Borussia Mönchengladbach: Konsternation nach fetten Jahren

FUSSBALL ⋅ Borussia Mönchengladbach gehört inzwischen zu den umsatzstärksten Klubs der deutschen Bundesliga. Doch der Schweizer Fraktion um Goalie Yann Sommer droht ein weiteres Jahr ohne Europacup-Einnahmen.
15. April 2018, 08:22
Sven Schoch (SDA), Mönchengladbach

Sven Schoch (SDA), Mönchengladbach

In seiner vierten Saison am Niederrhein macht Yann Sommer neue, teilweise unliebsame Erfahrungen. Er bekommt hautnah mit, wie sehr den Anhängern die eher schleppende Performance in der Rückrunde missfällt. Im Anschluss an den glückhaften 2:1-Heimsieg gegen Hertha Berlin am letzten Wochenende verwickelten frustrierte Exponenten der Nordkurve den Schweizer Keeper in Diskussionen.

Die Lage ist nach dem Gastspiel beim Branchenprimus Bayern München (1:5-Niederlage) nicht dramatisch, aber die Klassierung im tabellarischen Mittelfeld löst im Umfeld Unbehagen aus. Nostalgie und Gegenwart vermengen sich. Die fetten Champions-League-Jahre haben die externe Anspruchshaltung verändert, die aktuelle Realität ist indes eine andere: ein wegen einer Verletzungswelle lange dezimiertes Kader, nur drei Siege in der Rückrunde und seit dem Jahreswechsel drei Punkte weniger als der designierte Absteiger 1. FC Köln.

Finanziell die Nummer 6 der Liga

«Unsere Platzierung hängt von verschiedenen Faktoren ab», sagt der Schweizer Nationalgoalie Yann Sommer zum bislang ungünstigen Frühling. Die Ausfälle spielen seiner Meinung nach eine Rolle, aber als Entschuldigung für die vielen unspektakulären Auftritte will er das medizinische Bulletin nicht aufführen: «Ein 0:0 in Mainz entspricht sicherlich nicht unseren Vorstellungen, aber wir spielten zu oft keinen besseren Fussball.»

Max Eberl, seit bald einer Dekade als dynamischer und wortgewaltiger Sportchef massgeblich beteiligt am Aufschwung der Borussia, macht keine komplizierten Rechnungen. Für ihn gilt nach wie vor eine verlässliche Formel: «Ein einstelliger Tabellenplatz.» Sein Klub habe in vier der letzten fünf Spielzeiten die Hausaufgaben gemacht und zugleich von Fehlern der höher eingeschätzten Konkurrenz profitiert.

Es gibt nun aber auch Beobachter, die Eberls Vorgabe im Kontext mit dem rasanten Umsatzwachstum der Gladbacher kritisch beurteilen. Im letzten Geschäftsjahr vermeldete der Verein ein Rekordergebnis von 196,9 Millionen Euro; innerhalb von knapp sechs Jahren vergrösserte Mönchengladbach sein wirtschaftliches Volumen um über 144 Prozent und zählt inzwischen hinter Bayern, Borussia Dortmund, Schalke, RB Leipzig und Bayer Leverkusen als Nummer 6 zu den Big Playern der Liga.

Infrastruktur wird grosszügig erweitert

Direkt neben dem vereinsei­genen Stadion wird ein moder­-ner 31-Millionen-Euro-Komplex hochgezogen, der im kommenden Herbst bereit sein soll. Geplant ist neben dem neuen Hotel mit Museum, der erweiterten Geschäftsstelle, einem Reha-Zentrum und dem Ärztehaus zudem der Bau eines Jugend-Internats. Die Investments sind beträchtlich, der Druck auf das Personal im sportlichen Sektor steigt.

Die Baustelle erinnert Sommer täglich an die ehrgeizigen Ziele der Organisation: «Hier sehe und spüre ich den Aufschwung. Gladbach hat den Anspruch, international dabei zu sein», sagt der Schweizer WM-Goalie. Die Umrisse des neuen architektonischen Prunkstücks verdeutlichen die Vorwärtsstrategie des Vereins, der neue Einnahmequellen erschliessen will, der sich auf jeder Ebene fit machen muss für die diversen Herausforderungen der Zukunft.

Der Zuschauerschnitt hat sich bei gegen 51'000 eingependelt. Die Konsumenten wurden vor allem während der mehrjährigen Ära von Lucien Favre mit Spitzenfussball verwöhnt. Die Anziehungskraft der Champions League war enorm, die europäischen Häppchen goutierten die Borussia-Aficionados. Barcelona klingt besser als Berlin, der Appetit ist generell gestiegen.

Entsprechend fielen die Reaktionen nach der jüngsten Stagnierung aus. «Wir haben alle nicht zu 100 Prozent das gemacht, was wir hätten tun müssen, um Europa zu erreichen», gestand Eberl im «Aktuellen Sportstudio» im ZDF ein. Die «Rheinische Post» deutete die frostige Stimmungslage «als Richtungsstreit in Mönchengladbach».


Anzeige: