Israel spielt trotz Sabbatruhe im Ländle

KICKEN STATT BETEN ⋅ Heute Abend findet in Vaduz das WM-Qualifikationsspiel zwischen Liechtenstein und Israel statt. Streng genommen dürften die israelischen Fussballer nicht auf dem Platz stehen. Am Freitagabend beginnt der jüdische Ruhetag Sabbat – Arbeiten ist dann verboten.
06. Oktober 2017, 15:55
Janique Weder
Wenn die israelische Fussballelf heute um 20.45 Uhr den Rasen des Rheinpark-Stadions in Vaduz betritt, könnte dies in Israel für mehr Gesprächsstoff sorgen als im Ländle selbst. Weniger der WM-Qualifikation wegen; in der Gruppe mit Spanien und Italien waren die Israeli von Beginn weg chancenlos. Umstrittener ist der Zeitpunkt des Spiels. Mit Sonnenuntergang beginnt am Freitag jeweils der jüdische Ruhetag Sabbat. Streng genommen ist Fussballspielen dann eine kriminelle Handlung. Am Sabbat soll der Mensch ruhen, so steht es im zweiten Buch Mose. Arbeit zu verrichten, ist laut jüdischem Gesetz verboten.

Am Sabbat soll das Stadion leer bleiben

Fussball am Sabbat, diese Gewohnheit ist älter als der Staat Israel selbst. In jüngster Zeit fanden jedoch vermehrt Diskussionen statt, ob das Fussballspielen am Sabbat verboten werden soll. Im September erst hatte das Oberste Gericht eine Petition angenommen, die beanstandete, dass der israelische Liga-Spielplan das Einhalten der Sabbatruhe verunmögliche. Unter den 250 Petitionären befanden sich unter anderem Nationalspieler, Trainer sowie ehemalige Fussballer. Sie wollen dem samstäglichen Match ans Leder – obwohl dieser Tag in Israel, ähnlich wie in Europa, der wichtigste Fussballtag der Woche darstellt.

Ein absolutes Verbot hat sich bislang nicht durchgesetzt. Eine Rolle spielt dabei die fussballerische Verflechtung auf internationaler Ebene. So wird etwa der Spielplan für die WM-Qualifikation von der Uefa organisiert. Deren Medienstelle schreibt auf Anfrage: «Beim Aufsetzen des Spielplans berücksichtigt die Uefa religiöse Feiertage und Feste.» Die Uefa bemühe sich, Heimspiele in Israel nicht auf einen Freitagabend oder Samstag zu legen. Auch Auswärtsspiele würden, wenn möglich, nicht am Sabbat ausgetragen. Wegen der Terminpläne anderer Mannschaften und der Verfügbarkeit der Austragungsorte könne darauf jedoch nicht immer Rücksicht genommen werden.

Streik-Drohungen vom Fussballverband

In Israel schwelt der Streit über die Handhabung von Fussballspielen am Sabbat seit längerem. 2015 hatten fromme Fussballer aus der zweiten Liga geklagt, der Liga-Spielplan verunmögliche es ihnen, ihren religiösen Verpflichtungen am Sabbat nachzugehen. Daraufhin befand ein Arbeitsgericht in Tel Aviv, dass sich alle Vereine strafbar machen, die ihre Spieler am Ruhetag spielen lassen. Ein Grossteil der Bevölkerung reagierte empört; kaum etwas ist den säkularen Israeli heiliger als ihr samstägliches Fussballspiel. Auch der Israelische Fussballverband reagierte trotzig auf den Entscheid und drohte mit einem Generalstreik – erfolgreich. Bis dato finden Ligaspiele weiterhin an Samstagen statt. Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Unterstützung erhalten die frommen Fussballer von Israels orthodoxen Kräften, welche den Kampf um die Sabbatruhe auch ausserhalb der Fussballstadien führen.

«Fussball und Sabbat schliessen sich nicht aus»

«Es gibt durchaus orthodoxe Rabbiner, für die Fussball am Sabbat ein Problem darstellt», sagt Tovia Ben-Chorin, Rabbiner der jüdischen Gemeinde in St.Gallen. Ben-Chorin, der sich selbst als liberalen Rabbi bezeichnet, sieht dem heutigen Spiel gelassen entgegen. «Wir leben in einer modernen Welt. Niemand kann zur Sabbatruhe gezwungen werden», sagt er. Fussball und Sabbat würden sich seiner Meinung nach nicht ausschliessen. Ein Spieler könne sein Sabbatritual halten und danach auf den Platz gehen. «Das liegt aber nicht in der Verantwortung des Fussballverbandes, sondern in der jedes einzelnen Spielers.»

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