Tagblatt Online, 02. Februar 2005 00:30:59
Mit dem Latein am Ende?
Seit der Einführung der neuen Maturitätsordnung hat sich die Zahl der Lateinschüler mehr als halbiert
Viele Kinder haben im Laufe ihrer Schulkarriere eine Krise. Der Schulpsychologische Dienst des Kantons St. Gallen hilft Schülerinnen und Schülern, solche Phasen zu meistern. Auch Eltern und Lehrkräften steht der Verein beratend zur Seite.
Thomas Walliser Keel
An der Sekundarschule unter Spardruck, von Kantonsschülern immer mehrgemieden, an den Universitäten langsam verdrängt - Latein, quo vadis?
Bis ins 19. Jahrhundert war Latein die Sprache der Gelehrten. Aber die Zeiten ändern sich. Seit den 1960er-Jahren verzichtet die katholische Kirche in der Messe aufs Latein, der Niedergang der Kultursprache des Abendlandes setzte sich fort. Jüngster Schlag war 1998 die Abschaffung der Maturatypen A (Altgriechisch und Latein), B (Latein) und C (Naturwissenschaften). Sind die Würfel also gefallen? Wird die tote Sprache demnächst begraben, wie auch viele Ex-Lateiner hoffen?
Um 60 Prozent gesunken
Die Statistik deutet darauf hin. Seit 1998 haben sich die Latein-schüler-Zahlen gemäss einer schweizweiten Umfrage halbiert. Ihr Anteil sank von 25 auf 12 Prozent. Noch extremer sieht es im Kanton St. Gallen aus: Besuchten 1997 pro Jahrgang noch 224 Kantonsschülerinnen und -schüler Lateinunterricht, waren es 2004 - ohne die 2002 eröffnete Kanti Wil - noch 88. Dies entspricht einem Rückgang von 60 Prozent.Der Grund: Die neue Konkurrenz durch das erweiterte Fächerangebot. Schwerpunktfächer wie Spanisch oder Wirtschaft und Recht kamen, sahen und siegten. Gleichzeitig schafften zahlreiche Universitäten für Studienrichtungen wie Medizin und Jurisprudenz das Lateinobligatorium ab.
Ein Lichtblick
Einen Lichtblick gibt es: Laut dem St. Galler Amt für Mittelschulen sind die Zahlen seit etwa drei Jahren relativ konstant. Sollen wir uns also freuen? Nein, denn bereits droht weiteres Ungemach. Kantonspolitiker fordern aus Spargründen, der Lateinunterricht an der Sekundarschule mit oft nur drei, vier Schülern pro Klasse sei zu hinterfragen. In ein paar Wochen soll gemäss Christoph Mattle, Leiter des Amtes für Mittelschulen, eine Arbeitsgruppe eingesetzt werden. Diese soll abklären, wie das Latein an der Sekundarschule erhalten werden kann.
Thurgau: Kein Latein in der Sek
Was passiert, wenn das Lateinangebot auf dieser Stufe gestrichen wird, zeigt das Beispiel Thurgau: Dort ist das Latein bereits aus den Sekundarschulen verschwunden, in der Folge sank auch die Zahl der Lateinschüler an den Mittelschulen. Für Thomas Widmer, Rektor der Kantonsschule Heerbrugg, ist der Lateinunterricht in der Sekundarschule daher eine Bedingung, ohne die es nicht geht: «Man muss die Jugendlichen zum richtigen Zeitpunkt abholen.» In der Sek haben sie noch Lust auf die Herausforderung, in der Kanti sind andere Fächer oft attraktiver und der Leistungsdruck grösser. Entsprechend ging auch in Heerbrugg die Zahl der Lateiner zurück. Derzeit sind es etwa 10 Prozent der 535 Schülerinnen und Schüler.Trotzdem kann man sich umgekehrt fragen, warum sich immer noch Dutzende von Jugendlichen fürs Latein entscheiden. Hans Haselbach, der einzige verbleibende Lateinlehrer in Heerbrugg, macht regelmässig Umfragen. Dabei kristallisierten sich drei Motive heraus: Die Schüler wollen sich alle Türen für ein Studium meist sprachlicher oder historischer Richtung offen lassen, sie sind fasziniert von der römischen Welt und, selten, sie werden von den Eltern gedrängt.
