Grosse Liebe im zweiten Anlauf

NACHWUCHS ⋅ Martina Hingis hier, Martina Hingis da – beim WTA-Turnier in Lugano gab es kaum einen Weg vorbei an der besten Schweizer Tennisspielerin der Geschichte. Sie setzt sich an allen Fronten für die nächste Generation ein.
17. April 2018, 05:16
Marcel Hauck (SDA)

Marcel Hauck (SDA)

 

Hingis spielte mit Wettbewerbsgewinnern Tennis, schrieb unzählige Autogramme, stand für Selfies bereit, gab den Medien Auskunft, assistierte bei der Siegerehrung. Als Botschafterin des neuen Frauenturniers war sich die 37-jährige Ostschweizerin für nichts zu schade. «Ich bin das Mädchen für alles», so Hingis. Und sie hat schöne Erinnerungen an Lugano: 1993 wurde sie hier als knapp 13-Jährige Schweizer Meisterin bei den Erwachsenen.

So wichtig sie für das Gelingen des Anlasses im Tessin ist, Hingis füllt eine für das Schweizer Tennis noch viel wichtigere Rolle aus. Sie ist Trainerin des Fed-Cup-Teams, die rechte Hand von Captain Heinz Günthardt und vor allem auch eine Mentorin für die aktuelle und kommende Generation von Schweizer Tennisspielerinnen. Eine Rolle, in der die 25-fache Grand-Slam-Siegerin voll und ganz aufgeht. Die Wandlung ist verblüffend. Denn während vieler Jahre hatte Hingis dem Teamwettbewerb die kalte Schulter gezeigt. Ähnlich wie Roger Federer legte sie ihre Priorität auf den Gewinn weiterer Grand-Slam-Titel und die Eroberung oder Verteidigung der Nummer eins in der Weltrangliste. Nach dem 1998 verlorenen Final gegen Spanien spielte sie 17 Jahre lang nicht mehr im Fed Cup.

Die Konstanz entscheidet

2015 kehrte Hingis, mittlerweile eine reine Doppelspezialistin, für das Aufstiegs-Playoff in Polen zurück – und der Funke sprang sofort. Die Schweiz stieg in die Elite der acht besten Nationen auf, Hingis war aus dem Team nicht mehr wegzudenken. Sie begeisterte die Mitspielerinnen wie Timea Bacsinszky, Viktorija Golubic oder Belinda Benci mit ihrer Erfahrung, taktischen Schlauheit und mit ihrem bedingungslosen Teamgeist. Zumindest die Öffentlichkeit hatte eigentlich angenommen, für Hingis gehe es mit dem Fed-Cup-Einsatz eigentlich nur darum, die Qualifikationskriterien für die Olympischen Spiele zu erfüllen.

Rio 2016 ist längst vorbei. Aus dem erhofften Mixed mit Roger Federer wurde wegen dessen Knieoperation nichts, dafür gab es die Silbermedaille im Doppel mit Bacsinszky. Dem Fed Cup kehrte Hingis danach nicht den Rücken – auch nicht nach ihrem dritten und wohl definitiven Rücktritt vom Wettkampftennis vor einem halben Jahr. Im Gegenteil: Bereits in der Qualifikation war Hingis in Lugano omnipräsent und beobachtete die jungen Schweizerinnen. Was sie sah, müsste sie einigermassen ernüchtert haben. Einzig die 17-jährige Leonie Küng gewann beim 6:2, 1:6, 1:6 gegen Cagla Büyükakcay wenigstens einen Satz. Gerade dieses Resultat ist für Hingis aber wenig überraschend: «Das ist der grosse Unterschied zwischen Juniorentennis und den Erwachsenen: Die Konstanz, zwei Sätze durchzuziehen.»

Hingis sieht die Zukunft im Schweizer Tennis nicht so schwarz. Man müsse halt auch einmal etwas Geduld haben. «Das Wichtigste ist die Leidenschaft», betont sie. Die Gegenwart ist aber schwierig. Die Chance, am Wochenende in Rumänien gegen die Weltnummer 1 Simona Halep und ihre Teamkolleginnen den Abstieg zu verhindern, ist klein. Auch, weil die Schweizerinnen mit Verletzungen und Formschwäche kämpfen.

Das Gewinnen wieder lernen

Vor allem bei Golubic, die gerade im Fed Cup schon sehr positiv überrascht hat, ist die Verunsicherung mit Händen greifbar. Dreimal spielte sie in diesem Jahr im Hauptfeld eines WTA-Turniers, einmal im Fed Cup gegen Petra Kvitova. Das Resultat der Zürcherin: vier Niederlagen. Eine Lösung hat Hingis auch nicht. «Es braucht auch wieder die Erfahrung des Gewinnens.» Und wer könnte das besser vermitteln, als die Frau, die während 209 Wochen die Nummer 1 der Einzel-Weltrangliste war.


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