Schwellbrunner Skiexperte: "Bei der Wahl des Skis trickse ich die Olympioniken manchmal aus"

PYEONGCHANG 2018 ⋅ Wenn heute im Langlauf und Biathlon erste Olympiamedaillen verteilt werden, hat auch Andi Mettler viel zu tun. Der Schwellbrunner erklärt, wie er die Profis in der Skiwahl berät – und spricht über Sand im Schnee.
10. Februar 2018, 14:57
Interview: Ralf Streule

Der Schwellbrunner Andi Mettler erlebt in diesen Tagen bereits seine sechsten Olympischen Winterspiele als Langlaufskiexperte. Zunächst war er für das Schweizer Team im Einsatz, zum Beispiel in Lillehammer 1994 oder in Vancouver 2010. Unterdessen betreut er Athleten der Skifirma Rossignol. Rund 40 Olympiaathletinnen und -athleten zählen in Pyeongchang auf seine Hilfe in Biathlon und Langlauf. Der 51-Jährige hat in seiner Werkstatt in Schwellbrunn die Skibeläge der Profis vorgängig geschliffen – und berät die Athleten vor den Olympiarennen bei der Skiwahl. 

Andi Mettler, am Montag sind Sie nach Pyeongchang geflogen, heute gilt es ernst mit den ersten Langlauf- und Biathlonentscheidungen der Frauen.
Ernst gilt es eigentlich schon lange, die ganze Saison steht im Zeichen von Olympia. Betreuer und Athleten sind schon lange nervös, auch weil es um die Olympiaselektionen ging. Das betraf natürlich auch mich: Bringt ein Athlet die Leistung nicht, ist ja meistens das Material schuld (lacht). 

Der Schnee in Pyeongchang soll anders sein als in der Schweiz. Sie waren zuvor nie vor Ort. Dennoch mussten Sie daheim reihenweise Skibeläge schleifen für Ihre Athleten. Wie konnten Sie sich ein Bild machen?
Ein Rossignol-Teamkollege war vor einem Jahr am Langlauf- und Biathlon-Weltcup dabei. Da habe ich genügend Feedback erhalten. Zudem wird ja vorwiegend auf Kunstschnee gelaufen – der unterscheidet sich nicht allzu stark von Schweizer Kunstschnee. Auch wenn die Nähe zum Meer mehr Feuchtigkeit mit sich bringen wird, wie sich bereits in Nagano 1998 gezeigt hat. Das haben wir aber im Griff. Die Frage ist höchstens, ob wir mit Sand rechnen müssen …

Mit Sand?
Die Rennen finden auf einem Golfplatz statt. Vergangenes Jahr im Weltcup gab es kleine Verwehungen aus den Sandbunkern. Gut möglich, dass dies wieder so sein wird. Die Wachsfirma Toko hat auf jeden Fall in Oberhof Tests mit Sandverwehungen gemacht. Ich musste extra dafür vom Golfplatz Gonten ein paar Eimer Sand liefern. 

Wie viele Ski haben Sie für die Olympiaathleten geschliffen und nach Pyeongchang mitgenommen?
Es sind rund 80 Paar. Ich habe die ganze Lieferung den Italienern mitgegeben, da diese einen Direktflug nach Seoul hatten. Ich hatte Zwischenhalt in Istanbul. Man stelle sich vor, die Fracht wäre dort hängen geblieben …

Wie sieht Ihre Arbeit während Olympische Spiele konkret aus?
Vor den Rennen laufe ich mit dem Servicemann des jeweiligen Nationalteams und mit dem Athleten eine Runde. Der schnellste Ski wird ausgewählt. Und dann vom Nationalteam gewachst. Damit habe ich aber nichts zu tun – ich bin nur für den Belag und dessen Schliff verantwortlich.

Biathlet Martin Fourcade (rechts), Doppelolympiasieger 2014, ist einer der Athleten, die von Andi Mettler beraten werden.

Biathlet Martin Fourcade (rechts), Doppelolympiasieger 2014, ist einer der Athleten, die von Andi Mettler beraten werden.

Sind Sie oft anderer Meinung als der Athlet?
Nicht oft, aber es kommt vor. Wenn die Entscheidung zwischen zwei Ski knapp ist, lasse ich den Athleten entscheiden. Wenn ich deutlich spüre, dass die Wahl des Sportlers falsch ist, versuche ich ihn auf meine Seite zu bringen. Dabei trickse ich manchmal auch und laufe mit dem Lieblingsski des Athleten etwas langsamer. Denn ich weiss: Manchmal sind die Sportler förmlich vernarrt in einen Ski, weil sie damit schon etwas gewonnen haben. Dann bin ich unbefangener und spüre besser, welcher Ski schneller ist. 

Es kann aber psychologisch helfen, wenn man den Erfolgsski trägt.
Ja. Aber wenn ein anderer spürbar besser ist, ist dieser Effekt im Vergleich vernachlässigbar. 

Bei den Alpinen reden Sie nie mit?
Die Schliffe, die für Alpinskis angewendet werden, sind komplett anders. Andere Geschwindigkeiten brauchen andere Strukturen, da kann ich definitiv nicht weiterhelfen.

Was freut Sie mehr: Wenn ein Schweizer oder wenn ein Rossignol-Athlet gewinnt?
Der Job spricht für Rossignol, das Herz für die Schweiz. Da habe ich doppelt etwas zu feiern. Und es gibt ja auch die Schweizer in unserem Team: Laurien van der Graaff, die Gasparin-Schwestern oder Toni Livers, um nur einige zu nennen.

Wie viele Medaillen erwarten Sie von den rund 40 Biathleten und Langläufern, die Sie betreuen?
Sicher kann man im Biathlon von Martin Fourcade etwas erwarten, und von Emil Hegle Svendsen. Bei den Frauen von Dorothea Wierer und – wer weiss – von Selina Gasparin.

Welche Athleten in Ihrem Team beeindrucken Sie besonders?
Fourcade ist sicher der herausragende Athlet bei uns. Seine Professionalität und seine Akribie sind vorbildlich. Das ist nicht bei allen so. Es gibt auch Athleten, bei denen kannst du schon nach dem ersten Gespräch sagen: Der wird es nie an Olympische Spiele schaffen, da fehlt etwas. Das Feuer, das Interesse. Anderen kann man mit psychologischen Tricks auf die Sprünge helfen.

Zum Beispiel?
Wie haben Skisäcke mit sogenannten Podium-Ski. Diese werden bei Rangverkündigungen für die Sieger herausgegeben. Der US-amerikanische Biathlet Lowell Bailey war an der WM vor einem Jahr kein Medaillenanwärter. Ich habe ihm aber mehrmals gesagt: «Im Podium-Skisack steckt ein Ski mit deinem Namen.» Er wurde prompt 20-km-Weltmeister. Natürlich nicht nur wegen mir, aber man glaubt kaum, was das ausmacht, wenn ein Athlet merkt: «Die glauben an mich!» Irgendwann hat er vielleicht mit dem Gedanken zu spielen begonnen, einen Titel gewinnen zu können.


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