Urs Klauser: Wir nennen sie «alte Volksmusik». Uns ist noch keine bessere Bezeichnung eingefallen. Dumm daran ist vielleicht, dass der Begriff einseitig besetzt ist. Ich meine damit: Wenn wir sagen, wir machen Volksmusik, muss immer noch eine ellenlange Erklärung folgen: «Wir machen Volksmusik, aber …» – nicht Ländler und nicht Appenzeller Streichmusik. Man kann unsere Musik nicht mit einem Begriff beschreiben, der für alle klar einzuordnen wäre. Darunter leide ich ein bisschen.
Klauser: Unsere Spezialität sind die alten Instrumente, die man kaum mehr kennt, weil viele schon im 17. und 18. Jahrhundert, spätestens aber im 19. Jahrhundert ausgestorben sind. Nichtsdestotrotz haben sie einmal zu unserer Volksmusik gehört. Wir spielen mit Hackbrett und Geige, die noch heute bekannt sind. Dann spielen wir mit dem Vorläufer der Geige, dem Rebec, und der Cister, der Halszither. Ein ganz wichtiger Teil sind die Blasinstrumente, die aus der heutigen Appenzeller Musik weitgehend verschwunden sind: Querpfeife, Sackpfeife und die Schalmei, die bis ins 19. Jahrhundert hier verbreitet war, weiter Blockflöten, und Maultrommel. Daneben setzen wir sehr viele Perkussionsinstrumente ein, die früher einmal eine wichtige Rolle in der Volksmusik gespielt haben.
Im neuen Projekt «Alpan» erweiterten wir das Spektrum um Kontrabass, Jazzgeige und Sopransaxophon. Im ganzen «Alpan»-Projekt sind wir acht Musikerinnen und Musiker.
Klauser: Seit gut dreissig Jahren. Es ist bemerkenswert, wie viele unterschiedliche Phasen es seither gegeben hat. Ich begann in den 1970er-Jahren, als Mitorganisator des wichtigsten Schweizer Folkfestivals auf der Lenzburg. Wir sammelten damals schon Volkslieder, und Urs Hostettler gab sie in einem Buch heraus. Lieder, die zeigten, dass es eine Volksmusik jenseits der geblümten Tröglein und jenseits der Heimattümelei gab; Lieder, die von den Sorgen und Nöten, aber auch den Freuden der geringen Leute berichten. Später flachte diese Folk-Welle ab. In den 1990er-Jahren kam das Interesse wieder ein bisschen hoch, flachte dann aber nochmals ab. Im Moment habe ich das Gefühl, es boome wieder enorm. Es gibt ein breites Interesse an den eigenen Wurzeln. Viele gehen der Frage nach, was bei uns musikalisch da war, bevor die Ländlermusik kam. Diese Fragen waren auch bei uns ausschlaggebend, als wir alte Instrumente nachzubauen und alte Musik zu spielen begannen. Ja, und das Projekt «Tritonus» ist genau 20 Jahre alt. 1991 brachten wir dann die erste CD auf den Markt.
Klauser: Wir gingen wissenschaftlich sehr exakt an die Arbeit. So bauten wir zum Beispiel ein kleines Hackbrett nach, das mit Eisendraht bespannt war. Wir versuchten damit so nahe wie möglich an den originalen Klang zu kommen. Auch die historisch belegten kleinen Besetzungen waren uns wichtig.
Klauser: Doch. Etwa dieses kleine Hackbrett: Ein Pfarrer aus dem 16. Jahrhundert beschrieb und zeichnete es. Und anhand von weiteren Abbildungen, Beschreibungen und Quervergleichen aus anderen Ländern kann man den Klang der alten Volksmusik rekonstruieren. Dennoch: Letzten Endes weiss man nicht, wie es tatsächlich getönt hat. Es bleibt eine Annäherung nach dem heutigen Stand des Wissens.
Erschwerend kommt hinzu, dass Volksmusik zum grossen Teil nirgends – oder erst viel später – aufgeschrieben wurde. Es stellte eine riesige Arbeit dar, die wenigen Stücke, die irgendwo notiert waren, zu sammeln und zu bearbeiten. Leider ist es meistens schwierig bis unmöglich, diese Melodien genau zu datieren. Ein paar Stücke können uralt sein – stammen vielleicht aus dem Mittelalter. Die ersten, die ganz klar datierbar sind, sind aus dem frühen 16. Jahrhundert. Erst später, im 19. Jahrhundert, hat eine grosse Sammeltätigkeit eingesetzt. Fortan wurden sehr viele Stücke aufgeschrieben – darunter auch solche, die wesentlich älter sein müssen.
