Ostschweiz hat Nachwuchsproblem im Handball

HANDBALL ⋅ Morgen bestreitet die Schweizer Handball-Nationalmannschaft in St.Gallen das WM-Qualifikationsspiel gegen Bosnien-Herzegowina. Im Schweizer Kader stehen 17 Spieler, mit Benjamin Geisser aber nur ein Ostschweizer.
09. Januar 2018, 07:17
Daniel Good, Fritz Bischoff

Daniel Good, Fritz Bischoff

Im Handballsport trifft es zu, dass die Schweiz nach Winterthur aufhört. Zumindest was die Nationalmannschaft der Männer betrifft. Schon seit Jahrzehnten stellt die Ostschweiz kaum mehr Internationale, obwohl mit St. Otmar einer der traditionsreichsten Vereine des Landes im Osten beheimatet ist. Und der Handball in der Region Bedeutung hat(te).

Aber mit der Entwicklung der regionalen Talente tun sich die Ostschweizer Vereine schwer. Man ist zwar bemüht, aber jeder Club wurstelt für sich. «Dabei müsste es so sein, dass St.Otmar den Lead hat und in einer Partnerschaft mit Vereinen wie Fortitudo Gossau, Appenzell, Fides oder Arbon die jungen Spieler zur Blüte bringt», findet Gossaus Trainer Rolf Erdin. Profitieren würde die gesamte Ostschweizer Handballbewegung. «Aber die Zusammenarbeit zwischen den Vereinen ist schlecht. Die Clubs sehen sich als Konkurrenten. Alle machen zwar etwas, aber nichts ist koordiniert», sagt René Wyler, der Leiter der Sportschule Appenzellerland in Teufen.

Auch eine Frage der Ehre

Benjamin Geisser, der Kreisläufer St. Otmars, ist der einzige Ostschweizer, der morgen in St.Gallen mit der Schweiz gegen Bosnien-Herzegowina antritt. «Schon in den nationalen Nachwuchsauswahlen hat es wenige Ostschweizer Spieler. Talente haben wir schon, aber zwischen dem Schweizer Verband und St.Otmar fehlten in der Vergangenheit oft die Kontakte», sagt der 27-jährige Geisser. Zudem seien zu wenige Ostschweizer bereit, wie er zu 100 Prozent auf den Sport zu setzen, so Geisser. Dominik Jurilj oder Tobias Wetzel haben das Potenzial für höhere Aufgaben, aber beide Spieler St.Otmars studieren in Zürich.Geisser sagt auch, dass es eine Sache der Ehre sei, für die Schweiz zu spielen. Zu verdienen gibt es nichts. Das Geld kommt von den Clubs.

Weil der Sprung von den Junioren in die NLA so gross ist, dass ihn kaum einer auf Anhieb schafft, müssen sich die Talente St. Otmars Spielpraxis in unteren Ligen verschaffen. Geisser ging einst nach Arbon, dann zu Gossau, wo er zum erfolgreichsten Torschützen der NLA wurde. «Sehr wichtig ist, dass ein junger Spieler, der St.Otmar verlässt, vom Club eine Wertschätzung erhält für das, was er im Nachwuchs geleistet hat. So kommt er viel lieber zurück», sagt Geisser.

Die fehlende Wertschätzung

Die Wertschätzung der scheidenden Talente, die sich in unteren Ligen das Rüstzeug für eine NLA-Karriere holen wollen, vermisst Geisser bei St.Otmar. Auch bei ihm war es so. Bevor er sich 2015 wieder St. Otmar anschloss, versuchte er sich in Schaffhausen.

Geisser ist das Paradebeispiel für eine gelungene Entwicklung. Aber sein Werdegang ist ein Einzelfall. «In den Handballclubs wird zu wenig zielorientiert gearbeitet mit den Talenten», sagt Simon Massari, der Leiter der United School of Sports in St.Gallen. Breite und Elite würden in den gleichen Topf geworfen. «Dabei gibt es pro Jahrgang nur wenige Talente, die es später schaffen. Umso stärker müssen sie im Juniorenalter gepflegt werden.» Massari sagt auch, dass viele Clubs Angst hätten, einen talentierten Spieler weiterzugeben, weil sie ihn verlieren könnten. Nur drei Handballer besuchen derzeit Massaris Schule, zwei von ihnen spielen in Zürich.

Die Gretchenfrage des Nachwuchschefs

Der erfahrene Trainer und Heilpädagoge Uwe Jungclaus ist seit einem Jahr Nachwuchschef des TSV St. Otmar. «Ich habe mich auch schon gefragt, weshalb es in den Nationalmannschaften so wenige Ostschweizer hat», sagt er. An Jungclaus liegt es nun, der regionalen Nachwuchsbewegung auf die Sprünge zu helfen. «Es braucht nun viel Vertrauen von allen Seiten und eine gemeinsame Ausbildungsstrategie», sagt er. Es ist kein einfacher Weg.


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