"Habe gepokert und mein Spiel durchgezogen"

RAD ⋅ Nach fast zwei Jahren ohne Sieg geht für Silvan Dillier am Donnerstag seine persönliche Durststrecke gleich mit einem Coup zu Ende: Der 26-jährige Aargauer gewinnt die 6. Giro-Etappe.
11. Mai 2017, 23:23

Dass er am Ende des Tages als grosser Sieger dastehen würde, daran verschwendete Silvan Dillier unmittelbar nach dem Start in Reggio Calabria keinen einzigen Gedanken. Gleich auf dem ersten Kilometer nach der Freigabe des Rennens beklagte der Profi vom amerikanisch-schweizerischen Team BMC einen "Platten". Im Interview mit der Nachrichtenagentur sda äussert sich Dillier zu seinem grössten Sieg als Radprofi.

Silvan Dillier, wie gross ist die Freude über Ihren Coup?
Natürlich riesig. Ich bin absolut glücklich und fast noch mehr erleichtert. Denn diesem Sieg bin ich lange nachgerannt.

Sie waren auf Junioren- und U23-Stufe sehr erfolgreich, bei den Profis allerdings (noch) nicht. Sind Selbstzweifel aufgekommen?
Als Radprofi investiert man tagtäglich sehr viel. Und das rund um die Uhr und auch wenn man Zuhause ist. Gleichzeitig verzichtet man auf vieles. Wenn du dann so lange nicht gewinnst, kommt einem fast die Hoffnung abhanden, dass es wieder einmal klappen könnte. Nun habe ich es hier am Giro, ausgerechnet in einer grossen Rundfahrt, endlich wieder auf die Reihe gekriegt. Ein fantastisches Gefühl. Das gibt mir auch wieder enormes Selbstvertrauen für die Zukunft.

Wird dieser Sieg auch dazu führen, dass Sie innerhalb des BMC-Teams anders wahrgenommen werden?
Sicher. Wenn du wie ich zuletzt bei Rennen im Finale zwar solid dabei bist, aber nie gewinnst, dann wird es schwierig, das Vertrauen des Teams zu erhalten. Anstelle einer geschützten Rolle für dich wird dann auf einen anderen Fahrer gesetzt. Auf einen, der nicht nur solid dabei ist, sondern es eben auch über die Ziellinie bringt.

An solchen mangelt es bei BMC ja nicht.
Nein. Ganz und gar nicht. Wir haben nicht nur einen oder zwei Siegfahrer. Bei uns kann das halbe Team gewinnen.

Sie fahren seit 2013 für BMC. Nun haben Sie ein gutes Argument für die Verlängerung Ihres Ende Jahr auslaufenden Vertrags, oder nicht?
Das erhoffe ich mir natürlich.

Noch zur Etappe am Donnerstag: Diese war für Sie nach einem Defekt schon fast gelaufen.
Zunächst einmal war ich froh, dass ich überhaupt noch den Anschluss an die Spitzengruppe fand. Denn ich hatte bei Kilometer null einen Platten und musste danach dem Feld nachjagen.

Wann haben Sie daran geglaubt, dass die Spitzengruppe durchkommt?
Die Hoffnung war schon immer da, dass wir es schaffen. Denn es gab nicht viele Fahrer, die den Bergsprint in Terme Luigiane gewinnen konnten. Damit gab es auch nicht viele Teams, die bereit waren, nachzuführen. So 20 oder 15 Kilometer vor dem Ziel wussten wir, dass die Moral hinten nicht mehr allzu gut sein konnte.

Was ging Ihnen 500 m vor dem Ziel durch den Kopf, als neben Ihnen nur noch der Belgier Jasper Stuyven und der Österreicher Lukas Pöstlberger für den Sieg infrage kamen?
Mein Gedanke war, dass ich pokern und mein Spiel durchziehen muss. Ich konzentrierte mich ganz auf meinen Sprint, und nicht auf die anderen zwei.

Es schien fast, dass niemand den Sprint zuerst lancieren wollte.
250 Meter vor dem Ziel zuckte noch keiner. Bei 200 Meter trat ich an, denn ich wusste, dass ich es von da durchstehen kann. Dass ich einen so starken Fahrer wie Stuyven in einem solchen Sprint besiegen kann, fühlt sich grossartig an. Ich kann das noch immer nicht ganz glauben. (sda)


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