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Tagblatt Online, 01. April 2008 00:30:59

«Angenehm, aber unnütz»

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Wuchtige Halbfiguren geben Einblick in die Fragilität menschlichen Daseins. Das Betrachten der Skulpturen bedeutet sinnliche Ergriffenheit, weckt Sehnsucht nach Körperlichkeit. Die Figuren wollen ertastet werden. Doch sie wissen auch um die Vereinzelung. Und um die Vergänglichkeit.

Hans Josephsohn hat 60 Jahre lang zurückgezogen in seinem Atelier in Zürich gearbeitet. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit und wechselhaftem Interesse. «Nicht gestört zu werden in der heutigen Zeit ist ein Vorteil, glaube ich», sagt Josephsohn im kürzlich erschienenen Buch. «Ich bin meiner Vorstellung nachgegangen. Alle Krisen, menschliche, die im Leben auftreten, und alle Abenteuer, die möglich sind, und alle Wege in den Wald, wo man nicht weiss, wie man wieder zurückkommt, die haben sich abgespielt in meinem Atelier.»

Erfolg und Scheitern

Die letzten Jahre haben Hans Josephsohn einiges an Erfolg und Publizität beschert. Die jüngste Publikation «Kesselhaus Josephsohn» ist ein Teil davon.

Seit kurzem gehört er gar in den illustren Kreis der Galerie Hauser & Wirth, die im Mai eine Ausstellung in London mit ihm eröffnet. Wie das alles auf ihn wirkt? «Was soll ich sagen? Das ist natürlich angenehm, aber es nützt mir nichts bei der Arbeit», sagt Josephsohn. Natürlich freue es ihn, wenn sich junge Künstler für seine Arbeit interessieren. «Das gibt so eine Stichflamme, aber nachher gehen sie auch wieder. Und ich bin der gleiche, der etwas fertigbringt oder nicht fertigbringt.» Erfrischend lebendig, schroff und charmant in einem, unumwunden und von einer klugen Offenheit ist das Gespräch, das Amine Haase mit dem Bildhauer führt. «Ich meine, wenn eine Arbeit eine Ausstrahlung hat, ganz gleich, wie sie ist, dann muss man darüber eigentlich gar nicht diskutieren.»

Schauen statt reden

Worum es Josephsohn letztlich geht, ist kaum in Worte zu fassen. Keiner weiss dies besser als der Künstler selber. Katalin Deér hat sich wohlweislich den Skulpturen mit der Kamera genähert. Die analogen Fotografien halten in unendlichen Nuancen fest, was sich ständig ändert.

Für den bald 90jährigen Josephsohn selber ist die Fotografie aber nicht wichtig. Er schaut nur die Skulpturen an. Bilder davon interessieren ihn nicht. Das Buch ist nicht für ihn, sondern für uns. Ein Schritt im Bedürfnis nach Annäherung. Das macht es ehrlich. Wer sich den Figuren und Reliefs stellt, wird von ihnen berührt. Das ging dem jungen Kunstgiesser Felix Lehner vor über dreissig Jahren nicht anders als dem renommierten Ausstellungsmacher und Museumsleiter Udo Kittelmann 2002. Lehner hat in unmittelbarer Nähe zur Giesserei das Kesselhaus Josephsohn als bewegliches Schaulager eingerichtet. Udo Kittelmann widmet im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt dem 1920 geborenen Künstler eine grosse Einzelausstellung.

Als Katalogbuch zur Ausstellung, aber auch als Dokumentationspublikation zum Kesselhaus Josephsohn im Sitterwerk in St. Gallen ist das Bilderbuch gedacht, das dem bildhauerischen Schaffen atmosphärisch präzis nachspürt. Kurze Texteinschübe bieten das nötige Hintergrundwissen. Die 2004 erschienene fundierte Monographie von Gerhard Mack hat mit dem vorliegenden Band eine wunderschöne Ergänzung bekommen.

Ursula Badrutt Schoch

Ausstellung in Frankfurt, Museum für Moderne Kunst, bis 6. April; Ausstellung Fotografien von Katalin Deér im Sitterwerk St. Gallen bis 6. April, Mi/So 14–18 Uhr, www.kesselhaus-josephsohn.ch; Bildband Kesselhaus Josephsohn, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2008, Fr. 78.–





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