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Tagblatt Online, 03. September 2004 00:30:59

Kulturort Sitterwerk

Neu in St. Gallen: Kesselhaus Josephsohn, Kunstbibliothek, Werkstoffarchiv, Projektatelier . . .

Am kommenden Sonntag wird das Kesselhaus im Sittertal eingeweiht. Damit nicht genug. Rund um die Kunstgiesserei Felix Lehner in der ehemaligen Färberei ist ein kulturelles Konglomerat von einzigartiger Zusammensetzung am Entstehen.

Ursula Badrutt Schoch

Hans Josephsohn lässt seit 1985 seine Gips- und Tonarbeiten bei Felix Lehner giessen. Die anachronistisch und archaisch anmutenden Werke des 1920 im ostpreussischen Königsberg geborenen Plastikers, die Stehenden und Liegenden, die Köpfe und Halbfiguren, finden zunehmende Beachtung in der Kunstwelt.

Einzigartige Glücksfälle

«Ich denke in Güssen», hat Josephsohn einmal gesagt. Früher konnte er sich die Bronzen kaum leisten. Viele Gipsarbeiten sind mehr als dreissig Jahre alt und noch nicht fertig, da noch nicht gegossen. Jetzt haben sie ein neues Domizil in St. Gallen gefunden, wo sie Stück um Stück in Bronze umgesetzt werden. Wenn sie dort im 12 m hohen und 320 m2 grossen Raum stehen, angeleuchtet vom Licht, das durch die hohen Fenster fällt, beginnt der Künstler wieder an ihnen zu arbeiten, ein Klötzchen Gips anzufügen, andernorts ein Stück wegzunehmen. Am meisten interessieren Josephsohn aber die aktuellen Arbeiten, die Halbfiguren, die in jüngster Zeit noch eine Spur massiger geworden sind, Polster angesetzt haben, ohne dass sie dadurch weniger fragil geworden wären. Die Kombination von Werkentstehung, Giessprozess und Präsentation der Arbeiten imSittertal ist neu und einmalig. Erhalten, Pflegen, Archivieren und wissenschaftliches Aufarbeiten sind Aufgaben, die sich Felix Lehner gestellt hat, und die er in Zusammenarbeit mit einem Kreis von Fachleuten umzusetzen begonnen hat. Eine Monografie wird bald erscheinen, ein Werkkatalog ist in Bearbeitung. Dass sich mit dem 1962 erbauten ehemaligen Kesselhaus ein geeigneter Raum gefunden hat, ist ein grosser Glücksfall. Hier kann das Werk, Bronze neben Gips, Figur neben Relief, Frühwerk neben jüngsten Arbeiten gezeigt werden, getrennt vom Entstehungsprozess und doch nah zusammengefügt. Es ist eine Mischung von Skulpturenlager, Museum und Atelier.

Archiv statt Schwarzfärberei

Und die Glücksfälle gehen weiter. Im ehemaligen Haus für Schwarzfärberei sind die Kunstbibliothek von Daniel Rohner und die giessereieigene Büchersammlung samt Arbeitstischen eingerichtet. Der Bestand wird in den kommenden Monaten inventarisiert und ins elektronische Netz eingebunden. Gestartet wird mit der öffentlich zugänglichen Präsenzbibliothek im Frühjahr 2005. Im gleichen lang gestreckten Gebäude türmen sich Schubladen um eingeschobene Raumkompartimente. Darin wird Anschauungs- und Testmaterial abgelegt, das als Grundlage für weitere Projektentwicklungen dient, und das neben der Giesserei auch Gestaltern, Architekten, der Textilbranche, Handwerkern und Schulen wertvolle Dienste leisten könnte. Das 650 Schubladen umfassende Werkstoffarchiv soll mit Unterstützung des Gewerbemuseums Winterthur und in Zusammenarbeit mit dem deutschen Internet-Materialarchiv betrieben werden. Auch eine Einbindung der benachbartenEmpa wird angestrebt.

