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Tagblatt Online, 03. April 2008 00:30:59

Gott und die Demographie

Was uns Religionsstatistiken erklären und was nicht

Weltweit übersteigt die Zahl der Moslems erstmals jene der Katholiken. Dies hat der Vatikan am Montag mitgeteilt. 1,1 Milliarden katholische Christen stehen demnach 1,3 Milliarden Moslems gegenüber.

Walter Brehm

Inmitten hitziger Debatten darüber, ob und wie Moslems in die europäischen Gesellschaften integriert werden können, fragt sich, was die vatikanische Nachricht wirklich mitteilt.

Der Anteil der Katholiken an der Weltbevölkerung liege nun bei 17,4 Prozent, jener der Moslems bei 19,23 Prozent, erklärt der Vatikan. Hinter den Katholiken folgen aber im christlichen Bekenntnis Protestanten und Orthodoxe – zunehmend bedrängt von evangelikalen Freikirchen, die weltweit im Vormarsch sind. Global gesehen bekennen sich noch immer die Mehrheit der 6,68 Milliarden Menschen zum Christentum – etwa zwei Milliarden gegen die 1,3 Milliarden Moslems.

Neben Christen und Moslems gelten aber auch das Judentum und die Bahai als Weltreligionen, obwohl sie nur etwa 13,5 respektive 7,8 Millionen Menschen zählen.

Statistik und Glaubensrealität

Die Mitteilung des Vatikans verquickt mehrere Entwicklungen miteinander, die wenig über die Glaubensrealität in der Welt aussagen. So beruhen die Zahlen zur Entwicklung des Islam auf Schätzungen, die sich auf staatliche Angaben moslemischer Länder abstützen. Da diese den Islam auch als Säule ihrer staatlichen Identität sehen, werden dort zumeist alle Neugeborenen automatisch dem einen Islam zugerechnet, egal, ob deren Eltern fundamentalistische, gemässigte, der Religion gleichgültig gegenüberstehende Moslems oder gar Andersgläubige sind.

Gar nicht zu trauen ist zudem der Statistik jener arabischen Länder, in denen der Abfall vom Islam hart bestraft wird.

Eine Frage der Demographie

Mit diesem letztlich rein demographischen Anstieg der Moslems an der Weltbevölkerung kann der Katholizismus schon deshalb nicht mithalten, weil in seinen Stammlanden die einheimische, traditionell christliche Bevölkerung schrumpft. Dies hat aber noch nichts mit wachsender Attraktivität des Islam gegenüber dem Christentum zu tun.

Doch auch in der sogenannt christlichen Welt hilft die reine Statistik allein nicht weiter. In Europa zählen die Amtskirchen – katholische wie protestantische – alle nominellen Kirchenmitglieder mit, obwohl darunter mindestens 20 Prozent als Atheisten oder zumindest als Agnostiker gelten. Und in Lateinamerika vereinnahmt der Katholizismus noch immer bis zu 85 Prozent der Bevölkerung, obwohl die dort stark missionierenden evangelikalen Freikirchen unterschiedlicher Provenienz behaupten, über 20 Prozent der Bevölkerung gehörten bereits ihren Gemeinschaften an. Auch hier ergibt sich also eine statistische Unschärfe. Einerseits wachsen Freikirchen weltweit tatsächlich, andererseits neigen diese Eiferer dazu, ihre Zunahme zu übertrieben.

Hindus, Buddhisten, «Andere»

In der Glaubensstatistik folgen dann die Hindus mit weltweit maximal 900 Millionen Menschen. Wobei auch hier beschönigt wird. Indien gibt den Anteil der Hindus und Moslems an seiner Bevölkerung offiziell seit Jahren mit zusammen 94 Prozent an. Dies widerspricht aber krass den Angaben christlicher Kirchen über ihr Wachstum auf dem Subkontinent.

Etwa 800 Millionen weitere Menschen weltweit haben keine Religion oder keine Religionszuschreibung. Jeweils etwas weniger als 400 Millionen Menschen sind Buddhisten, Anhänger chinesischer Lehren, naturreligiöse und «Andere».

Alles in allem sagt uns die vatikanische Statistik deshalb nicht mehr über die globale Entwicklung der Religionen, als dass der Islam demographisch am stärksten wächst, während das Christentum in Afrika und Asien in der Mission am erfolgreichsten ist – dies allerdings nicht unbedingt zum Nutzen des Katholizismus.





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