Martic will das Unmögliche

EX-ESPE ⋅ Der ehemalige St.-Gallen-Profi Ivan Martic stürmt mit dem kroatischen Club Rijeka in Richtung Meistertitel. Es wäre der erste der Vereinsgeschichte. Dieser könnte sich auch positiv auf seine Karriere auswirken.
16. Mai 2017, 13:00
Alexandra Pavlovic
Erstmals seit elf Jahren könnte Dinamo Zagreb vom Thron der kroatischen Liga gestossen werden. HNK Rijeka, der für gewöhnlich den zweiten Platz belegt, will endlich aus dem Schatten treten und sich den Meistertitel sichern. Rijeka würde damit nicht nur Geschichte im eigenen Verein schreiben, sondern auch die Monotonie, die seit Jahren den kroatischen Fussball beherrscht, endlich durchbrechen. Einen Beitrag am Erfolg leistet auch Ivan Martic. Als ehemaliger FC-St.Gallen-Profi ist der gebürtige Uzwiler vor drei Jahren aufgebrochen, um im Ausland seinen Traum einer Fussballkarriere fortzusetzen.

Als «sensationell» beschreibt Martic das Gefühl, wenn er einen Blick auf die Tabelle wirft und sein Team auf Platz eins sieht. «Wer den kroatischen Fussball kennt und in den vergangenen Jahren mitverfolgt hat, weiss, dass unser Erfolg nicht selbstverständlich ist», sagt der 26-jährige Rechtsverteidiger. Und in der Tat: Rijeka war in den vergangenen drei Jahren jeweils nur Vizemeister. Am Ligakrösus Dinamo Zagreb kam keine Mannschaft vorbei. Zu mächtig war bisher das Team, um deren dubiosen Ex-Präsidenten Zdravko Mamic. Wegen des Verdachts auf Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung wurde der 57-Jährige schon zweimal in Untersuchungshaft gesetzt. Trotz all den Vorwürfen gilt Mamic als einer der einflussreichsten Fussballfunktionären Kroatiens. Doch in dieser Saison ist für Zagreb alles anders. Drei Spieltage vor Schluss hat Rijeka einen Vorsprung von fünf Punkten auf den Abonnementmeister.
 

«Niemand geniesst einen Sonderstatus»

Dass der Club aus der Hafenstadt derart auftrumpft, kommt nicht von ungefähr. Der Verein hat viele Spieler mit Balkanbezug verpflichtet, die sich im Ausland nicht so richtig durchsetzen konnten, und ihnen eine neue Chance gegeben. Unter Trainer Matjaz Kek sind einige aufgeblüht. Mit Kek steht ein Stratege an der Seitenlinie, der das kalkulierte Risiko liebt und ein 4-2-3-1 spielen lässt. Ein weiterer Grund des Erfolgs rührt daher, dass im Team keine «Divas» vorhanden sind. Und darin liege die Stärke des Teams, sagt auch Martic. Für den Coach spiele es keine Rolle ob man ein Niemand sei, oder ein weltbekannter Fussballer. Jeder Profi müsse für seinen Stammplatz gleich viel schuften. «Niemand geniesst einen Sonderstatus.» Die Mischung der Charaktere passt offenbar und auch Martic gefällt das: «Wir greifen an, spielen ein schnelles Spiel nach vorne, jeder geht für jeden – das Team agiert auf dem Feld als Einheit.» Dementsprechend positiv fallen die Ergebnisse aus: 25 Siege, sieben Unentschieden und nur eine Niederlage.

Für Martic lief die Saison bei Rijeka bisher durchzogen. Mal spielte er 90 Minuten durch, mal gab es keinen Spieleinsatz. Tore hat der offensive Rechtsverteidiger zwar keine erzielt, dafür welche vorbereitet. Das stört ihn nur minimal. «Es sieht gut aus, dass wir den Pokal am Ende der Saison in die Höhe stemmen. Da spielt es keine Rolle, wer wie viel gespielt hat», sagt er. Wichtig sei, dass man als Kollektiv Erfolg habe. Da müsse man die eigenen Interessen auch einmal zurückstellen. Der 26-Jährige verhält sich daher weiterhin professionell. Er trainiert und arbeitet an sich, um bereit zu sein, wenn der Trainer ihn braucht. Schliesslich weiss man als Fussballer nie, wo man landet, so Martic. «Mir ist es wichtig stets eine weisse Weste zu haben.» In der 130'000 Einwohner grossen Stadt Rijeka hat sich der Uzwiler rasch eingelebt. Als Schweizer mit kroatischen Wurzeln ist er der Landesprache mächtig. Auch kennt er die Kultur. Und obwohl er mit seiner Freundin eine Wohnung bewohnt, fühlt er sich nicht ganz heimisch. Er vermisse vor allem die Familie und Freunde. Aber auch das geordnete Leben in der Schweiz.




