Deutsch anzukommen. Mehrere Minuten lang salvieren sie ihr phonetisches Sprachgedicht ins Publikum. Erstaunen und Begeisterung machen sich breit über zwei, die das Konzentrat aus Stephen W. Hawkings Populärwissenschaftsbestseller «Eine kurze Geschichte Zeit», locker in einer Stunde unterbringen: lustvoll, witzig und zuweilen brillant.

Heute Sa, Naturmuseum St. Gallen, weitere Daten: 5., 7., 8., 10., 11.11., jeweils 20 Uhr, sowie 12.11., Matinee um 11 Uhr





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