Die Kehrseite der Medaille

KUNSTTURNEN ⋅ Für den Kunstturner Pablo Brägger ging es in den vergangenen Jahren stets aufwärts. Die Last als Reck-Europameister vom Frühjahr in Cluj-Napoca bereitet ihm aber Mühe.
02. Oktober 2017, 06:00

Es war der perfekte Tag, der perfekte Ort, der perfekte Augenblick. Der Moment, von dem jeder Sportler träumt, ihn einmal in seiner Karriere erleben zu dürfen. Pablo Brägger hatte diesen am 23. April nachmittags um kurz vor halb fünf, als er in der ausverkauften Arena Polivalenta im rumänischen Cluj-Napoca vor den Augen seiner Familie und seinen Freunden im Reckfinal einen spektakulären Vortrag zeigte und Schweizer Turngeschichte schrieb. Er holte Gold und trat als erster Schweizer Reck-Europameister seit 1957 in die Fussstapfen des legendären Jack Günthard.

Immer und immer wieder hat sich Brägger seither diese mit Höchstschwierigkeiten gespickte Übung mit den fünf Flugelementen, einer Verbindung und dem Abgang in den Stillstand angeschaut. Noch heute hat er "Hühnerhaut und Schweissausbrüche", wenn er sich die 57 Sekunden, die er durch die Luft wirbelte, vor Augen führt. "Es ist das, was man auf seinem Weg als Turner sucht." Wenn einem alles gelinge, sei es am Reck mit den Glückshormonen am extremsten, so Brägger. Dann trete auch die Rangierung in den Hintergrund. "Wenn ich in Cluj Zweiter oder Dritter geworden wäre, wäre mir das egal gewesen."

Für Brägger wurde es aber die Goldmedaille, womit er erst zum fünften Schweizer Kunstturn-Europameister überhaupt avancierte. Eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit waren die Folge, auch die Anfragen von Veranstaltern und Sponsoren häuften sich - alles aber im überschaubaren Rahmen. Wenn etwas Spass macht, er sich mit der Sache identifizieren kann und es in die Planung passt, dann nimmt er Anfragen gerne an. "Aber ich bin hier, um zu Turnen, um sportlich weiterzukommen - und nicht um Geld zu verdienen."

Arbeit mit dem Mentaltrainer

So schön, spektakulär und einmalig der Moment des Triumphs in Siebenbürgen war, die Goldmedaille ist für Brägger auch zu einer Bürde geworden. "Seit der EM verspüre ich den Druck vermehrt." Es sind die eigenen Erwartungen, mit denen der 24-Jährige aus Oberbüren zu kämpfen hat. Mit dem Anspruch, dass er das, was er in Rumänien gezeigt und gefühlt hat, jeden Tag erreichen muss. Brägger wurde ungeduldig, war gereizt, die Stimmung im Training sank in den Keller. Hinzu kamen Probleme mit dem Knie, die ihn in erster Linie am Boden einschränkten und verunsicherten. "Vor allem, als es im Hinblick auf die WM um die Wurst ging, hat man gespürt, dass er sich unter Druck setzt", sagt Cheftrainer Bernhard Fluck.

Die Lockerheit und Unbeschwertheit war weg bei Brägger, dem ansonsten so offenen und aufgestellten Ostschweizer. Für den Athleten ist es die Kehrseite der Medaille, "etwas, das viele Leute nicht sehen". Mehr als gewöhnlich nahm Brägger die Hilfe des Mentaltrainers in Anspruch und kam zum Schluss: "Dieser Prozess ist normal." Schritt für Schritt holt er sich nun das Vertrauen zurück, er versucht positiv zu bleiben, auch wenn es einmal im Training nicht so läuft. Er hat gelernt, dass er den Erwartungen nicht gerecht werden muss. "Immer einfach ist dies aber nicht."

Vor Beginn der Weltmeisterschaften in Montreal äussert er sich zurückhaltend. Das Ziel ist es, die Qualifikation am Montag ohne Fehler zu überstehen, dann ist das Erreichen des Reckfinals der Top 8 mit der gleichen Übung wie an der EM realistisch, auch wenn die Konkurrenz mit Weltmeister Kohei Uchimura, Epke Zonderland, Andreas Brettschneider, den Amerikanern und den Chinesen sehr stark ist. Beweisen muss Brägger niemandem etwas. "Einen Traum habe ich bereits im Sack. Ich habe gezeigt, was ich drauf habe, und den perfekten Moment erlebt." Diesen kann ihm niemand mehr nehmen. (sda)


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