Am 2. Februar 1932, Joyces 50. Geburtstag, stürzt sich dessen 24-jährige Tochter Lucia in einem Wutanfall auf ihre Mutter und wirft ihr einen Stuhl nach. George, ihr älterer Bruder, bringt Lucia in eine Nervenklinik. Als die Eltern mit ihr Mitte April 1932 zu einer Londonreise aufbrechen, macht Lucia am Bahnhof so eine Szene, dass das Trio nach 45 Minuten den Zug verlässt. In den folgenden Wochen gibt Lucias Verhalten immer wieder Anlass zur Sorge, weshalb sie Ende Mai erneut in eine Nervenklinik gebracht wird, wo eine «hebephrenische Psychose mit gefährlichem Krankheitsverlauf» diagnostiziert wird.
Ihr Vater bezweifelt die Krankheit im Allgemeinen und die Diagnose im Besonderen, weshalb er Lucia rasch aus der Nervenklinik holen möchte. Der Arzt empfiehlt wegen der stark belasteten Beziehung zwischen Eltern und Tochter grössere Distanz. Joyce möchte seine Tochter aber nicht unbeaufsichtigt zurücklassen, weshalb er Maria und Eugène Jolas bittet, sich um Lucia zu kümmern.
Am 3. Juli 1932 bringt Joyce seine Tochter gemeinsam mit einer Pflegerin direkt aus der Nervenklinik nach Feldkirch. Er reist am nächsten Tag in das zweieinhalb Bahnstunden entfernte Zürich weiter, das nah genug ist, um bei Bedarf rasch in Feldkirch zu sein, aber doch so fern, dass der ärztlich empfohlene Abstand gewahrt bleibt. Lucias Absicht nach ihrem 25. Geburtstag, Ende Juli, mit der Bahn nach Zürich zu fahren, beunruhigt Joyce. Er befürchtet eine weitere Bahnhofszene, weshalb er Eugène Jolas eigens nach Zürich bestellt.
Bei der Rückfahrt wird Jolas von Nora Joyce begleitet, die sich vor Ort selbst ein Bild von Lucias Befinden machen will. Joyce bleibt im Zürcher Nobelhotel zurück, wo er auf den gewohnten Scheck seiner grosszügigen Mäzenin Harriet Weaver wartet, die damals zu Recht befürchtet, dass er ihr Geld verschwende «wie ein betrunkener Matrose».
Am 8. August 1932 wird Joyce von Nora und Lucia telefonisch eingeladen, nach Feldkirch zu kommen. Am selben Tag kündigt Joyce, der panische Angst vor Gewittern hat, Lucia seinen Besuch an und erklärt ihr, dass er Feldkirch meiden wollte, weil er befürchtet, «es wäre eines von diesen elenden, von Gewittern bevölkerten Bergnestern». Am 10. August quartiert er sich aber erneut im Hotel Löwen ein, wo er intensiv an «Finnegans Wake» arbeitet und die laufende Korrespondenz erledigt. Die verbleibende Freizeit nützt er für Ausflüge, Konzertbesuche und Wanderungen mit seiner Familie, den Jolas sowie deren Vorarlberger Freunden und Bekannten.
Abends pflegt Joyce ein Ritual, dessen grotesken Zauber Eugène Jolas überliefert hat: «Um halb acht abends eilte er plötzlich zum Bahnhof, wo der Paris-Wien-Express täglich zehn Minuten hielt. Er ging dann ruhig auf dem Bahnsteig auf und ab. <Dort drüben auf den Schienen>, sagte er eines Abends, <wurde 1915 das Schicksal des Ulysses entschieden.> Er deutete an, dass in dieser österreichischen Grenzstadt während des Ersten Weltkriegs ein Unglück seine Ausreise in die Schweiz um ein Haar vereitelt hätte. Wenn der Zug schliesslich einlief, stürzte er sich auf den nächsten Wagen, um die französischen, deutschen und jugoslawischen Beschriftungen zu studieren; dabei befühlte er die Buchstaben mit den sensitiven Fingern des fast Blinden. Dann fragte er mich gewöhnlich nach den Leuten, die ein- oder ausstiegen, und versuchte etwas von ihren Unterhaltungen mitzukriegen. Wenn der Zug seine Fahrt fortsetzte, schwenkte Joyce auf dem Bahnsteig seinen Hut, als ob er einem lieben Freund eine gute Reise wünschte.»
Feldkirch hat sich seinen Platz in der Literaturgeschichte nicht nur durch Joyces mehrwöchigen Sommeraufenthalt 1932, sondern auch durch seine Sorge gesichert, er könne 1915 bei der Ausreise in die neutrale Schweiz wie sein Bruder Stanislaus als feindlicher Ausländer inhaftiert werden. Nach dramatischen Passformalitäten, die von der begründeten Angst überschattet waren, dass sie in einem Internierungslager enden könnten, durfte der Kriegsgegner Joyce in die rettende Schweiz ausreisen, womit in Feldkirch das Schicksal des «Ulysses» zu seinen Gunsten entschieden wurde.
Weniger Glück hatte Joyce mit dem in Feldkirch formulierten «Finnegans Wake»-Kapitel, das er Anfang November 1932 in einem Pariser Taxi vergisst. Nachdem das Manuskript, von dem es keine Kopie gibt, verschollen bleibt, muss er «The Mime of Mick, Nick and the Maggies» Mitte November 1932 anhand seiner Notizbücher und aus dem Gedächtnis komplett neu verfassen.
Andreas Weigel ist Literaturwissen- schafter in Wien und hat mehrfach über Joyce publiziert. Zuletzt: «James Joyces Aufenthalte in Österreich. Innsbruck (1928), Salzburg (1928) und Feldkirch (1915, 1932).» In: Michael Ritter (Hrsg.): praesent 2006.
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