Tagblatt Online, 16. September 2006 00:30:59
Lobbyist für die Region
Die drei neuen St. Galler Nationalräte - Heute: Thomas Müller, CVP
Rorschach. Für jene, die ihn kennen, steht heute schon fest: Thomas Müller wird im Nationalrat kein Hinterbänkler sein. In Bern warte keiner auf ihn, sagt er selber. Und so wird er im Bundeshaus in gewohnter Art wirbeln und weibeln.
regula weik
Sein Einstieg in die nationale Politik überrascht nicht. Allenfalls das Datum. Seit dem Wahlabend vor bald drei Jahren wird der Wechsel von Felix Walker zu Thomas Müller als fixe Abmachung kolportiert. Der Rorschacher Stadtpräsident mag sich dazu nicht mehr äussern. Die Aufgabe als Nationalrat – «keine einfache» – reize ihn; er habe daraus nie ein Geheimnis gemacht. Das an die Adresse jener Kritiker, die ihn aufgefordert hatten, mit der Fahrkarte nach Bern das Stadtpräsidium abzugeben. Derartige Anwürfe lässt er abprallen.
Parlamentserfahrung
Müller hat bereits Parlamentserfahrung. Zwölf Jahre war er Mitglied des Rorschacher Gemeindeparlaments, acht Jahre sass er im Kantonsrat. Das Nationalratsmandat, sagt er überzeugt, «ist ein Mehrwert für die Region». Den erhoffen sich auch andere. Als im Frühling die Ablösung bekannt wurde, meldeten sich sechs Verbände und Organisationen bei Müller – «mehrheitlich aus der Wirtschaft». Das freute ihn, genauso wie die kurze Meldung mit Foto im Sportteil des «Blick». Müller war Präsident jenes FC St. Gallen, der 1999 Schweizer Meister wurde – und Müller damit kurzzeitig eine nationale Figur.
«Ohne Mehrheiten ist in Bern nichts zu erreichen», sagt Müller. Das Lobbyieren für seine Anliegen muss er nicht erst lernen. Er hat längst begriffen, wie wichtig es ist, Kontakte zu schaffen, Beziehungen zu pflegen, Anliegen am richtigen Ort zu platzieren. «Ich hatte einen guten Lehrmeister, Edgar Oehler.» Müller ist denn auch überzeugt: «Als Stadtpräsident reicht es nicht, den Ort gut zu kennen. Man muss auch Makler sein, die richtigen Leute zusammenbringen.» Er lehnt sich zurück, rückt die Krawatte zurecht: «Viele Investitionen in Rorschach sind auf mein Netzwerk zurückzuführen.» Ein Beispiel gefällig: das Seerestaurant. Gerne würde er noch einige gewichtige hinzufügen: etwa die Tieferlegung der Bahn oder die Überbauung des Areals zwischen Bahnhof und Schlachthof. Mit Blick auf die benachbarten Grundstücke – das Sagen hat dort die Gemeinde Rorschacherberg – bemerkt er: «Bei uns wird am See kein Meter verbaut, ohne dass der öffentliche Zugang gewährleistet bleibt. Wenn wir den See und die Seesicht verbauen, verspielen wir unser Kapital.»
Vertreter der Region
Müllers Vorgänger Felix Walker schaffte sich in Bern einen Namen als Finanzexperte. Sein Engagement als Präsident jener Kommission, welche die Anschlussgesetzgebung zum neuen Finanzausgleich zwischen Bund und Kantonen vorbereitet, ist der Grund, weshalb der Stadtsanktgaller erst auf die Dezembersession den Platz räumt.
Finanzen und Wirtschaft interessieren auch Müller. Hinzu kommt die Standortpolitik. «Wenn eine Person, die ein öffentliches Amt ausübt, nach Bern gewählt wird, muss das Lobbyieren für die Region im Vordergrund stehen. Das ist das Mindeste, was die Rorschacher von mir erwarten können.» Nicht nur die Rorschacher, auch die St. Galler und Wiler. Müller versteht sich als Vertreter «der urbanen Nordachse des Kantons». Mit Lucrezia Meier-Schatz, St. Peterzell, und Jakob Büchler, Rufi, hat das ländliche CVP-St. Gallen bereits zwei Sitze in Bern. In welchen Kommissionen Müller Einsitz nehmen wird, ist noch offen. «Bei der CVP gilt in dieser Frage das Anciennitätsprinzip.»
Müllers Büro in Rorschach wird künftig öfter verwaist sein. Bereits heute ist der Stadtpräsident häufig auf Achse. Er wirbelt, reisst an, engagiert sich. Wenn eine neue Idee lanciert, eine neue Vision entworfen wird, ist er selten fern. Das trug ihm auch schon den Vorwurf ein, vieles anzureissen, aber wenig konkrete Ergebnisse vorzuweisen. Müller beisst kräftig auf ein Caramel-Zeltli und sagt dann: «Es ist wie in einem Unternehmen. Du schreibst zehn Offerten und weisst nicht, wie viele Aufträge resultieren. Sicher ist nur: Wer untätig ist, macht keine Geschäfte.»
Müller weiss wohl: Gemessen wird er an seiner Leistung in Rorschach. Diese stand bislang kaum zur Diskussion – auch nicht sein Lohn. Er macht kein Geheimnis daraus, dass er mehr als 200 000 Franken verdient. «Noch hat mich die Jung-SVP nicht im Kreuzfeuer», lacht er. Die Partei hat angekündigt, Löhne dieser Kategorie 2008 zum Wahlkampfthema zu machen. Und was ist mit Müllers Nationalrats-Einkommen? Einen Teil gibt er ab – so will es das Reglement der Stadt Rorschach.
Schnell angewöhnen
Auf die Doppelbelastung Stadtpräsident und Nationalrat angesprochen meint Müller: «Das werde ich in den Griff bekommen müssen.» Dass er in Bern einen schnellen Start hinlegen muss – bis zu den nationalen Wahlen im Herbst 2007 bleiben wenige Monate – macht ihm keine Sorge. «Ich brauche nur eine kurze Angewöhnungszeit», sagt er.
Müllers Energie scheint unbegrenzt – obwohl er selber sagt: «Ich werde langsam ein alter Mann.» Selbstironie, und ein bisschen Eitelkeit. Müller ist 54. Er greift sich an den Hinterkopf – «das Haar lichtet sich» – und ist froh, dass ihn die Fotografin nur von vorne aufnimmt. Ruhe findet er bei Essen mit seiner Frau – «dann bleibt das Handy ausgeschaltet». Das reicht, um vom stressigen Job loszukommen? «Es kann auch Lebenslust sein, etwas zu gestalten», entgegnet er.
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