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Tagblatt Online, 03. Mai 2004 00:30:59

Ein wahrer «Honky Tonk Man»

Tav Falco Panther Burns als Honky-Tonk-Höhepunkt in der Grabenhalle

Die Vorzeichen stehen gut: Ein weiter, «amerikanischer» Sonnenuntergang über St.Gallen, zwecks Kitschminderung aufgelockert mit ein paar dunklen Wolken, und im Autoradio (FM4) läuft zur Einfahrt in die Stadt just Johnny Cashs «Empire of Dirt». In drei Stunden würden Tav Falco Panther Burns auf der Grabenhallenbühne stehen und dem schwammigen Begriff «Honky Tonk» endlich ein wahres Gesicht geben. Schliesslich war es Tav Falco, der in den Achtzigerjahren den «Honky Tonk Man» Charlie Feathers aus der Versenkung geholt und mit ihm die Platte «New Jungle Fever» aufgenommen hatte. Jenen Charlie Feathers aus Memphis, der laut seinem grössten Fan Johnny Cash Elvis' Label «Sun» gründete, ohne dafür je die Anerkennung erhalten zu haben.

Mit Kettensäge und Blues

Mit dem Italoamerikaner Gustavo (Tav) Falco, aufgewachsen im Hinterland von Arkansas und 1973 nach Jobs als Zugbremser, Eisfabrikarbeiter oder Autoreifenflicker nach Memphis gekommen, liesse sich problemlos diese Zeitungsseite füllen, ohne dass auch nur ein Satz davon langweilig wäre. So viel muss genügen: Er gab, nachdem er sich mit der Memphis-Musikerfamilie angefreundet hatte, 1978 im Orpheum Theatre der Baumwollmetropole sein erstes Konzert als Pausenfüller, indem er den «Bourgeois Blues» sang und dazu mit einer Kettensäge eine elektrische Gitarre zerstörte. Mit seiner Band Panther Burns, benannt nach einer berühmten Mississippi-Plantage, brachte er später den Rockabilly aus den Sümpfen in die urbanen Ballrooms und, ähnlich wie die Cramps, brachte er Punkrocker dazu, verpönte Musikarten wie Country und Blues zu entdecken. Tav ist auch Motorradfan («Panther Burns Motorcycle Club»), Tänzer, Filmregisseur und Schauspieler in Rock'n'Roll- und Road-Movies.

Geschichtsbox aufgetan

Dieser Tav Falco, mittlerweile seinem französischen Label New Rose nach Paris gefolgt, sollte in der Grabenhalle noch einmal die Geschichtsbox zum Jubiläum auftun - und den Honky-Tonk-Horizont in Sachen wahre Begriffsbildung erweitern. Um elf Uhr in der Halle drängen sich Hunderte Leute zwischen 15 und 55, mit und ohne Schnauz oder Piercings, viele davon zum ersten Mal an diesem Ort. Weil das «Honk Tonk», wie es die unschuldigen St. Galler verstehen, alle irgendwie zusammenbringt, steht der ehemalige Goldacher Gemeindammann neben dem Manager von «Stiller Has» und der Plattenverkäufer von «Klang und Kleid» neben dem Jazzschulabsolventen, der ein paar Musiklektionen zu wenig hatte. Im rotorangen Licht tritt nun eine Band vor den Plüschvorhang, wie sie St. Gallen leider nicht mehr allzu oft sieht. Und hat das heterogene Publikum vom ersten Ton an im Sack beziehungsweise aus dem Häuschen. Wie das Quartett Surf-Instrumentals, obskure Rockabilly- oder Country-Stücke oder auch mal einen Tango oder Dean-Martin-Klassiker spielt, ist auch eine Augenweide: allen voran Tav Falco, Entertainer mit dem Charme eines gefährlichen Friseurs, mit kecker Haartolle und fiesem Oberlippenbärtchen an den späten Chaplin erinnernd, aber auch die Schlagzeugerin im Minirock, der elegante Meistergitarrist (der allerdings an Krücken geht und also sitzen muss) und der junge Bassist, Typ bleicher Nordengländer, mit Sonnenbrille ein halber Tarantino.

