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Tagblatt Online, 22. Mai 2008 00:30:59

Interreligiöses Streitgespräch

Heerbrugg. Etwa 30 Christinnen und Christen, Muslimas und Muslime begaben sich auf heikles Terrain: Am Samstag, 17. Mai, fand im katholischen Pfarreiheim Heerbrugg ein Streitgespräch um Bibel und Koran, Christentum und Islam, statt. Ein Bibel- und ein Koranfachmann stellten ihr wichtigstes Buch vor und standen Rede und Antwort.

Die Verantwortlichen für ökumenische Erwachsenenbildung Berneck-Au-Heerbrugg hatten in Zusammenarbeit mit dem regionalen Kompetenzzentrum Integration Rheintal, Altstätten, diese Begegnung organisiert. Nach zwei «Besuchen bei Nachbarn» im Herbst 07 im Rahmen der ida-Woche wagten sie es, zu einem gemeinsamen Anlass für muslimische und christliche Menschen einzuladen, der heikle Punkte aufgriff. Pfarrer Ronald Kasper aus Heerbrugg begrüsste alle herzlich, sein Kollege Jakob Bösch aus Balgach moderierte. Es ging zeitweise heiss zu und her – vor allem im Gruppengespräch. Nach drei Stunden offener Auseinandersetzung sassen aber auch die «Gegner» am gleichen Tisch zum gemeinsamen Essen. Und bei allen sonst strittigen Punkten war eines klar: Fortsetzung folgt.

Allah = Gott? Schon bei dieser scheinbar einfachen Frage zeigte sich, wie viel Sorgfalt nötig ist, damit wir einander richtig verstehen. Christinnen und Christen in arabisch sprechenden Ländern beten zu «Allah» – und meinen damit den Gott, von dem die Bibel erzählt, weil es in der arabischen Sprache kein anderes Wort für «Gott» gibt.

Dieses Beispiel brauchte Martin Breitenfeldt, der christliche Theologe, um klar zu machen, dass die beiden Religionen sehr vieles gemeinsam haben, aber auch an einigen Punkten klar verschieden sind.

Schon beim flüchtigen Lesen des Koran wird offensichtlich, dass dieses Buch sehr vieles aufgreift, was in der ein paar Jahrhunderte älteren Bibel steht.

Imam Bekim Alimi zeigte das Besondere des Koran: Für Muslime ist er Wort Gottes. Zwar war der Prophet Mohammed schreibend an der Entstehung des Buches beteiligt, aber für Muslime ist klar: Der Inhalt ist Wort für Wort göttlich. Nichts darf oder kann daran verändert werden. Aber: Wie Menschen in verschiedenen Ländern und je in ihrer Zeit ihn interpretieren, das stimmt nicht immer überein, da bleibt vieles offen. Christen glauben, dass Jesus Christus Gottes Wort für die Menschen ist. Da gibt es nichts daran zu rütteln. Aber wie das Leben, Wirken und Reden von Jesus zu deuten sind, da gibt es auch wieder viele Unterschiede.

Vor allem in den Gesprächen in zwei Gruppen im Anschluss an die Vorträge kamen heikle Punkte sehr offen zur Sprache. Wie ist das mit den Aussagen im Koran, wo zur Gewalt aufgerufen wird? Stehen nicht auch in der Bibel neben dem Gebot «Du sollst nicht töten» teils erschreckende Sätze mit aggressivem Inhalt? Der Tonfall einiger Voten zeigte, dass es für viele der Teilnehmenden um höchst wichtige Anliegen ging.

Darum war das Ganze wirklich ein ausgiebiges Streitgespräch, manchmal mit dem Akzent auf Streit. Aber dass es möglich wurde, miteinander statt übereinander zu reden, war ein ganz entscheidender Schritt vorwärts. (JB)





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