Die Fragen nach den Finanzen

Ausserdem konnte das ehemalige Walzenlager der Färberei zum Sitterwerk dazugemietet werden. Zwei Ateliers mit fototechnischen Einrichtungen sowie ein flexibel nutzbares Projektatelier für aussergewöhnliche Formate sind demnächst fertig hergerichtet. Der grosszügige Raumcharakter der Industriebaute ist erhalten geblieben, die nötige Infrastruktur hat ästhetisch überzeugend Platz bekommen. Diese zahlreichen Glücksfälle an einem Ort stellen aber auch Fragen. Wer finanziert sie? Das florierende und weit herum angesehene Unternehmen Kunstgiesserei mit heute 14 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 1,2 Mio. Franken hat in die Kulturwerke von Kesselhaus, Kunstbibliothek, Materialarchiv, Projektatelier grosse Eigenleistungen erbracht und bereits von zahlreichen privaten Sponsoren Unterstützung erhalten. Die Kombination von privatwirtschaftlichem Betrieb und kulturellem Angebot für die Öffentlichkeit ist in diesem Rahmen etwas Neuartiges. Das Engagement geht über Eigeninteresse der Kunstgiesserei weit hinaus. «Es gibt kein Gesetz und keine Erfahrungen von etwas Vergleichbarem», heisst es von Kantonsseite. «Bei einem solchen Präzedenzfall muss zuerst genau abgeklärt werden, wie so eine Kulturwirtschaft unterstützt werden könnte.» Wiederkehrende Beiträge der öffentlichen Hand seien unrealistisch. Der Kanton sieht seine Aufgabe höchstens darin, für die Bibliothek, die sich auch in die Vision von der Buchstadt St. Gallen einbinden liesse, einen guten Start zu ermöglichen. Auch die Stadt will ihren Beitrag in einer einmaligen Finanzspritze an den Ankauf derBücherei leisten.

Galerie, Verein, Stiftung

Für den Betrieb des Kesselhauses ist die Idee einer Galerie realisiert. Vertraglich geregelt ist eine finanzielle Beteiligung bei Verkäufen, sodass zumindest ein Teil des Kesselhaus-Betriebes in Zukunft eigenwirtschaftlich finanziert wird. Vor wenigen Tagen ist der «Förderverein Sitterwerk» gegründet worden, der sich für die Finanzbeschaffung des einzigartigen Konglomerats und für die Realisierung der Stiftung «Sitterwerk - St. Galler Zentrum für Kulturwirtschaft» einsetzt. Stadt und Kanton sollen in die Trägerschaft der Stiftung eingebunden werden, doch diesbezüglich zeigen sie grosse Zurückhaltung. Die Beteiligung solle punktuell und projektbezogen sein und keine neuen Verantwortlichkeiten bringen, meint der Kulturbeauftragte André Gunz.Das anregende Klima von kreativem Austausch und mutiger Initiative haben die Ideen zu Projekten und die Projekte zuTaten wachsen lassen. Ohne viel Pomp und Aufsehen wuchert Kultur im Sittertal wie in einem gut gepflegten Naturgarten. Der Fluss ist da. Doch jetzt braucht es Nährstoffe in Form von ideeller und finanzieller Unterstützung. Dann kann auch geerntet werden. Denn nicht zuletzt bedeutet das expandierende Kulturwerk Sittertal für Stadt und Regioneine grosse Bereicherung undAttraktion.

Sonntag 5. September 12-18 Uhr Eröffnung Kesselhaus Josephsohn mit Dorothea Strauss, Direktorin des Kunstvereins Freiburg/B, und Christoph Vitali, Direktor Fondation Beyeler, Riehen.Geöffnet jeweils Mi und So 14-18 Uhr, Telefon 071 278 88 22,www.kesselhaus-josephsohn.ch

Wörtlich

Eine Vision

Die Verbindung Kunstgiesserei-Kesselhaus ist der Kern einer Vision: Im Sittertal soll ein Konglomerat von kulturbezogenen Wirtschaftsunternehmen und publikumsorientierten Kulturinstitutionen entstehen, die sich gegenseitig dynamisch ergänzen und mit den übrigen Kultureinrichtungen wie Museen, Kunsthalle, Galerien, Bibliotheken, aber auch mit Know-how-Trägern wie der Fachhochschule für Wirtschaft, Technik und Soziales, der Empa oder spezialisierten Unternehmen der Ostschweiz eng zusammenarbeiten. Das Zentrum soll für St. Gallen dreierlei Nutzen bringen: Imagegewinn, neue Betriebe und Arbeitsplätze, neue Kultureinrichtungen.Aus dem Konzeptpapier«Sitterwerk»





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