Nomaden mit Netflix

EISHOCKEY ⋅ Anders als noch vor einem Jahr steigt der HC Thurgau wieder mit zwei Ausländern in die Saison. Heute um 20 Uhr gegen Rapperswil-Jona ist die Feuertaufe von Jaedon Descheneau und Cam Braes, zwei Kanadier mit einer Schwäche für «Californication».
15. September 2017, 05:18
Matthias Hafen

Matthias Hafen

matthias.hafen@thurgauerzeitung.ch

In der NLB sind die ausländischen Spieler Stars. Sie bescheren den Clubs hohe Absatzzahlen bei den Saisonabos. Auf sie ist oft das ganze Spiel ausgerichtet. Sie müssen bei den Fans für unzählige Selfies herhalten. Was wäre Ajoie ohne Hazen und Devos? Was Langenthal ohne Kelly und Campbell? Die Ausländer haben in der NLB einen hohen Status, weil jeder Club nur zwei pro Spiel einsetzen kann. Sie werden fürstlich entlöhnt, machen aber oft den Unterschied aus. Das wird von ihnen erwartet. Es ist Fluch und Segen zugleich.

Beim HC Thurgau läuft das ein bisschen anders. Die beiden Ausländer in dieser Saison sind Nobodies. Noch Nobodies, möchte man nach den Vorbe­reitungsspielen anfügen. Cam Braes und Jaedon Descheneau: Zwei Namen, die schwieriger zu schreiben als zu merken sind. Ihr Weg führt zum ersten Mal nach Europa. Der 26-jährige Braes stammt aus der kanadischen Provinz British Columbia, der 22-jährige Descheneau aus Alberta. Beide verpflichteten sich für ein Jahr beim NLB-Club aus Weinfelden. Sie sind hier, weil sie in Nordamerika Mittelmass waren und nun in Europa durchstarten wollen. Aber auch, weil sie in das bescheidene Budget der Thurgauer passen. «Eine gute Wahl», findet Braes. «Am Ende werden beide Seiten profitieren.»

Geholt, um zu skoren

Mit dem Druck, der auf NLB-Ausländern lastet, könnten sie umgehen, sagen die Kanadier. «Wir wissen, dass wir geholt worden sind, um zu skoren», so Descheneau. «Wir haben schon zu Juniorenzeiten wichtige Rollen in unseren Teams eingenommen», fügt Braes an. Er hat mit der Universität von New Brunswick schon einen Titel gewonnen. Um sich ans europäische Eishockey zu gewöhnen, bräuchten sie aber noch Zeit. «Hier wird mehr Wert auf Puckbesitz gelegt als in Kanada, wo die Scheibe viel schneller weitergegeben wird.» Meist bildeten Mittelstürmer Braes und Powerflügel Descheneau mit Toms Andersons eine Angriffs­linie. «Er ist der kanadischste unserer Mitspieler», sagen beide. Für Trainer Stephan Mair gibt es im heutigen Auftaktspiel gegen Rapperswil-Jona keinen Grund, das Trio auseinanderzureissen. «Sie harmonieren immer besser», so Mair. Ihr Charakter passe auch bestens ins Team. «Wir sind einfache Kanadier mit einem einfachen Ziel», sagen Braes und Descheneau unisono. «Wir wollen unseren Lebensunterhalt mit Eishockey verdienen. Wie Kanadier eben.» Es ist anzunehmen, dass der HC Thurgau nicht ihre letzte Station bleiben wird. Wenn sie hier durchstarten, dann werden Angebote anderer Clubs eintrudeln. Reüssieren sie nicht, gibt es in Europa zahlreiche Ligen auf tieferem Niveau.

Sommer, Sonne, sexy Frauen

Braes und Descheneau sind vorbereitet auf ein Nomadenleben, kennen das schon aus Nordamerika. Während der Saison nehmen sie nur so viel Leben mit wie nötig: einen Internetanschluss, Skype, Facebook und Netflix, das Internet-Fernsehen. Familie und Freundschaften werden in der Nebensaison gepflegt. Umso glücklicher ist Descheneau, dass sich mit Braes eine Freundschaft entwickelt. «Es ist schon cool, wenn du einen anderen Kanadier im Team hast.» Nach den Trainings sässen sie oft vor dem TV. Die Serien «Californication» und «Entourage» stehen weit oben auf der Hitliste. «Sommer, Sonne, sexy Frauen», sagt Descheneau mit einem breiten Lachen, das eine ebenso breite Zahnlücke offenbart. Keine Frage: Auf dem Eis haben Thurgaus neue Kanadier schon viel erfahren. Abseits davon geniessen sie es umso mehr, noch jung zu sein.


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