Zwei-Stunden-Set

Dass Dani Steuri und die Programmgruppe darauf beharrten, die Bands im Rahmen des «Honky Tonk» selber zu engagieren, war das Beste, was der Halle und dem Festival passieren konnte. Das Konzert, zu dem vor der Bühne die Zwanzigjährigen tanzten, erinnerte an jene Glanzzeiten, da ein Gang in die Halle stets mit Entdeckungen in allen Genres belohnt wurde. Im Fanzine «Shrunk» des Grabenhallenveranstalters Jogi Neufeld machte der erwähnte Plattenverkäufer (Ekke) ein achtseitiges Interview mit Tav Falco, als jener zum ersten Mal in Europa tourte - das war 1987 in der gleichen Nummer, in der Stephan «Eugen» Ramming die LP «Honky Tonkin» der Mekons besprach.Nach dem Zwei-Stunden-Set steht die schöne Schlagzeugerin Giovanna müde, aber glücklich im Foyer. Die Römerin, die Memphis «aus rechtlichen Gründen» verlassen musste, staunt über das begeisterte Publikum: «Und wir haben noch nicht mal alle Lieder gespielt ...» Und dann erkundigt sie sich nach St. Galler Schmuckgeschäften, wo sie am nächsten Morgen Ringe und Armreifen kaufen könne. Ihr Schmuck war ihr kurz zuvor in Rom gestohlen worden. Soll einer sagen, das Gewerbe profitiere nicht von der Kultur, die in der Grabenhalle läuft!

Und nächstes Jahr die Mekons

Was der Halle nach diesem Abend bleibt, ist ein schönes Problem: Nachdem Tav Falco die Messlatte für zukünftige Honky-Tonk-Beteiligungen gesetzt hat, müssten nächstes Jahr mindestens die Mekons auf der Bühne stehen. Oder dann deren Chefgitarrist Jon Langford mit den Waco Brothers. Und im folgenden Jahr Mark E. Smith mit The Fall. Oder warum nicht Sky Saxon & The Seeds. Darauf, dass die wahre Honky-Tonk-Saat aufgeht, einen doppelten Jack Daniels, Tennessee-Whisky.  Marcel Elsener

9500 Besucheram Honky Tonk

«Werden die im ‹Kugl› mit dem Umbau fertig bis Ende April?», war eine der häufigsten Fragen in Bezug auf das Beizenfestival Honky Tonk. Denn als die «Kugl»-Macher den Vertrag für die beiden Ska-Konzerte unterschrieben, war ihre Konzerthalle noch eine Baustelle. Am Freitag um viertel nach sechs, zwei Stunden vor Konzertbeginn, nahm die Feuerpolizei die Räumlichkeiten ab und gab grünes Licht. Kurz nach 20 Uhr eröffnete die Band «Skafari» den neuen Konzertraum. Wenig später war die Halle voll - 400 Besucherinnen und Besucher wollten Neues sehen.

Vermisst wurden einzig die etwas älteren Besucher. Das lag wohl an der Konkurrenz: 33 weitere Lokale machten mit am Honky Tonk und waren bestens besucht, so zum Beispiel das «Splügeneck», «Baracca», «Spitalkeller». Oder auch der Jugendkulturraum Flon. Dort spielten die St. Galler Tüchel rohen und dreckigen Punkrock. Wer von Beiz zu Beiz pendeln wollte, konnte dies zu Fuss oder aber mit einem roten Londoner Doppeldecker-Bus tun. Unterwegs waren an diesem Abend viele - mehr als an jedem anderen Honky Tonk: «Wir konnten das gute Ergebnis vom letzten Jahr noch einmal übertreffen. Wir haben 9500 Tickets verkauft», sagte Veranstalter Christof Huber. Er zog ein positives Fazit: «Durch ‹Kugl› und Grabenhalle haben sich die Besucher besser verteilt. Wir hatten zeitweise das Gefühl, es seien deutlich weniger als im Vorjahr.» Huber zeigte sich auf ganzer Linie zufrieden. Es habe auch keinen Ärger oder Klagen gegeben. (dst)





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