Geht es anders nicht einfacher?
Daneben gibt es aber auch fachliche Gründe, den harten Weg zu den Sternen zu beschreiten. Laut Mittelschulamtsleiter Christoph Mattle fördert Latein das logische Denken, den Erwerb anderer Sprachen und die Kenntnisse der Grundlagen der abendländischen Kultur. «Aber im Zeitalter des reinen Nützlichkeitsdenkens hat man mit dieser Argumentation einen schweren Stand», bedauert Mattle.Tatsächlich: Könnte man all dieses Wissen nicht weniger mühselig auf anderem Weg lernen? Nein, glaubt Hans Haselbach. Sogar im Fach Deutsch bringe das Latein Vorteile: «Alle Deutschlehrer freuen sich, wenn sie eine Lateinklasse zugeteilt erhalten, weil ihr Sprachverständnis viel ausgereifter ist.»
Im Management beliebt
Er geht noch weiter: «Wenn man heute Manager fragt, steht Latein hoch im Kurs. Die Sprache ist für sie ein Sinnbild, dass der kurzfristige Erfolg nicht alles ist.» Die todgeweihte Sprache grüsst die Wirtschaftskapitäne. Latein, quo vadis? Wird die Sprache in 20 Jahren aus den meisten Mittelschulen verschwunden sein? Als eine mögliche Antwort könnte der Wappenspruch der Stadt Paris herhalten: Von den Wogen geschüttelt, wird sie doch nicht untergehen. Andererseits gilt: Alles ist vergänglich. Entscheiden werden die Schülerinnen und Schüler. Und die Politik.
Wörtlich
Wissenschaftliche Notwendigkeit
Dass Lateinkenntnis in diesem Ausmass und Rahmen verlangt wird, beruht nicht einfach auf akademischer Tradition, sondern auf wissenschaftlichen Notwendigkeiten und einem Begriff von Erkenntnis und Forschung, wie er auch die Differenz zwischen Universitäten und Fachhochschulen bestimmt. Bis ins 19. Jahrhundert ist die europäische Bildungssprache eine doppelte; sie besteht aus Latein und der jeweiligen Nationalsprache. Die Wechselwirkung beider prägt die Geschichte aller Einzelsprachen und ihrer Literaturen, bestimmt die Geschichte der Philosophie und der Künste. Dazu kommt die enge Verbindung des Lateins mit der antiken Kultur und seine überragende Funktion in deren Tradierung. Keine Epoche der europäischen Geschichte ist denkbar ohne eine je spezifische Auseinandersetzung mit Vorgaben und Modellen der Antike. Deren Mythen, Philosophie und Rhetorik, ihre naturwissenschaftlichen und politischen Konzepte, ihre Architektur, Kunst und Literatur: sie schlagen auf immer neue Weise durch in die theoretische und ästhetische Orientierungssuche auch noch der Moderne.
Aus der Homepage der Universität Zürich, Orientierung über die lateinpflichtigen Fächer.
RegionalJournal
Hornschlittenrennen
Alt St. Johann. Am Samstag, 19. Februar, ist Alt St. Johann im Toggenburg Schauplatz des grössten Hornschlittenrennens der Schweiz. Die Organisatoren rechnen mit fast 200 Teams aus der Schweiz und dem benachbarten Ausland. Am schnellsten sind die Schlitten mit Eisenkufen unterwegs; sie erreichen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 80 Kilometern pro Stunde. (red.)
Pflege zu Hause
St. Gallen. Das Schweizerische Rote Kreuz des Kantons St. Gallen organisiert am 10./24. Februar und am 10./17. März einen Kurs zum Thema Pflege zu Hause. Der Kurs richtet sich an Personen, die ein krankes oder betagtes Familienmitglied im häuslichen Umfeld fachgerecht pflegen wollen. Die vier Kursnachmittage kosten 310 Franken, ein Einzelmodul kostet 90 Franken. Anmeldung unter 071 227 99 66 oder per Mail: hug@srk-sg.ch. (red.)
Plan für die Ortsdurchfahrt
Rapperswil. Das Schmerkner «Forum Neugestaltung Ortsdurchfahrt» hat nach einem Jahr Arbeit das Konzept über die Umgestaltung der Ortsdurchfahrt zuhanden des Gemeinderates verabschiedet. (red.)