Klauser: Ja. Wir suchten in Volksliedarchiven und in unzähligen Lieder- und Notensammlungen, sichteten Fachliteratur. Ich weiss nicht mehr, wie viele Archive und Bibliotheken wir anschrieben – unsere Anfragen gingen bis nach London. Das war eine Riesenarbeit. Dann kamen wir vor einigen Jahren aber an einen Punkt, wo wir annehmen mussten, dass wir alles abgegrast hatten. Und trotzdem sollten wir neue Stücke und Lieder spielen; wir konnten ja nicht immer dasselbe Repertoire vortragen. Eine Zeit lang spielten wir deshalb auch Musik aus anderen Ländern, zum Beispiel aus Bulgarien und Mazedonien, die ganz ähnliche Instrumentenkombinationen kennen wie die alte Schweizer Volksmusik. Damit konnten wir auch einige Parallelen aufzeigen. Das war die eine Möglichkeit.
Die andere war jene, selber Stücke zu komponieren. Und dann tauchte im Nachlass von Johann Manser eine Sammlung mit alten Appenzeller Tänzen auf: Die wohl früheste Sammlung stammt aus dem späten 18. Jahrhundert. Das ist zwar nicht so wahnsinnig alt – aber dennoch älter als alles, was sonst bekannt ist. Das hat uns gepackt und wir nahmen für unsere neue CD sehr viele Stücke aus dieser Quelle. Die Notensammlung wurde übrigens kürzlich unter dem Titel «Altfrentsch» vom Zentrum für Appenzellische Volksmusik, Roothuus Gonten, neu herausgegeben.
Es war uns immer ein ganz wichtiges Anliegen zu zeigen, dass Volksmusik eben nicht immer gleich war, sondern dass sie sich immer wandelte und sich den jeweiligen Moden und Stilen anpasste.
Das ist irgendwie noch immer nicht in den Köpfen der Leute. Viele haben das Gefühl, Volksmusik sei seit Ewigkeiten immer gleich geblieben und müsse auch immer gleich bleiben. Das ist ein schwerer Denkfehler. Die Appenzeller Musik tönte im Mittelalter anders als im Barock oder in der Romantik – dort blieb sie letztlich stehen, sie ist ein Kind des 19. Jahrhunderts.
In letzter Zeit scheint aber mit einer neuen Generation von Musikerinnen, Forschern und Konservatoren Bewegung in diese Sache zu kommen. Neue Fachbücher werden geschrieben, die Geschichte wird umgeschrieben – es ist bereits einiges passiert.
Klauser: Ja. Österreich und Deutschland sind uns da einige Schritte voraus. Aber das Konservieren der Volksmusik ist nur das eine. Man muss auch dafür sorgen, dass sie weiterlebt. Also: Kurse anbieten, die Jungen mit einbeziehen. Das dünkt mich je länger desto wichtiger.
Gustav Mahler sagte einmal: «Tradition ist die Weitergabe des Feuers – nicht die Anbetung der Asche.» Das trifft den Nagel auf den Kopf: Es nützt nichts, wenn wir Museen bauen, wenn die Musik nicht weiterleben kann.
Klauser: Ganz wichtig. Ich finde es sehr spannend, was in Gonten passiert. Joe Manser als Leiter ist natürlich ein absoluter Glücksfall. Er verfügt über breite Fachkenntnisse und erbte von seinem Vater eine einzigartige Sammlung, die jetzt im Roothus ist. Auch Noldi Alder ist mit dabei – und auch er hat Material aus seiner Familie eingebracht. Langsam geschieht jetzt diese Öffnung, von der wir sprachen. Früher hockten die Musikanten auf ihren Noten wie auf einem Schatz. Sie hatten eine furchtbare Angst, dass ihre Stücke in falsche Hände geraten könnten – dabei gibt es gar keine falschen Hände! Denn es gibt ja eigentlich nichts Besseres als wenn diese Stücke gespielt werden. Hier sind wir wieder beim Mahler-Zitat: Das Feuer muss weitergegeben werden. Es nutzt niemandem, wenn die Stücke auf dem Estrich liegen – man hat dann höchstens eine Leiche im Estrich anstatt im Keller! Die Musik lebt nur, wenn sie gespielt wird. So gesehen ist es das Beste, was passieren konnte: Alle Stücke kommen an einen zentralen Ort und sind dort öffentlich zugänglich.