Obschon sein Herz für den Balkan schlägt, empfindet er die Schweiz als seine Heimat, sagt Martic. «Schliesslich habe ich in der Ostschweiz 22 Jahre meines Lebens verbracht.» Etwas schwieriger war es, als er in Italien war. Er brauchte länger, um sich an alles zu gewöhnen. Nachdem Martic 2007 den Sprung von den FC-St.Gallen-Junioren in die erste Mannschaft geschafft hatte und unter Jeff Saibene zu Einsätzen kam, gar in der Europa League spielte, verlängerte er im Jahr 2014 seinen auslaufenden Vertrag nicht. Er wollte ins Ausland und so verliess er den FC St.Gallen im Sommer ablösefrei in Richtung Italien. Nach zehn Jahren Grün-Weiss heuerte der damals 23-Jährige fortan beim italienischen Serie-A-Club Hellas Verona an. Ein Jahr blieb Ivan Martic dort, ehe sich Sportdirektor und Trainer zerstritten und vom Verein entlassen wurden. Mit Ihnen die 12 Neuzuzüge – der Uzwiler war einer davon. Bei Spezia Calcio, einem Serie-B-Club, fand Martic im Sommer 2015 schliesslich Anschluss. Der Club hatte sich zum Ziel gesetzt in die Serie A aufzusteigen. Und Martic? «Mir gefiel das Konzept. Zudem wollte ich mich bei Spezia beweisen. Leider hat es nicht geklappt wie erhofft.» Wegen eines Muskelfaserrisses am hinteren Oberschenkel musste er zwei Monate pausieren. Er kam dennoch auf 19 Einsätze. Trotz guter Leistungen scheiterte der Club jedoch im Halbfinale der Playoffs und verpasste den Sprung in Italiens höchste Liga. 
 

«Ich habe gelernt, mehr die Ellbogen einzusetzen»

Martic aber, wollte nicht einen Schritt zurück, sondern weiter nach vorne. Die Serie A war schliesslich sein Ziel. «Die Zeit im Ausland hat mich gelehrt, mehr die Ellenbogen einzusetzen und nicht immer alles stillschweigend hinzunehmen», sagt der 26-Jährige. Als noch unerfahrener junger Spieler getraue man sich das in gewissen Situation nicht. Heute, etwas älter und reifer, sage er seine Meinung. Den Verantwortlichen von Spezia Calcio habe er daher auch sein Interesse eines Wechsels bekundet. Ein Angebot aus Rijeka kam damals gerade zum richtigen Zeitpunkt. Bereits während seiner Zeit bei Hellas Verona klopfte der kroatische Club mehrmals an. Doch Martic winkte jedes Mal ab. Im Sommer 2016 verspürte er aber, dass eine Veränderung nötig war und unterschrieb einen Dreijahresvertag.

Seinen Entscheid zu wechseln, hat der Uzwiler bis heute nicht bereut, wie er sagt. «Wenn ich sehe, wo ich heute mit Rijeka stehe, fühle ich mich in meinem Entschluss bestätigt.» Es sei der richtige Schritt gewesen. Der Gewinn des Titels könnte sich nun auch positiv auf Martics weiteren Karriereverlauf auswirken. Wohin es ihn verschlägt, weiss er noch nicht. «Der Fussball ist ein schnelllebiges Geschäft. Es kann plötzlich ein passendes Angebot kommen.» Martic könnte mit seinen Qualitäten auch wieder Thema in St.Gallen werden. Mario Mutsch verlässt den Verein per Ende Saison und mit Silvan Hefti haben die Espen lediglich einen auf der Position des Rechtsaussen. Konkret darauf eingehen will der 26-Jährige aber nicht. Dennoch macht er keinen Hehl daraus, wieder für St.Gallen spielen zu wollen. «Eines Tages wieder vor Ostschweizer Publikum auf dem Rasen zu stehen, wäre ein Traum.» St.Gallen habe ihm nicht nur viel gegeben, sondern auch vieles ermöglicht. Eine weitere Tür könnte sich für Martic Richtung Nationalmannschaft öffnen. Der bosnische Verband hat Kontakt zu ihm aufgenommen und bemüht sich seit einiger Zeit um die Dienste des Ostschweizer. Da Martics Eltern aus Derventa stammen – einer Stadt im Norden Bosniens – und zur Volksgruppe der Kroaten gehören, besitzt er neben der kroatischen, auch die bosnische Staatsbürgerschaft. «Ob meine Leistungen reichen, wird sich zeigen», sagt Martic.  Vorerst will er die Saison zu Ende spielen und im kroatischen Fussball mit Rijeka das Unmögliche möglich machen.
Video: Martics Vorlage zum 1:0

Der HNK Rijeka bodigt zu Hause Hajduk Split mit 2:0. Der Ostschweizer Ivan Martic lanciert in der 36. Spielminute mit einem weiten Pass seinen Mitspieler Gorgon, der das 1:0 für Rijeka erzielt. (Youtube )




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