Houstons Angst vor dem Playoff-Versagen

BASKETBALL ⋅ Die Houston Rockets mit Clint Capela absolvierten die erfolgreichste NBA-Saison der Vereinsgeschichte. Die Favoritenrolle auf den Titel trauen ihnen vor dem Playoff-Auftakt viele aber nicht zu.
14. April 2018, 07:15

Irgendwie scheinen sie der ganzen Sache noch nicht so richtig zu trauen in Houston. Die Rockets haben die Qualifikation in der NBA als bestes Team abgeschlossen, mit 65 Siegen aus 82 Spielen haben die Texaner gar einen neuen Vereinsrekord aufgestellt. Sie haben die Gegner bisweilen dominiert und die mit Abstand beste Offensive gestellt, in welcher der Genfer Clint Capela eine prägende Rolle einnahm. Und doch bleiben die Analysten landauf, landab skeptisch, wenn sie vor den morgen beginnenden Playoffs alle dieselbe Frage gestellt bekommen. "Sind die Rockets in diesem Jahr die Titelfavoriten?"

Unschöne Erinnerungen

Woher kommt diese untypische Zurückhaltung? Nun, einerseits sind da natürlich die Titelverteidiger Golden State Warriors, die im Normalfall mit ihren vier Starspielern jedem Team der Liga überlegen sind und deshalb zwingend genannt werden müssen, wenn es darum geht, die Favoriten auf den Gewinn der Larry-O’Brien-Trophy zu nennen. Allerdings hatten die Schlüsselspieler der Kalifornier zuletzt mit argen Verletzungssorgen zu kämpfen und schlossen die Qualifikation mit sieben Niederlagen mehr als die Rockets auf Rang 2 ab.

Guard Stephen Curry wird wegen einer Überdehnung des linken Knies sicherlich für die Auftaktserie gegen die San Antonio Spurs fehlen. Ohne ihren Spielmacher werden die Warriors vor allem offensiv deutlich berechenbarer, und es scheint nicht unmöglich, dass sie bereits lange vor einem möglichen Duell mit den Rockets vor unlösbare Aufgaben gestellt werden. Was die Leute in Houston indes viel mehr zurückhaltend werden lässt, ist der Blick in die Vergangenheit: Die beiden Spielmacher Chris Paul und James Harden sowie Trainer Mike D’Antoni haben in ihren Karrieren nämlich unschöne Erinnerungen an die Playoffs gesammelt.

D’Antoni verlor 2005 und 2006 mit den Phoenix Suns in den Halbfinals, nachdem er mit dem Team aus Arizona die Qualifikation ähnlich dominiert hatte wie heuer mit Houston. Als die Rockets im letzten Jahr Oklahoma City bezwangen, war der 66-Jährige zum ersten Mal seit neun Jahren siegreich in den Playoffs. Chris Paul wiederum gehört zwar zu den besten Point Guards der Geschichte, weiter als bis in die zweite Playoffrunde konnte der 32-Jährige seine Teams jedoch nie führen. Und James Harden, der wahrscheinlich als wertvollster Spieler der Qualifikation ausgezeichnet werden wird, verlor 2012 an der Seite von Thabo Sefolosha die Finalserie gegen Miami Heat. Als die Rockets im letzten Jahr in der 2. Runde an San Antonio scheiterten, gelangen dem 28-Jährigen in der entscheidenden Partie lediglich zehn Punkte.

All diese Erlebnisse haben dem Trio den Ruf eingebracht, immer in den entscheidenden Momenten zu versagen. "Wir geniessen im Moment, dass es uns bisher so gut gelaufen ist", sagt Paul, "und beschäftigen uns nicht mit vergangenen Dingen." Der Fokus scheint demonstrativ auf der Gegenwart zu liegen. Der frühere Rockets-Profi und heutige Analyst Clyde Drexler meint: "Die drei wollen unbedingt beweisen, dass sie auch in den Playoffs erfolgreich sein können."

Erste Gelegenheit dazu bietet sich in der Nacht auf Montag, wenn die Minnesota Timberwolves zum ersten Mal in Houston zu Gast sind. Das Team aus Minneapolis qualifizierte sich erst in der letzten Runde für die Playoffs, ist aber in der sehr ausgeglichenen Western Conference nicht zu unterschätzen. Auch die weiteren möglichen Gegner auf dem Weg in den Final könnten den Rockets an einem guten Tag durchaus gefährlich werden. Erwähnt seien Oklahoma City, Portland und Utah, das ohne den verletzten Thabo Sefolosha angeführt von Rookie Donovan Mitchell eine beeindruckende Entwicklung durchgemacht hat.

Trainer Mike D’Antoni sagt, dass die Saisonbilanz auch dann nicht schlecht ausfallen würde, wenn es am Ende nicht für den dritten Titel der Vereinsgeschichte reichen würde. Zu erfolgreich sei die Qualifikation dafür verlaufen. "Aber bis jetzt haben wir noch nichts gewonnen. Wenn wir so weiterspielen, werden wir sehen, wozu es reicht." (sda)


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