Dank Social Media wurde Fabian Bösch zum Star der Spiele

WELTRUHM ⋅ Fabian Bösch hat mit seinem Rolltreppen-Video einen viralen Hit geschaffen. Der Schweizer Teammanager sagt, er habe Bösch nicht davon abgeraten – sondern ihn angespornt: Es sei vielleicht das ungefährlichste, was der Athlet bei den Spielen mache.
14. Februar 2018, 17:20
Claudio Zanini, Pyeongchang

Ein schwedischer Journalist fragt uns, ob wir zur Medienkonferenz von Fabian Bösch gehen. «Was ist er für ein Typ?», will der Kollege wissen. «Macht er öfters solche Dinge?» Drinnen im Foyer des Hotels, wo das Treffen mit den Freeskiern stattfindet, wartet unter anderem ein Vertreter vom «Wall Street Journal». Er ist wegen Bösch da. Wie wohl die meisten an diesem Nachmittag.

Der Grund für das übertriebene Interesse am 20-Jährigen aus Engelberg ist ein kurzes Video. Es zeigt Fabian Bösch, wie er die Rolltreppe benutzt. Er macht dies so, wie wir es alle noch nie getan haben – und wohl auch nie tun werden. Bösch steht an der Aussenseite der Treppe und lässt sich einhändig ins nächste Stockwerk hochziehen. Das Witzige: Ein Volunteer, der den konventionellen Weg wählt, scheint etwas irritiert ob der bizarren Situation, während Bösch kerzengerade bleibt.

Das Video wurde in zwei Tagen über 600'000 mal angeschaut. Böschs Follower haben sich in dieser Zeit von rund 26’000  auf über 51'000 hochgeschraubt – fast eine Verdopplung. Grosse News-Portale weltweit haben den Clip aufgegriffen. Sogar Lindsey Vonn meldete sich via Twitter. Sie wolle «diesen Typen und diese Rolltreppe» finden und das Kunststück selbst ausprobieren, schrieb die Amerikanerin. Mit der immensen Resonanz hat Bösch nicht gerechnet. Welche Eigenschaften über einen viralen Hit entscheiden, sei nicht durchschaubar. «Ein Video meines verrücktesten Tricks auf den Ski interessiert viel weniger.» 

Entstanden ist das Rolltreppen-Video, als sich die Freeski-Equipe im Hotelkomplex in Bokwang rumtrieb. «Wir mussten warten, es war langweilig. Dann kam uns diese Idee», sagt Bösch. Der Clip zeigt nicht seinen ersten Versuch. Er hat sich sachte herangetastet. Genauso, als würde er sich einen neuen Trick im Schnee antrainieren. Zuerst liess er sich beidhändig ein kurzes Stück von der Rolltreppe mitziehen, dann mit einer Hand, schliesslich ein längerer Abschnitt. «In unserem Sport kriegt man ein Gefühl für solche Dinge. An einen neuen Trick taste ich mich heran und mache ihn erst, wenn ich mir sicher bin, dass er funktioniert.» Das Risiko sei entsprechend gering gewesen. Dennoch rät Bösch vor Nachahmungen ab. Lindsey Vonn würde er den Trick jedoch schon zeigen, meint er grinsend. «Gemeldet hat sie sich bis jetzt aber noch nicht.»

«Er ist ein Koordinations-Genie»

Die Angst vor Verletzungen bei der Rolltreppen-Fahrt sei nicht begründet, sagt der Schweizer Teammanager Dominik Furrer. «Das ist vielleicht das ungefährlichste was Fabian macht. Im schlimmsten Fall wäre er zwei Meter runtergefallen. Nicht vergleichbar mit den Höhen im Training oder im Wettkampf.» Abgeraten hat Furrer sowieso nicht von der Aktion. Im Gegenteil: «Ich habe Fabian angespornt», sagt er. Bösch besitzt die körperliche Konstitution, um ein solches Wagnis einzugehen. Er wiegt knapp 60 Kilogramm bei 1,70 Körpergrösse. Bei den internen Krafttests gehöre er aber zu den Besten. Und wenn sein Trainer Misra Torniainen über Bösch spricht, tönt das so: «Er ist ein Koordinations-Genie.»

Doch so aussergewöhnlich, wie es auf den ersten Blick wirken mag, ist das Benehmen der Freeskier gar nicht. Vielmehr verhalten sie sich ihrer Sportart entsprechend. Denn diese funktioniert grundlegend anders als das alpine Pendant. Während auf einer Slalom-Piste mehr Struktur vorhanden ist, und ein gewisser Drill im Training unabdingbar scheint, kennt der Slopestyle wenig Gesetze, die Freiheit regiert. Insbesondere der Kurs in Bokwang, wo am Sonntag der Final stattfindet, fordert noch mehr Kreativität als andere Hänge. Gerade im ersten Teil des Parcours sind die Möglichkeiten, die der Athlet wählen kann, divers.

Die Flaute in Sotschi

Dass man seinen Kreationen auch abseits der Piste freien Lauf lassen soll, ist eine bewusste Zielvorgabe des Trainerteams. «In Sotschi 2014 haben wir den Fokus zu stark auf den Wettkampf gesetzt. Das war der falsche Weg», sagt Dominik Furrer. Die Ausbeute glich damals einem mittleren Debakel. Keiner der vier gestarteten Athleten landete unter den ersten 15. Der damals 16-Jährige Bösch klassierte sich auf dem 23. Platz.

Von Südkorea will das Schweizer Freeski-Team nun mehr mitnehmen als tonnenweise Klicks. Nebst Bösch stehen Andri Ragettli, Elias Ambühl und Jonas Hunziker am Start. Alle vier hätten das Potenzial für Medaillen, sagt Trainer Torniainen. Noch vor drei Monaten, als Bösch mit einer Blessur im Knie zu kämpfen hatte, meinte er, er wolle versuchen in die Nähe der Top 5 zu kommen. Nun sagt er beschwerdefrei: «Das Ziel ist das Podium.» Die Tricks dazu habe er. Jetzt meint er diejenigen auf der Piste.


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