Klauser: Oft immer noch überrascht – überrascht von der Art der Musik und von den Instrumenten. Grundsätzlich aber sehr positiv; wir hören rundum, dass viele Leute sich nicht vorstellen können, dass Schweizer Volksmusik früher so tönte.
Klauser: Am Anfang hatte ich das Gefühl, belächelt und nicht ganz ernst genommen zu werden. Wo es sehr rasch eine Annäherung gegeben hat, war bei den Jazzmusikern. Aus dem Jazz gab es schon ganz früh ein grosses Interesse an unserer Arbeit. Heute, denke ich, werden wir auch von allen anderen Musikerinnen und Musikern anerkannt.
Klauser: Ja, das dünkt mich noch spannend: Alle anderen interessierten sich früher für unsere Arbeit! Vielleicht fürchteten sich die Streichmusikanten vor einer neuen Konkurrenz. Oder sie wollten es nicht wahr haben, dass es auch noch etwas anderes gibt. Wobei: Das ist eine Unterstellung; ich habe das nie so direkt gespürt. Aber eine Zurückhaltung war schon da. Heute ist vor allem von jüngeren Musikerinnen und Musikern ein grosses Interesse an unserer Arbeit da. Wenn ich so nachdenke (überlegt) haben wir im Appenzellerland ein sehr gutes freundschaftliches Verhältnis unter allen Musikerinnen und Musikern aller Stilrichtungen.
Klauser: Ja, das gibt es. Es gibt regelmässige Kontakte und sogar Zusammenarbeit.
Klauser: Auch das gibt es. Das ist mir ungeheuer wichtig. Das erste Mal in den 1980er-Jahren. Damals spielten wir mit «Alpine Jazz Herd» an den Jazzfestivals Willisau und Zürich. Der Knackpunkt – und das sahen wir auch bei den Arbeiten für das letzte Album – ist, dass Jazzmusikerinnen und -musiker während des Studiums vor allem afro-amerikanische Skalen und Muster lernen. Damit das Projekt aber am Ende wirklich gut tönte, mussten sie tief in unsere Musik hineinhören und sich stark mit ihr auseinandersetzen, damit es beim Spielen nicht zu einem Bruch kommt. Sie mussten lernen, mit unseren Skalen, Modi und Rhythmen umzugehen und mit diesem Material zu improvisieren – nur so wirkt es glaubwürdig. Ansonsten bleibt es bei zwei Welten, die nicht zueinander finden.
Klauser: Im Instrumentarium. Und in den Balladen, Liedern und alten Texten, die wir in unserem Programm haben.
Klauser: Das hat sich verändert. Früher sah ich mich als Exot; aber je länger ich hier lebe und Musik mache, desto mehr nehme ich mich als Teil des Ganzen wahr, als Mosaiksteinchen, das – wie ich denke – eine Bereicherung ist, auch wenn ich niemals die musikalischen Qualitäten eines Noldi Alder oder Paul Giger mitbringe. Ich meine, ohne «Tritonus» würde etwas fehlen. Das Wort «Kontrast» fällt ab und zu seitens der Veranstalter, die sich bewusst für uns entscheiden – als Kontrast zum «Bekannten». Das wird wahrscheinlich von aussen so wahrgenommen. Ich selber betrachte mich als Teil des Ganzen.
Manchmal aber kommt auch das aufklärerische Moment zum Tragen – hier schlägt wahrscheinlich der Lehrer in mir durch. Ich will zeigen, dass es auch noch etwas anderes gibt, was tatsächlich in gewissem Kontrast zur Streichmusik steht. Aber das heisst nicht, dass das besser sein soll.
Klauser: Es ist in den letzten Jahren ganz sicher etwas in Bewegung geraten. Was mich vor allem freut: Es gibt viele neue und junge Streichmusikformationen – sehr gute noch dazu. Auf uns bezogen, sehe ich noch keine Nachfolger. Und Projekte unter Miteinbezug von Jazz oder Klassik werden mit Sicherheit zunehmen. Sehr viele setzen sich wieder mit den eigenen Wurzeln auseinander. – Nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit wächst das Interesse an der eigenen Musik, an der eigenen Vergangenheit.
Interview: Guido Berlinger-Bolt
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