"Dachte nur noch an die Nationalhymne"

OLYMPIA-RÜCKBLICK ⋅ 1988 sorgt Hippolyt Kempf in Calgary für den krönenden Abschluss der bis dato erfolgreichsten Winterspiele für unser Land und zugleich für das erste Gold eines Schweizer Nordischen überhaupt.
06. Februar 2018, 09:45

Die ersten Olympia-Bilanzen waren geschrieben und in die Schweiz übermittelt, die Vorbereitung für die Schlussfeier der XV. Winterspiele bereits in vollem Gang, als der Luzerner Kombinierer Hippolyt Kempf in der Nacht vom 28. auf den 29. Februar 1988 den Wettkampf seines Lebens absolvierte.

Kempf, vier Tage zuvor mit Fredy Glanzmann und Andreas Schaad Silbermedaillengewinner im Teamwettkampf, stürmte im Langlaufrennen über 15 km vom 3. Platz nach dem Springen zu Olympia-Gold. Er zeichnete dergestalt für den bis zum Doppel-Olympiasieg von Simon Ammann 2002 grössten Triumph in der Geschichte des nordischen Skisports in der Schweiz verantwortlich.

Nach der ersten von drei Runden hatte der Innerschweizer noch mehr als 50 Sekunden Rückstand auf den in Führung liegenden Österreicher Klaus Sulzenbacher gehabt, danach begann die eindrückliche Aufholjagd. "Kempf flog über die Hügel, als wenn er mit seinen Ski den Turbo gezündet gehabt hätte. Wie ein Boxer nützte der Schweizer instinktiv die Schwäche seines Gegners, um ihm den K.o.-Schlag zu versetzen", beschrieb die Zeitung "Sport" damals Kempfs Siegeslauf.

Erst als er Sulzenbacher vor sich gesehen habe, habe er zum ersten Mal an die Goldmedaille geglaubt, so der Luzerner. "Auf den letzten zwei Kilometern dachte ich nur noch an die Nationalhymne bei der Siegerehrung." 30 Jahre später spricht Kempf von einem "einschneidenden Tag in meinem Leben". Viele Momente während des Wettkampfs seien ihm noch immer sehr präsent.

Anders als heute war es damals unüblich, dass in der Nordischen Kombination das Skispringen und das Langlaufrennen am gleichen Tag stattfanden. Wegen starker Winde musste das Springen in Calgary am vorletzten Olympia-Tag abgesagt werden, die Kombinierer mussten gar um die Austragung ihres Wettkampfs fürchten. Am letzten Tag konnten frühmorgens schliesslich die Sprünge absolviert werden, wenige Stunden später erfolgte der Start zum zweiten Wettkampf-Teil auf der Loipe.

Für Kempf war dies ein gutes Omen, hatte doch in der Saison zuvor auch der Weltcup in Oberwiesenthal an einem Tag ausgetragen werden müssen. Damals errang der heute 52-jährige Langlauf-Chef von Swiss-Ski seinen ersten von insgesamt fünf Weltcupsiegen. "Die Erinnerung daran gab natürlich Selbstvertrauen."

Der Triumph in Calgary habe sein Leben insofern gravierend verändert, als dass die Erwartungshaltung an ihn - in allen Lebensbereichen - nun immer sehr hoch sei, erklärt Kempf. "Man ist Olympiasieger, entsprechend werden Spitzenleistungen erwartet. Man akzeptiert nichts anderes von mir."

Es vergeht keine Woche, in welcher Kempf nicht auf den Olympiasieg von 1988 angesprochen wird. "Ich erlebe noch heute sehr oft, dass ich von Leuten in der Öffentlichkeit angestrahlt werde. Auch gibt es immer wieder rührende Momente und Begegnungen." Kürzlich habe ihm eine Zugbegleiterin einen 5-Franken-Gutschein für den Speisewagen geschenkt und gesagt, sie wolle ihm damit Danke sagen. "Es ist schön, dass ich einmal in meinem Leben etwas gemacht habe, worüber sich sehr viele Leute gefreut haben und immer noch freuen."

30 Jahre nach seinem Gold-Lauf in Kanada wird Kempf in Pyeongchang als Verantwortlicher für die Schweizer Langläufer seine grosse Erfahrung einbringen. Es liegt also an Dario Cologna, Nathalie von Siebenthal und Co., dem ersten Schweizer Olympiasieger in einer nordischen Disziplin unvergessliche olympische Momente in Südkorea zu bescheren. (sda)


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