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Tagblatt Online, 21. Juni 2006 00:30:59

Billiger bauen ohne Wettbewerb

Am Beispiel Fachhochschul-Projekt: Verteuern Architekturwettbewerbe die Bauprojekte?

St. gallen. Kantonsräte lancierten ein Rorschacher Fachhochschul-Projekt, das günstiger sein soll als der Neubau in St. Gallen. Eine der Bedingungen: Kein Architekturwettbewerb. Es ist nicht der einzige Versuch, Wettbewerbe zu umgehen.

ANDREAS KNEUBühler

Im März 2003 wurde mit «Pessoa» das Siegerprojekt des Wettbewerbs für die neue Fachhochschule hinter dem St. Galler Hauptbahnhof vorgestellt. Vor einem Monat wurde der Gestaltungsplan öffentlich aufgelegt. Inzwischen läuft das Einspracheverfahren. 2008 ist eine kantonale Abstimmung vorgesehen. Im Neubau mit einem Hochhaus-ähnlichen Büroturm sollen die Fachhochschulen für Technik, Wirtschaft und Soziale Arbeit zusammengefasst werden. Im August 2011 könnten die Räume bezogen werden.

30 Millionen Franken weniger

Der späte Querschuss kommt aus Rorschach: In der Junisession lancierten drei Kantonsräte ein Gegenprojekt. Auf dem Areal der ehemaligen Alcan soll ein privater Investor einen Campus Fachhochschule für 1700 Studierende bauen. Das Projekt komme auf 60 Millionen Franken zu stehen, das seien 30 Millionen Franken weniger als für die Fachhochschule in St. Gallen vorgesehen sei, argumentierten die Kantonsräte. Die Preisreduktion gibt es allerdings nicht einfach so: Es dürfe keinen Architekturwettbewerb geben, und der Kanton müsse auf die Bauherrschaft verzichten, damit keine Ausschreibung nach dem Submissionsrecht nötig werde, schreiben die Parlamentarier vor.

Werden Bauprojekte teurer, wenn es einen Architekturwettbewerb gibt? Dieser Ansicht ist offensichtlich auch die CVP-Fraktion des Wiler Gemeinderats. Sie reichte im Mai einen Vorstoss ein, in dem sie die Verfahren kritisiert. Es liege nahe, dass Projekte, die günstige Baukosten anstrebten, architektonische Kompromisse eingingen, schreibt die Fraktion. Diese Projekte fielen jeweils in der ersten Runde aus der Auswahl. Die Wiler CVP schlägt vor, die preisgünstigste Lösung in den Schlussgang mitzunehmen. «Dort könnte dann entschieden werden, ob architektonische Unterschiede ein gewisses Mass an Mehrkosten rechtfertigen oder nicht», heisst es in der Anfrage.

Die beiden Vorstösse kommen beim Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein (SIA) schlecht an: «Das sind Angriffe auf das Wettbewerbswesen», kritisiert der St. Galler Architekt Erol Doguoglu, Präsident des SIA St. Gallen Appenzell. Die Aussage, dass Wettbewerbe Projekte teurer machten, sei «schlichtweg falsch». Es gebe genügend Untersuchungen, die das belegten, ärgert er sich. Klar sei zwar, dass bei den Verfahren nicht nur der Preis, sondern auch die Qualität eine Rolle spiele. Das bedeute vor allem, dass wirtschaftlich günstig, aber nicht billig gebaut werde. Schliesslich gehe es um eine gute Baukultur, erinnert Erol Doguoglu: «Mit Wettbewerben kommt man zu besseren Lösungen.»

Beschaffungswesen aushebeln?

Wann braucht es einen Wettbewerb? Im öffentlichen Beschaffungswesen sind die Voraussetzungen klar geregelt. Bauprojekte müssen ab 250 000 Franken ausgeschrieben werden. Bei Bauvorhaben der öffentlichen Hand hätten Architekturwettbewerbe längst eine hohe Akzeptanz erreicht, betont Erol Doguoglu. Anders ist dies bei privaten Investoren. Für sie gibt es keine Verpflichtung, Private können Aufträge direkt vergeben. Der Vorschlag, dass der Kanton bei der Fachhochschule zugunsten von Privaten auf die Bauherrschaft verzichten solle, bedeute deshalb, dass das Beschaffungswesen aus lokalpolitischen Gründen ausgehebelt werde, kritisiert der SIA-Präsident.

Wäre diese Umgehung rechtlich überhaupt zulässig? Dies werde nun abgeklärt, sagt Christof Gämperle, Generalsekretär des Baudepartements. Weitere Auskünfte gibt es vorläufig nicht. Die St. Galler Regierung wird nun zum Vorstoss aus Rorschach Stellung nehmen.





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