Wenn die Schule zum Problem wird
Der Schulpsychologische Dienst des Kantons St. Gallen unterstützt Kinder und Jugendliche
melissa müller
Ein fröhliches Kind, das die Lust an der Schule verliert, fällt der Lehrkraft, den Eltern und den Kameraden auf. Diese Kinder senden Botschaften aus: Manche bekommen Probleme mit dem Essen und dem Schlaf. Andere werden aggressiv, laut und suchen pausenlos Aufmerksamkeit. Die Aggression kann sich auch nach innen richten - solche Kinder reagieren mit Rückzug.
Den Dialog suchen
Eltern sollten auf diese Signale hin hellhörig werden und rasch reagieren: Wird die Schule zum Problem, kann das zu Dauerstress für die ganze Familie führen. Die Ursachen für eine Krise sind oft vielschichtig, und es lohnt sich, unterschiedliche Ansprechpersonen zu kontaktieren. Zuerst sollte man den Dialog mit der Lehrperson suchen. Wenn das nichts bringt, mit dem Rektor, und wenn sich immer noch keine Lösung abzeichnet, kommt der Schulpsychologische Dienst (SPD) ins Spiel. «Unser zentraler Auftrag ist, Anwalt für das Kind zu sein», erklärt Vizepräsidentin Regula Schilling im Jahresbericht des SPD. «Ausserdem stehen wir Lehrpersonen und Behörden beratend zur Seite und unterstützen Eltern bei Erziehungsfragen.»
Regional organisiert
Alle Beratungs- und Therapieangebote sind freiwillig und streng vertraulich. Sitz des Vereins ist in Rorschach. Die sieben Regionalstellen liegen in Gossau, Rorschach, Rebstein, Sargans, Jona, Lichtensteig und Wil. Die Teams setzen sich aus bis zu sieben Beraterinnen und Beratern zusammen, deren Dienstleistung in der Region intensiv genutzt wird. Meistens melden die Lehrerinnen und Lehrer die Kinder beim SPD an, manchmal wenden sich auch die Eltern direkt an die Beratungsstelle. Selten kommt es vor, dass betroffene Kinder den Dienst aus eigener Initiative aufsuchen.
Gewalt, Mobbing, Ausgrenzung
Der SPD tauscht sich regelmässig mit Lehrkräften, Logopädinnen, Kinderpsychiatern, Vormundschaftsbehörden und der Jugendanwaltschaft aus. Häufig angesprochene Probleme sind Mobbing, physische Gewalt, soziale Ausgrenzung oder erzieherische Schwierigkeiten. Damit sich Erfolge einstellen, sind oft viel Zeit, Vertrauen und Kooperation nötig.
Eingriff bei harten Konflikten
Seit sechs Jahren gehört dem SPD eine sechsköpfige Kriseninterventionsgruppe an (KIG). Sie wurde 1999 nach dem Lehrermord in St. Gallen gegründet. Die Regierung erteilte den Auftrag, die Schulen im psychosozialen Bereich zusätzlich zu unterstützen. Wichtig ist die schnelle Erreichbarkeit: Treten schwere Konflikte auf, kann je nach Vorfall mit dem unmittelbaren Einsatz der Kriseninterventionsgruppe gerechnet werden. Sie greift dann ein, wenn rasche und unbürokratische Hilfestellungen benötigt werden: Bei sexuellen und körperlichen Übergriffen, Bandenbildung, Erpressungen, Selbstverletzungen, aber auch bei Suizidgefährdung und Unfällen. Die KIG ist gut vernetzt mit den Behörden, Polizei und Justiz, Therapiestellen und Kliniken.Eine vergleichbare Arbeitsgruppe gibt es in der Schweiz nicht - im Gegensatz zu den USA. Dort haben solche Teams eine gewisse Tradition, vor allem im Zusammenhang mit so genannten Schulschiessereien. Damit Krisen gar nicht erst entstehen, engagiert sich die KIG auch in Präventionsprojekten, vor allem innerhalb von Schulgemeinden. Entscheidend sei, wachsam zu bleiben und offen zu reden.
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